VW Passat : Barbara Hempel, Flensburg

Der Passat Variant von Barbara Hempel. Foto: Privat
Der Passat Variant von Barbara Hempel. Foto: Privat

Barbara Hempel ist bekennender Passat-Junkie. Als sie ihr erstes Modell aus den Händen gab, fühlte sie sich, als hätte sie ein Pferd zum Schlachter gebracht.

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19. November 2007, 04:04 Uhr

Kurz nach Beendigung meines Studiums übernahm ich von einer Kommilitonin dieses Auto - einen 15 Jahre alten Passat Variant mit 300 000 km auf dem Tacho. Der Kaufpreis war akzeptabel: Ein Kasten Weizenbier! Ich sollte allerdings einige Auflagen erfüllen: Nicht in einer automatischen Waschanlage waschen lassen - der Lack löste sich bereits stellenweise (und gab den Blick auf den Rost frei). Nicht über 90 km/h fahren, das würde er nicht mehr aushalten. Möglichst überhaupt nur im Berliner Raum fahren, damit jederzeit Hilfe in der Nähe ist. Das mit der Waschanlage habe ich beherzigt. Nachdem er aber einen heissen Sommer lang im Berliner Stadtverkehr sein Durchhaltevermögen bewiesen hatte, wurde er zum Expeditions- und Wohnmobil ernannt.
Nach einem Wochenendausflug nach Usedom, bei dem wir eine Campingplatzangestellte alleine dadurch, daß wir auf der Ladefläche unseres Kombis schlafen wollten, völlig aus dem Konzept brachten (wie berechnet man das jetzt: ist ein Kombi, in dem man schläft, automatisch ein Wohnmobil? Das wäre teuer gewesen. Wenn es doch nur ein PKW wär , würden wir gar nichts extra für unseren Schlafplatz zahlen, das geht ja auch nicht. Einen VW-Bus hätte sie noch akzeptiert, aber das wars auch nicht. Ein Zelt war er auch nicht. Am Ende war er ein halbes Wohnmobil und basta!) wurden wir sehr mutig: Zu viert fuhren wir 4 Wochen durch Irland. Mein Dicker wurde so vollgepackt, daß täglich nach dem Beladen einer von der Rückbank aus das Gepäck festhalten mußte, während ein anderer schnell die Klappe schloß.
Auf der Anreise durch Holland, Belgien, Frankreich und England bewies er, dass er 120 km/h fahren konnte, und zwar einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang. Vollgepackt mit Zelten, Schlafsäcken, Gaskocher, Klamotten, Lebensmitteln usw hing er so tief, daß er beim Auffahren auf die Fähre mit dem Auspufftopf aufsetzte - was ihm aber ebensowenig ausmachte wie das später noch häufigere Aufsetzen in irischen Schlaglöchern. Das damit verbundene Aufsetzen unserer Hintern auf dem Fahrzeugboden ( die Federung der Sitze hatte ihre Funktion aufgegeben und einem - heute würde man sagen: "sehr authentischen" Fahrgefühl Platz gemacht) wurde zur Gewohnheit wie die Tatsache, daß den Passagieren im Fond langsam aber sicher der Himmel auf den Kopf sackte - mein Auto befand sich in Auflösung. Er war auch nicht mehr ganz wasserdicht; nach einem starken Regen bei Nacht stand hinter dem Beifahrersitz zentimeterhoch das Wasser und jeden Morgen waren die Fenster von innen klatschnaß beschlagen.
Aber er war stark: Er sprang immer an, sein sonores Dieseln ließ mich noch jahrelang dem unsteten Motorengeräusch der Benziner mißtrauen, und beim Abstellen des Motors schüttelte er sich wie ein müdes Pferd. Er verbrauchte egal wie schwer bepackt und wie schnell gefahren immer seine 5 Liter Diesel und kam mit einer Tankfüllung 1200 km weit. Er trug uns 3000 km durch Irland, stand nachts schützend zwischen unseren Zelten und der Landstraße und bot Windschutz für den Gaskocher. Das Foto zeigt ihn am Morgen nach einer Übernachtung im Naturschutzpark am Slieve League im Nordwesten Irlands. Das zwischen mir (ich hab das fotographiert) und dem Auto ist die Hauptverkehrsstraße dort, ein paar Meter hinter mir geht es ca 300 m senkrecht abwärts in den Atlantik.
Wir sind beim Frühstück, die Zelte bereits eingepackt, die Wäscheleine verläuft zwischen einem Felsen und der Dachreling. Weitere Kleidungsstücke trocknen über den Kopfstützen. Die Schafe, die jetzt in sicherer Entfernung grasen, hatten sich nachts ganz nah an die Zelte herangerupft. Erste Anzeichen für sein nahendes Ende gab es auf der Heimreise: Auf der Fähre von England nach Frankreich, nach Stunden auf dem nächtlichen, fast leeren, klatschnassen Autodeck, weigerte er sich erstmals, anzuspringen. Er tat es dann schließlich doch. Aber als er zwei Monate später zum TÜV sollte, schüttelten alle konsultierten Mechaniker nur mitleidig den Kopf.
Als ich ihn auf dem Hof des Gebrauchtwagenhändlers, bei dem ich seinen Nachfolger kaufte, zurückließ, fühlte ich mich, als hätte ich ein treues Pferd zum Schlachter gebracht. Er hat mich geprägt: Sein direkter Nachfolger stammte zwar von einem anderen Hersteller, aber inzwischen fahre ich wieder einen Passat. Der ist nicht ganz so anspruchslos wie sein ruhmreicher Vorgänger und besitzt eine Bordelektronik mit bizarrem und manchmal kostspieligem Eigenleben, aber was solls: Er darf das. Ich bin bekennender Passat-Junkie.

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