WM-Sieg 1954 : Das Wunder von Bern: ein Rückblick

Deutschland wurde bereits vier Mal Weltmeister. Doch kein Titel ist so bedeutsam wie der erste. Der als „Wunder von Bern“ beschriebene Finalsieg über Ungarn gilt als Meilenstein - sportlich und gesellschaftlich.

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24. Mai 2018, 16:49 Uhr

Nicht nur echte Fans verspüren den Hauch der Geschichte. Fast ehrfürchtig bestaunen die Besucher des Deutschen Fußball-Museums in Dortmund die Exponate zur WM 1954. Der wie ein Schatz in einer Vitrine ausgestellte Spielball aus dem Finale, der in die Jahre gekommene Schuh des Siegtorschützen Helmut Rahn und die Regengeräusche aus den Lautsprechern hinterlassen Wirkung. „Das Wunder von Bern“ bringt selbst lärmende Schulklassen zur Ruhe. „Es war der Urknall für den deutschen Fußball. Ohne ihn hätte er sich ganz anders entwickelt“, kommentiert Museumsdirektor Manuel Neukirchner, „deshalb haben wir den Komplex an den Anfang gesetzt.“

Das 3:2 der DFB-Elf im Regen von Bern über das damals eigentlich übermächtige Starensemble aus Ungarn wurde zum Mythos. Der „Geist von Spiez“ ist als Begriff ebenso wie die legendäre Radio-Reportage von Herbert Zimmermann („Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“) fest im kollektiven Fußball-Gedächtnis der Nation verankert. „Dieser Erfolg ist für den deutschen Fußball der Bedeutsamste“, sagt Neukirchner mit Verweis auf die andächtige Stimmung im Museum. „Dieser Raum funktioniert generationsübergreifend am besten. Oft sind Großeltern zu sehen, die ihren Enkelkindern von der WM erzählen.“

Fritz Walter und Sepp Herberger wurden in Bern nach dem 3:2-Sieg über Ungarn im WM-Endspiel 1954 gefeiert. dpa
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Fritz Walter und Sepp Herberger wurden in Bern nach dem 3:2-Sieg über Ungarn im WM-Endspiel 1954 gefeiert. dpa
 

Der erste und unerwartete Titelgewinn erfüllte das Land mit Stolz. „Zum ersten Mal nach dem Krieg standen die Deutschen oben, und das gar nicht angefeindet“, beschrieb der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher kurz vor seinem Tod 2016 „das gewaltige Spiel von Bern“. Hunderttausende säumten die Gleise und Straßen, als die Mannschaft von Trainer Sepp Herberger in die Heimat zurückkehrte. „Was das für die Leute zu Hause bedeutet, haben wir erst gemerkt, als wir wieder deutschen Boden betreten haben“, schwärmte der heute 86 Jahre alte Horst Eckel, einziger noch lebender Weltmeister, noch Jahrzehnte später.

Nach Meinung von Joachim Fest ist der 4. Juli 1954 „in gewisser Hinsicht das Gründungsdatum der Bundesrepublik Deutschland“. „Ein Freund hat mir einmal gesagt, neben Konrad Adenauer politisch und Ludwig Erhard wirtschaftlich ist Fritz Walter der mentale Gründungsvater der Bundesrepublik. Ein bisschen davon ist wohl richtig“, befand der Historiker.

Goldener Zeitzeuge: Der Originaball des Endspiels von Bern 1954 im Deutschen Fußballmuseum.
Ina Fassbender
Goldener Zeitzeuge: Der Originaball des Endspiels von Bern 1954 im Deutschen Fußballmuseum.
 

Selbst fast 50 Jahre nach dem „Wunder von Bern“ füllte der unter der Regie von Sönke Wortmann entstandene gleichnamige Film die Kinos. Die anhaltende Glorifizierung mag ein Grund dafür sein, warum die Dopingvorwürfe rund um das Team in der Öffentlichkeit stets nur wenig Beachtung fanden.

Die vor wenigen Jahren vorgestellte Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ befeuerte die Spekulationen. Demnach wurden mehrere Spieler gespritzt - möglicherweise mit dem Aufputschmittel Pervitin. Bewiesen ist das aber bis heute nicht. Erste Gerüchte hatte es bereits nach dem Endspiel gegeben. So hatte der ungarische Superstar Ferenc Puskas Vorwürfe erhoben. Der einstige Außenläufer Eckel bestritt das ähnlich vehement wie all seine Mitspieler Zeit ihres Lebens.

Horst Eckel. Foto: dpa
Horst Eckel. Foto: dpa
 

Nur schweren Herzens stellte Eckel dem 2015 in Dortmund eröffneten Fußballmuseum sein Trikot zur Verfügung, das er beim Finale trug und von denen es nur noch zwei gibt. Der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw gab er eine Empfehlung mit auf den Weg zum Turnier in diesem Sommer in Russland. „Titelverteidiger zu sein ist eine Ehre, aber du musst bescheiden und demütig bleiben. Wenn du auf den Platz gehst, und denkst, du bist als Weltmeister automatisch besser als der Gegner, hast du keine Chance“, sagte er in einem Interview mit t-online.

Eckel weiß, wovon er spricht. Er wurde bei der WM 1958 in Schweden mit dem DFB-Team als Titelverteidiger Vierter. Mehr Gemeinsamkeiten zwischen der damaligen und aktuellen deutschen Mannschaft sieht er jedoch nicht: „Kampfgeist ist nicht mehr das Erste, was man mit der Nationalelf verbindet – und das ist auch gut so. Die Jungs spielen technisch hochklassigen Fußball. Sie sind unter ganz anderen Bedingungen ausgebildet worden als wir damals.“

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