Zurück in der Weltspitze : Angelique Kerber vor Wimbledon-Wunder gegen Serena Williams

Nach dem ernüchternden Jahr 2017 ist Angelique Kerber wieder auf dem richtigen Weg.
Nach dem ernüchternden Jahr 2017 ist Angelique Kerber wieder auf dem richtigen Weg.

Gereift will die 30 Jahre alte Kielerin erste deutsche Gewinnerin des berühmten Tennis-Turniers seit Steffi Graf werden.

shz.de von
13. Juli 2018, 13:14 Uhr

London | Diesmal soll Angelique Kerbers Wimbledon-Wunder wahr werden, der Grand-Slam-Coup über Serena Williams gelingen. Mit dem Lerneffekt nach dem grandiosen, aber verlorenen Endspiel vor zwei Jahren will es die Kielerin am Samstag (15 Uhr MESZ, ZDF und Sky) gegen die frischgebackene Mutter besser machen. Mit einem weiteren Sieg auf dem Heiligen Tennis-Rasen will sich die Schleswig-Holsteinerin zur ersten deutschen Wimbledonsiegerin seit Steffi Graf 1996 krönen.

„Ich weiß, dass ich das Potenzial habe, solche Dinger zu gewinnen“, sagt die Norddeutsche. „Damals wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt.“

Nach ernüchternden Rückschlägen zeigt sich die 30-Jährige mental gereift, erfahrener und gibt sich wieder selbstbewusst. Die Situation ist eine komplett andere als 2016, auch weil Serena Williams nur zehn Monate nach der komplizierten Geburt ihrer Tochter antritt. „Sie ist zurückgekommen. Ich bin zurückgekommen von 2017. Das ist eine Herausforderung“, sagt Kerber. „Wer weiß, was noch passieren kann?“

Sie hat es schon einmal geschafft. In Melbourne, als sie vor zwei Jahren mit dem Australian-Open-Titel verblüffte und zur ersten deutschen Grand-Slam-Siegerin seit Graf aufstieg, hat sie Serena Williams in einem großen Finale besiegt. „Angie will diesen Titel unbedingt, das spürt man“, sagt die Damen-Chefin Barbara Rittner.

Kerber ist zurück in der Spur

Nach zuletzt sechs Grand-Slam-Auftritten ohne Endspiel hat Kerber ihren Weg wieder gefunden. Sie hat die Frust-Monate der vergangenen Saison hinter sich gelassen, als sie den Erwartungen weit hinterher lief. Ihr Entwicklungsprozess nach dem Wimbledon-Endspiel 2016 spülte sie rauf zur Nummer eins und dem zweiten Grand-Slam-Titel bei den US Open, dann in Monaten voller ernüchternder Erlebnisse wieder weg von der absoluten Weltspitze. Jetzt ist wieder da.

Am Freitag, am Tag nach dem beeindruckenden Halbfinal-Erfolg über die lettische Grand-Slam-Siegerin Jelena Ostapenko, wollte sie ihre Routinen der vergangenen zwei Wochen beibehalten. Am Samstag wird die ehemalige Weltranglisten-Erste nervös den Centre Court betreten, wie immer vor solchen Spielen. „Ich habe jetzt die Erfahrung, dass die Nervosität vorbeigeht. Ich weiß, dass ich ruhig bleiben muss. Dass das Match auch viel im Kopf entschieden wird“, schildert sie.

Vor zwei Jahren lieferte Kerber ein starkes erstes Wimbledon-Finale ab, am Ende war die Präzision und Power von Williams einen Tick zu gut. Unter ihrem jetzigen Trainer Wim Fissette, der vor fünf Jahren auch Sabine Lisicki ins Endspiel von London führte, hat die Linkshänderin ihren Aufschlag verbessert. Der dürfte auch gegen Williams eine entscheidende Rolle spielen.

Fissette ist ein Statistik-Liebhaber, wie Kerber verrät. Er wird Williams ganz genau analysieren. Diesen für sie unangenehmen Schritt von ihrem langjährigen Coach Torben Beltz hin zum Belgier hat Kerber gewählt, um für die entscheidenden Momente wieder bereit zu sein.„Neue Menschen um sie herum mag sie eigentlich gar nicht“, sagt Rittner bei Sky. „Für mich war ein Knackpunkt, dass sie selber einfach gesagt hat, ich bin nochmal bereit, was zu ändern.“

Schon der Jahresauftakt mit Matchbällen gegen Simona Halep im Halbfinale der Australian Open verlief erfolgreich, jetzt will eine wieder erstarkte Kerber erstmals Wimbledonsiegerin werden. „Sie spielt so gut. Ich glaube, sie ist unglaublich selbstbewusst. Ich muss bereit sein für das Match meines Lebens“, sagt Williams.

Williams hat ihren Ehrgeiz nicht eingebüßt

Wenn es um die siebenmalige Wimbledonsiegerin geht, geht es fast immer um Rekorde. Diesmal kann sie mit ihrem 24. Titel bei einem Grand Slam den Allzeit-Rekord der Australierin Margaret Court einstellen. Diesmal aber wäre ein Erfolg spezieller als sonst. Es wäre ihr erster Titel als Mutter, bei ihrem erst vierten Turnier nach der Rückkehr. Allein der Final-Einzug verdient höchsten Respekt.

Offen erzählt die US-Amerikanerin von Komplikationen bei der Geburt von Alexis Olympia am 1. September 2017, dass sie mehrfach operiert werden musste und um ihr Leben fürchtete. „Ich konnte nicht mehr selber zum Briefkasten laufen, deshalb ist dieses Wimbledon-Finale alles andere als selbstverständlich“, betont die 36-Jährige, die nun die Rolle als Mutter mit der des Tennis-Stars vereint.

Als liebevolle Mutter erzählt sie, wie sie ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie ihre zehn Monate alte Tochter zu lang allein lässt. Als langjährige Weltranglisten-Erste hat sie ihren Ehrgeiz trotz allem nicht eingebüßt. Im Halbfinale machte die US-Amerikanerin gegen Julia Görges aus Bad Oldesloe ihren 20. Wimbledon-Sieg in Serie perfekt, gab im Turnierverlauf wie Kerber nur einen Satz ab. Rittner: „Wenn sie so spielt, dann ist sie eine Klasse für sich. Jetzt können wir nur hoffen, dass sie schlecht schläft oder die Kleine irgendwie nachts schreit und sie gegen Angie dann nicht genau so spielt.“

Tennisverband in SH rechnet mit Finalsieg

„Ihr Weg ins Finale stützt meine Hoffnung und meine These, dass sie das gewinnt“, sagte Verbandspräsident Frank Intert am Freitag. „Wir drücken Angie ganz doll die Daumen.“ Der Stolz auf Kerber, Wimbledon-Halbfinalistin Julia Görges und auch auf die Neumünsteranerin Mona Barthel sei im Landesverband allenthalben zu spüren.

Auf die Frage nach Gründen für den Erfolg der Tennisfrauen aus dem Norden sagte Intert, im Gegensatz zu anderen sei der Landesverband nie mit Druck darauf bedacht gewesen, möglichst früh im Jugendbereich Titel zu sammeln, um viele Fördermittel zu bekommen oder seine Reputation zu mehren. Wenn man Kinder früh zu zielorientiertem funktionalem Spiel drille, damit sie möglichst schnell Erfolge abliefern, bestehe die Gefahr, dass sie mit zwölf oder 14 Jahren in ein Loch fallen, ausgebrannt sind und dann die Motivation verlieren.

Wesentlich geprägt von Landestrainer Herby Horst, sei im Norden immer die langfristige Perspektive wichtig. „Die Erfolge stellen sich irgendwann ein“, sagte Intert. Das Konzept sei erfolgreich und im Sinne der Athleten. Auch ende die Förderung im Norden nicht bei 16 Jahren, sondern gehe bis 21 weiter. Der Landesverband versuche auch damit, eine Verbindung zu schaffen zwischen einem Einstieg ins Profileben und der Möglichkeit, gute Schulabschlüsse zu schaffen. „Mona Barthel hat ein Super-Abitur gemacht“, sagte Intert. „Manchmal muss man auch die Athleten und die Familien bremsen, damit sie nicht alles stehen und liegen lassen auf dem Weg zur Weltspitze.“

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