Großmacht oder Außenseiter? : WM-Titelkampf nach DFB-Aus offen wie nie

Kroatien spielte eine starke Vorrunde. /AP
Kroatien spielte eine starke Vorrunde. /AP

Vor Start des Achtelfinals hat noch kein Favorit bei der WM in Russland restlos überzeugt. Die Teams aus der zweiten Reihe wittern ihre große Titelchance. Dabei sorgt die Verteilung der Mannschaften in der K.o.-Runde für Extra-Brisanz.

shz.de von
29. Juni 2018, 11:33 Uhr

Rekord-Champion Brasilien, Spanien, Frankreich - oder doch eine große Überraschung? Nach dem historischen Vorrunden-Aus von Titelverteidiger Deutschland ist die Suche nach dem neuen Weltmeister so offen wie selten zuvor.

Zu Beginn der K.o.-Runde hat noch keiner der üblichen Kandidaten restlos überzeugt, so dass sich in Russland die Chance für ein Team aus der zweiten Reihe bietet. «Kroatien, Belgien und auch England haben sich hier hervorragend präsentiert», analysiert der deutsche Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus vor Start der Achtelfinals am Samstag. «Man sieht, die Favoriten haben es hier nicht einfach.»

Sollte sich Lionel Messi mit seinen Argentiniern gegen Frankreich durchsetzen und auch Cristiano Ronaldo Europameister Portugal zum Sieg über die unbequeme Mannschaft aus Uruguay führen, käme es schon im Viertelfinale zum großen Showdown der beiden Weltstars. Insgesamt ist der Weg ins Finale aufgrund der Turnier-Arithmetik reichlich unausgewogen.

«In jeder WM-Vorrunde gibt es eine so genannte Todesgruppe», schreibt die «New York Times» am Freitag. «Dieses Jahr gibt es das auch in der K.o.-Runde. Eine Seite ist ein beängstigender Mix aus etablierten Großmächten, Turnierfavoriten und Starpower.» Darin tummeln sich neben Frankreich & Co. noch Brasilien und Belgien. In der anderen Hälfte werden neben Spanien nur noch England und Kroatien an den Wettmärkten als einigermaßen realistische Titelkandidaten angesehen.

Dabei ist die etablierte Fußball-Welt schon wieder fast unter sich. Seit dem 1986 das Achtelfinale wieder eingeführt wurde, stehen bereits zum sechsten Mal zehn Teams aus Europa unter den besten 16. Dazu kommen vier südamerikanische Mannschaften - nur Japan (Asien) und Mexiko (Nord-/Mittelamerika und Karibik) vertreten den Rest der Welt. So wenige waren es zuletzt 1998 in Frankreich. In Russland haben zudem erstmals seit 36 Jahren keine Afrikaner die Vorrunde überstanden.

«Meine Meinung nach 37 Jahren im Geschäft ist, dass es klar ist: Die Lücke ist groß und sie wächst weiter und wird weiter wachsen, WM für WM», bilanzierte Irans Coach Carlos Queiroz die Kräfteverteilung der Kontinente. Sein eigenes Team scheiterte knapp in einer Gruppe mit Spanien und Portugal. «Nur die Nationen, die einige Spieler in Europas Ligen haben, haben die Chance, näher an Europa heranzurücken», sagte der Portugiese. «Asien ist weit weg, die Lücke ist groß, genauso ist es bei Afrika.»

Taktisch liegt der Schlüssel zum Erfolg bislang ähnlich wie vor vier Jahren in Brasilien, reine Kontermannschaften haben es schwer. Dass Ballbesitz alleine nicht zum Erfolg führt, hat Deutschland mit einem Anteil von 72 Prozent zwar eindrucksvoll bewiesen. Doch insgesamt setzen sich die spieldominanten Teams in Russland durch - in Schweden (37,9 Prozent), Dänemark (42,0), Russland (43,4) sind nur drei Teams im Achtelfinale, die weniger den Ball haben als ihre Gegner.

«Es ist für jeden schwer», resümierte Didier Deschamps, Trainer von Frankreich (Ballbesitz: 55,4). «Auch Spanien und Deutschland mit Ruf für Angriffsfußball hatten Probleme.»

Wird es also einen neuen Weltmeister geben - oder setzt sich doch einer der alten Verdächtigen durch? Zumindest Matthäus glaubt bei allem Respekt für die Außenseiter dann doch an den sechsten Coup für Brasilien. «Sie spielen mit sehr viel Disziplin in der Defensive, Hochgeschwindigkeit in der Offensive und haben starke Leute von der Bank», sagte der 57-Jährige. «Das ist der Weg zum Titel.»

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