Jütland-Route : Die A7 – Dänemarks wichtigste Autobahn

Der Verkehr auf der Autobahn A 7/E 45 beiderseits der deutsch-dänischen Grenze wird voraussichtlich auch nach Eröffnung eines Fehmarnbelttunnels kaum weniger.
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Der Verkehr auf der Autobahn A 7/E 45 beiderseits der deutsch-dänischen Grenze wird voraussichtlich auch nach Eröffnung eines Fehmarnbelttunnels kaum weniger.

Der dänische Verkehrsforscher Ole Kveiborg mahnt: Die Vorbereitungen für einen Ausbau der Jütland-Route beiderseits der Grenze müssen jetzt beginnen.

fju_maj_0203 von
23. Juni 2014, 10:40 Uhr

Wird darüber diskutiert, wie der Verkehr zwischen Deutschland und Dänemark fließt, richtet sich der Blick hauptsächlich auf die Vorbereitungen für einen Tunnel unter dem Fehmarnbelt. Die verengte Perspektive ist nach Ansicht des dänischen Verkehrsforschers Ole Kveiborg ein schwerer Fehler. Zwar werde sich vom Gütertransport per Schiene ein Teil von Strecke über Flensburg/Pattburg auf die Vogelfluglinie verlagern. Bei den Frachtströmen per Lkw hingegen erwartet der Wissenschaftler „nahezu null Auswirkungen auf die Jütland-Route“. „Kein Lastwagen wird einen Umweg fahren“, prophezeit er. Und von den Produktionskapazitäten der dänischen Wirtschaft lägen nunmal 70 Prozent in Jütland und auf Fünen. Für die bleibe der Weg übers Festland die kürzeste Verbindung.

Kveiborg zählt zur ersten Garde der dänischen Verkehrsforscher. Über die Abhängigkeit der dänischen Wettbewerbsfähigkeit von moderner Infrastruktur hat er ebenso geforscht wie über die Güterströme von, nach und durch Dänemark oder die langfristige Fortschreibung des Straßenverkehrs. Nach mehr als zehn Jahren an Dänemarks technischer Universität in Lyngby bei Kopenhagen gehört Kveiborg nun zur stark gefragten Beratungsfirma Cowi.

Auf die Frage, was er für Dänemarks wichtigste Autobahn hält, sagt der Experte: Im Personenverkehr mögen dies die Tangenten rund um Kopenhagen sein. Für den Warentransport hingegen stehe fest: „Da kann man die A 7 durch Schleswig-Holstein durchaus als wichtigste Autobahn Dänemarks bezeichnen. Auch wenn sie nicht in unserem Land liegt – ohne sie gelangt der größte Teil unseres Straßenverkehrs nirgendwo hin.“

Dass die A 7 ab dem Spätsommer schrittweise auf 70 Kilometern zwischen dem Bordesholmer Dreieck in der Mitte Schleswig-Holsteins und Hamburg auf sechs Spuren ausgebaut wird, hält Kveiborg deshalb auch aus dänischer Sicht für überaus wichtig. Er mahnt aber: „Innerhalb eines überschaubaren Zeitraums muss es auch nördlich davon zu einer Erweiterung kommen, sowohl auf dem fehlenden Abschnitt südlich der Grenze als auch vor allem innerhalb Dänemarks selbst.“ Zur Begründung verweist er auf einen Automatismus: „Ein Prozent Wirtschaftswachstum bedeutet zwei Prozent mehr Verkehr, für den internationalen Güterverkehr sogar schnell bis zu sieben Prozent.“ Die Erklärung: „Wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt, werden zum einen mehr Waren transportiert. Zum anderen fahren die Menschen ein Stück mehr Auto, sowohl privat als auch zum Arbeiten.“

Ein überschaubarer Zeitraum heißt für den Verkehrswissenschaftler innerhalb der nächsten 20 Jahre. Angesichts der langen Plan- und Bauzeiten bedeute das: „Man muss heute beginnen zu überlegen, wie man es machen will.“

Bereits aktuell stuft Kveiborg auf der E 45 – wie die Verlängerung der A 7 in Jütland heißt – den Abschnitt nördlich von Kolding über Vejle nach Aarhus als überlastet ein. Südlich von Kolding werde spätestens innerhalb von zwei Jahrzehnten ein Bedarf entstehen. „Von dort nur bis zur Grenze eine zusätzliche Spur in jede Richtung zu bauen, wird aber nicht viel bringen“, meint der Forscher. „Sonst landet dort der ganze Verkehr in einem Flaschenhals. Eine Notwendigkeit zum Ausbau besteht deshalb bis nach Schleswig-Holstein hinein.“

Unentschlossen zeigt sich Kveiborg bei der Frage, ob innerhalb Dänemarks als Alternative zu einem Ausbau der E 45 eine Ochsenweg-Autobahn sinnvoll erscheint. In Längsrichtung über den Mittelrücken der jütländischen Halbinsel könnte die Trasse verlaufen. Etwa im Norden bei Aaalborg von der E 45 abzweigen, über Viborg, Herning und Billund führen, dann die Autobahn Kolding-Esbjerg kreuzen und nahe Hadersleben halbwegs in Grenznähe wieder auf die E 45 treffen. Das Kopenhagener Verkehrsministerium hat dafür immerhin eine strategische Voruntersuchung machen lassen – im Ergebnis aber zurückhaltend festgestellt: Der Entlastungseffekt für die bestehende E 45 wäre an den beiden Enden am größten – benötigt werde eine Entlastung aber vor allem auf den mittleren Abschnitten der E 45. Deren Erweiterung werde sich von einer Ochsenweg-Autobahn nur um ein Jahrzehnt verschieben lassen. Tot ist die Idee dennoch nicht: Die bürgerlichen Oppositionsparteien haben sich für eine genauere Voruntersuchung zur Ochsenweg-Idee ausgesprochen.

„Aus landesweiter Sicht sprechen mehr Argumente dafür, die E 45 zu erweitern“, meint Kveiborg. „Dort liegen die größeren Städte und mehr Unternehmen – also könnten dort mehr Menschen eine breitere Straße nutzen.“ Blickt man speziell auf das Interesse Mittel- und Westjütlands, will er allerdings nicht verneinen, dass ein Ochsenweg-Highway Chancen bietet. Wobei Kveiborg vor einem „weitverbreiteten Missverständnis“ warnt: „Infrastruktur ist eine Voraussetzung für Wachstum – aber keine Garantie.“ Andere Faktoren müssten hinzukommen. Etwa ein möglichst urbanes Umfeld, in dem bereits eine gewisse Zahl an Arbeitsplätzen besteht, und ein (kommunal-)politischer Wille, Unternehmen mit positiven Rahmenbedingungen zu unterstützen.

Als „sehr ambitioniert“ bezeichnet Kveiborg Forderungen des Udviklingsråd Sønderjylland, eine Ochsenwegautobahn bis zur Grenze zu fürhen und südlich davon mit der Westküstenautobahn A 23 zu verbinden. Sicherlich gäbe es dann für den Fall von Verkehrsstörungen eine Ausweichroute zur A 7/E 45. „Aber wenn man überlegt, wie selten es zu Blockierungen kommt, erscheint es doch fraglich, ob es genug Vorteile gibt, eine solch riesige Investition aufzuwiegen.“

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