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VW-Abgas-Skandal : Dieselgate: „Abgas-Skandale anderer Autokonzerne helfen VW“

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Aus der Onlineredaktion

Der Abgas-Skandal des Wolfsburger Volkswagen-Konzerns hat das Vertrauen in den Autobauer erschüttert. Fast genauso schlimm ist die Art und Weise, wie VW mit der Krise in der Öffentlichkeit umgeht, urteilt ein Experte.

Durch die jahrelangen und systematischen Manipulationen bei den Abgaswerten hat VW viel Kredit bei Kunden verloren. Dieses zurückzugewinnen, sei schwer genug, zumal Volkswagen sich dabei nicht besonders geschickt anstelle sagt Prof. Dr. Berthold H. Hass von der Universität Flensburg. 

Berthold H. Hass. Foto: Schnieders
Berthold H. Hass. Foto: Schnieders

Herr Hass, was hat VW seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals in puncto Krisenkommunikation insgesamt gut und was weniger gut gemacht?

Der Prozess dauert sicherlich noch an. Die Krise resultiert aus jahrelangen Fehlern, die dementsprechend auch mehr Zeit brauchen, um die Kultur im Konzern zu reformieren. Gegenüber der Öffentlichkeit agiert insbesondere Konzernchef Matthias Müller nicht immer glücklich. Dabei zeigt sich ein typisches Phänomen, nämlich, dass gute Manager im Tagesgeschäft nicht automatisch auch gute Kommunikatoren in Krisensituationen sind, was sich dann in der unglücklichen USA-Reise zeigte.

Berthold H. Hass (geb. 1971) ist seit März 2009 Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Medienmanagement und Marketing am Internationalen Institut für Management der Universität Flensburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Geschäftsmodelle von Medienunternehmen, Neue Medien mit dem Schwerpunkt Web 2.0 und Social Media sowie Unternehmenskommunikation und Werbung.

VW muss sich derzeit dem Vorwurf aussetzen, deutsche und amerikanische Kunden ungleich zu behandeln. Wie bewerten Sie diese Strategie von VW?

VW ist weltweit und damit auch in unterschiedlichen Rechtsräumen tätig. Speziell in den USA gibt es im Schadenersatzrecht sehr verbraucherfreundliche Regelungen, die das europäische Recht so nicht kennt. VW sollte und muss sich primär an den juristischen Anforderungen der jeweiligen Rechtsräume orientieren. Zugleich sollte man in den Ländern mit weniger verbraucherfreundlichen Reglungen den Kunden gegebenfalls jenseits der Mindestanforderungen etwas entgegenkommen, damit durch kulantes Verhalten neues Vertrauen aufgebaut wird.

Selbst Justizminister Heiko Maas hat sich eingeschaltet und schlägt die Gründung einer unabhängigen Schlichtungsstelle vor. Was halten Sie davon?

Man sollte dabei bedenken, dass Heiko Maas nicht nur Justiz- und Verbraucherschutzminister, sondern vor allem Politiker ist. Als solcher nutzt er einen vorhandenen Skandal, um sich selbst öffentlichkeitswirksam als Anwalt der Verbraucher zu positionieren. Ich halte eine solche Schlichtungsstelle aber für überzogen.

Innerhalb der letzten Monate wurden auch die Abgaswerte weiterer Automobilkonzerne hinterfragt. In keinem Fall gab es auch nur annähernd so katastrophale Erkenntnisse wie bei VW. Inwiefern schadet dies der Imagekampagne von VW?

Allein die Tatsache, dass auch andere Hersteller zum Teil betroffen sind, nützt VW noch immer, weil das Thema von einer einzelnen Marke auf die gesamte Branche verlagert wird. Eine bestimmte Automobilmarke kann man umgehen, aber auf das Transportmittel Auto ganz zu verzichten, ist deutlich schwieriger.

Es ist auch typisch, dass die Aufmerksamkeit für eine solche Krise irgendwann nachlässt, wenn keine brisanten Informationen mehr präsentiert werden können. Und aus Sicht von Journalisten wie auch Lesern ist eine Skandalschlagzeile wie „Auch Anbieter X vom Dieselgate betroffen“ schlicht viel interessanter als die spätere Auflösung, dass die Abweichung bei Anbieter X vielleicht nur 40 Prozent statt 80 Prozent beträgt.

Inwiefern muss VW befürchten, dass die Absatzzahlen wegen des Skandals in den Keller rauschen?

Die Verkaufszahlen von VW in den USA sind zum Ende des letzten Jahres im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, aber dort spielen verschiedene Faktoren hinein, unter anderem auch, dass VW die kritisierten Modelle teilweise gar nicht mehr anbietet. Selbst wenn manche Kunden jetzt Bestellungen stornieren, dann kann das auch Zeichen einer Verunsicherung oder temporären Überreaktion sein.

Auch bei Lebensmittelskandalen verzichten Konsumenten kurzzeitig beispielsweise auf eine bestimmte Fleischsorte. Die strukturellen Veränderungen, zum Beispiel hin zur fleischärmeren Ernährung, dauern hingegen deutlich länger. Insofern bleibt abzuwarten, was der Abgasskandal langfristig für VW wie auch für die Dieseltechnologie an sich bedeuten wird.

Zudem ist die Umweltfreundlichkeit ja nur ein Aspekt einer sehr komplexen Konsumentscheidung wie dem Autokauf. Insofern ist hier zwar viel Vertrauen verspielt worden, aber andere Aspekte wie Design, Sicherheit oder Komfort sind hiervon nicht unmittelbar betroffen. Insofern ändert sich das tatsächliche Kaufverhalten nicht so stark, wie man es aufgrund der hochkochenden öffentlichen Diskussion vielleicht vermuten könnte.

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erstellt am 10.Feb.2016 | 18:45 Uhr

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