Historisches Projekt : Eishockey-Fusion sorgt für Olympia-Frust in Südkorea

Südkoreas Frauen-Eishockeynationaltrainerin Sarah Murray muss Spielerinnen aus zwei Ländern zusammenführen.
Südkoreas Frauen-Eishockeynationaltrainerin Sarah Murray muss Spielerinnen aus zwei Ländern zusammenführen.

Das olympische Eis von Pyeongchang wird zum Schauplatz koreanischer Entspannungspolitik. Doch der Beschluss, eine gemeinsame Eishockey-Auswahl mit Spielerinnen aus Nord- und Südkorea zu bilden, stößt im Team des Gastgebers der Winterspiele auf wenig Gegenliebe.

shz.de von
24. Januar 2018, 13:34 Uhr

Auf ihrer heiklen Olympia-Mission als Spielball der Geopolitik wird es für Südkoreas Eishockey-Trainerin Sarah Murray jetzt ernst. Früher als erwartet sollen die zwölf Spielerinnen aus Nordkorea eintreffen.

Die Nordkoreanerinnen sollen auf Beschluss der beiden Länder und des Internationalen Olympischen Komitees bei den Winterspielen in Südkoreas Auswahl mitspielen und so ein Signal der Einheit setzen. Ihren ersten Schock über die sportlich fragwürdige Fusion hat Coach Murray inzwischen überwunden. «Wir wollen sie spielen lassen. Sie benötigen Spielpraxis mit unserem Team», sagte die 29-Jährige vor dem ersten gemeinsamen Training.

Doch die Kritik aus Südkorea an dem historischen Projekt, bei dem erstmals eine vereinte koreanische Mannschaft in einer Sportart bei Olympia antritt, ist unüberhörbar. Sie sei perplex und enttäuscht, verriet Nationaltorhüterin Shin So Jung der Zeitung «Chosun Ilbo». Ihre Mitspielerinnen seien «frustriert und entmutigt», fügte Shin hinzu. Da zeigten auch die Worte von IOC-Präsident Thomas Bach, das gemeinsame Eishockey-Team sei «ein großartiges Symbol der vereinigenden Kraft des olympischen Sports», nur wenig Wirkung.

So kurz vor dem Auftakt des Eishockey-Turniers am 10. Februar ein Dutzend Nordkoreanerinnen in eine eingespielte südkoreanische Auswahl zu integrieren, erscheint im Land des Olympia-Gastgebers vielen unsinnig. Umfragen zufolge sind mehr als 70 Prozent der Südkoreaner gegen ein gesamtkoreanisches Eishockey-Team, zumal die Nordkoreanerinnen sportlich eher keine Verstärkung sein dürften. Auch Coach Murray hatte in einer ersten Reaktion von einem «Schaden für unsere Spielerinnen» gesprochen.

Laut IOC-Beschluss darf das Team «Korea» einschließlich der 23 Südkoreanerinnen 35 Spielerinnen umfassen. Die Größe des Kaders bleibt jedoch für jedes Match auf 22 beschränkt. 13 Spielerinnen müssen also pro Partie zuschauen, mindestens drei Nordkoreanerinnen müssen jedes Mal dabei sein. «Es ist meine Entscheidung, wie die Aufstellung aussieht», betonte Trainerin Murray. Als beide Teams im Vorjahr gegeneinander spielten, siegte Südkorea 3:0.

Sport hatte in den wechselhaften innerkoreanischen Beziehungen schon immer eine große Symbolik. Südkoreas Sportminister Do Jong Whan hatte schon im Juni 2017 ein gemeinsames Olympia-Eishockeyteam der Frauen vorgeschlagen. Doch angesichts der zunehmenden Spannungen im Konflikt um das nordkoreanische Atomprogramm schien die Hoffnung, Nordkorea könne an den Winterspielen teilnehmen, schon fast begraben.

Dann schlug Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un an Neujahr überraschend vor, eine Delegation zu den Spielen in Südkorea zu entsenden. Die Regierung in Seoul nahm das Angebot dankend an. Sie sah die Gelegenheit gekommen, sich den Wunsch nach friedlichen und störungsfreien Spielen sowie die Hoffnung, durch den Sport mit dem isolierten Nachbarn ins Gespräch zu kommen, erfüllen zu können.

So waren sich beide Seiten bei hochrangigen Gesprächen schnell einig, dass Nordkorea auch mit Athleten an den Spielen teilnehmen sollte. Aus Nordkorea hatten sich zuvor nur die Paarläufer Ryom Tae Ok und Kim Ju Sik qualifiziert, sich jedoch nicht fristgerecht angemeldet.  

Das IOC gestattete schließlich, dass Sportler aus dem Norden der geteilten Halbinsel in fünf Disziplinen antreten können: neben dem Eishockey auch im Eiskunstlauf, Shorttrack, Ski Alpin und Skilanglauf. Die Werbung für das außergewöhnliche Eishockey-Projekt misslang Südkoreas Ministerpräsident Lee Nak Yon allerdings gründlich. Für die ungeschickte Bemerkung, die eigene Mannschaft habe doch ohnehin keine Chance auf eine Medaille, musste er sich später entschuldigen.

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