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Basketball : Marko und Svetislav Pesic: «Sehen uns nur noch selten»

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Basketball ohne Pesic ist in Deutschland fast nicht möglich. In München wollen Marko Pesic als Geschäftsführer und sein Vater Svetislav die Bayern nun zur Meisterschaft führen.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2013 | 14:15 Uhr

Im Interview der Nachrichtenagentur dpa sprechen die beiden über ihr ungewöhnliches Leben als Basketball-Familie, die sportlichen Ziele und den Neid der Konkurrenz.

Svetislav Pesic, wie ist es, wenn man den eigenen Sohn als Boss hat?

Svetislav Pesic: «Das ist natürlich für alle ein bisschen ungewöhnlich, aber für uns ist es ganz normal. Wir sind in erster Linie beide Basketballer. Der einzige Unterschied ist der folgende: Ich war früher ja auch sein Trainer. Damals habe ich Marko jeden Tag gesehen, jetzt sehe ich ihn nur noch selten. Für mich ist die Situation aber gut. Er kennt meine Philosophie, er weiß, was ich als Trainer brauche. Er kennt mich schon sein ganzes Leben, das ist sicher ein Vorteil.»

Ist es für Sie etwas Besonderes, Marko Pesic?

Marko Pesic: «Natürlich ist das eine nicht alltägliche Situation. Aber wir funktionieren hier als Team, die Rollen sind ganz klar verteilt. Zu diesem Team gehören nicht nur ich als Geschäftsführer oder mein Vater als Trainer, sondern viele andere auch. Das funktioniert sehr gut, weil jeder seinen Aufgabenbereich kennt.»

Sie sind die wohl bekannteste Basketball-Familie in Deutschland. Wie häufig wird denn zu Hause über das Thema Basketball gesprochen?

Svetislav Pesic: «Das ist natürlich immer ein Thema. Meine Frau hat auch professionell Basketball gespielt, Marko ja sowieso, meine Tochter auch. Natürlich kann man nicht sagen, man kommt nach Hause und schaltet einfach ab. Für mich ist Basketball das Leben und bestimmt unsere Launen und unsere Situation in der Familie. Wie wir die vergangenen 20 Jahre gelebt haben, war auch ungewöhnlich. Dass wir wie alle anderen Familien Samstag- oder Sonntagmittag zu Hause sitzen und Mittag essen, das passiert ganz, ganz selten.»

Haben Sie mit Ihrem Sohn denn schon über eine Meisterprämie verhandelt?

Svetislav Pesic: «Über eine Meisterprämie haben wir noch nicht geredet. Für mich sind Geld und Prämien nur ein Zeichen von Respekt für einen Job, den man macht, mehr nicht. Marko hat klar gesagt, dass es Prämien für den ersten Platz nicht gibt. Darüber reden wir dann nochmal nach der Saison.»

Wie viele Titel muss Ihr Vater denn holen, damit Sie mit ihm zufrieden sind?

Marko Pesic: «Ach, über so etwas will ich gar nicht reden...»

... aber ist zumindest die Meisterschaft nicht Pflicht?

Marko Pesic: «Das Wort Pflicht gefällt mir nicht. Wir wollen unbedingt ins Endspiel, wir wollen auch die Meisterschaft gewinnen, aber das wollen alle anderen auch. Das will Bamberg, das will Alba , das will Oldenburg. Der Titel ist keine Pflicht, sondern eine große Herausforderung. Aber er ist auch der logische Schritt in der Entwicklung des Vereins. Ich denke, dass wir sportlich und strukturell alle Voraussetzungen geschaffen haben, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn wir gesund bleiben und sich das Team so entwickelt, wie wir es uns vorstellen, dann ist das ein sehr realistisches Ziel.»

Svetislav Pesic: «Ich sehe das genauso. Wir haben ein sehr gutes Umfeld geschaffen, in dem sich alle wohlfühlen. Wir gehören zur großen Familie Bayern München. Und jeder, der zu dieser Familie gehört, ist verpflichtet, immer jeden Tag sein Bestes zu geben.»

Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat die Messlatte ja ziemlich hochgelegt. Er möchte gerne mit den Fußballern und den Basketballern zusammen auf dem Balkon stehen und feiern. Auch die Konkurrenz schiebt Ihnen die Favoritenrolle zu. Können die Spieler diesem Druck standhalten?

Marko Pesic: «Das ist ja nicht neu. Das war im letzten Jahr so und davor auch schon. Dieses Jahr wird es wohl noch stärker sein. Aber dafür brauche ich keine klugen Kommentare aus Bamberg oder Berlin. Ich sehe es aber als Kompliment an, wenn alle so über uns reden. Wenn ein Verein wie Alba Berlin, der zahlreiche Titel geholt hat, oder ein Club wie Brose Bamberg, der viermal in Serie deutscher Meister geworden ist, uns so sehen, dann ist das erst einmal ein Ausdruck von Wertschätzung, kein Druck.»

Waren Sie denn überrascht, dass es aus Berlin so heftige Kritik gab, nachdem Sie vier Spieler von Alba abgeworben hatten?

Svetislav Pesic: «Wir wollen niemanden entthronen, das ist nicht unsere Herangehensweise. Unser Ziel ist es, der Beste zu werden. Ich würde es ausdrücklich begrüßen, wenn sich die anderen auch weiter entwickeln. Dann müssten auch wir noch besser werden, und am Ende wäre das doch nur gut für die Liga und den deutschen Basketball. Am Ende freust du dich doch mehr, wenn du dir einen Titel richtig erkämpft hast, als wenn du ihn geschenkt bekommst. Ich habe nach wie vor ein gutes Verhältnis zu Alba ...«

... Sie können also immer noch in Berlin auf die Straße gehen, wo Sie ja auch noch eine Wohnung haben...

Svetislav Pesic (lacht): «...ja, kein Problem. Ich bin seit 30 Jahren Trainer. Ich kenne alle Spieler dieser Welt. Die Spieler, die Alba im vergangenen Jahr geholt hat, kannte ich vorher auch schon. Mich haben Berater angerufen und gefragt, ob ihre Spieler nach Berlin gehen sollen. Ich habe ihnen gesagt, ja sofort, zur Not sogar zu Fuß. Dass sie jetzt zu Marko und mir nach München wollten, ist auch ein Kompliment für die Entwicklung des Clubs hier.»

Marko Pesic: «Ich habe gar nicht die Zeit, immer alle Dinge, die über uns gesagt werden, zu verfolgen und zu kommentieren. Ich habe jahrelang bei Alba gespielt, das ist ein sehr erfolgreicher Club, der sehr viel erreicht hat. Von daher war ich schon etwas überrascht.»

Reden wir über das neue Bayern-Team. Sind Sie zufrieden mit dem, was Ihnen Ihr Sohn zusammengestellt hat?

Svetislav Pesic: «Ich bin sehr zufrieden mit den Spielern, die wir geholt haben. Wir brauchten ein bisschen frisches Blut. Am wichtigsten sind bei der Zusammenstellung eines Kaders immer die Positionen des Point Guards und des Centers. Letztes Jahr hatten wir nicht genügend Spieler für diese wichtigen Positionen. Jetzt haben wir drei Spieler, die die Position eins spielen können: Delaney, Hamann und Schaffartzik sind zudem alle unterschiedliche Typen. Das ist eine Bereicherung. Und wir haben in Bryant, Idbihi und Thompson drei Spieler, die direkt am Korb agieren können, auch Chevon Troutman und Boris Savovic können dort spielen..»

Die Basketball-Abteilung der Bayern ist auch abseits des Parketts rasant gewachsen. Wird Ihnen bei dieser schnellen Entwicklung nicht manchmal schwindelig, Marko Pesic?

Marko Pesic:«Für einen Club, der am Anfang noch kein Image hatte, ist es nicht einfach, Spieler davon zu überzeugen, zu uns zu kommen. Wir haben uns deshalb schon frühzeitig entschieden, auch in die Struktur zu investieren, damit das hier kein One-Hit-Wonder wird. Wir haben sehr viel Geld und Zeit in die Geschäftsstelle gesteckt. Als ich gekommen bin, hatten wir sieben Mitarbeiter, jetzt haben wir mehr als 20. Wir schaffen ein Umfeld für die Spieler, in dem sie sich wohlfühlen. Und das spricht sich rum. Diese Entwicklung ist rasant, aber wir halten schon Schritt und sind vorsichtig, dass wir nicht übertreiben.»

Wir sehr hilft denn der Name Bayern München, wenn Sie neue Spieler holen wollen?

Marko Pesic:«Sie können einem Amerikaner von Bayern München erzählen was sie wollen, aber das ist Fußball. Und der spielt da drüben keine große Rolle. Deshalb musst du es eben schaffen, optimale Strukturen im Basketball-Bereich zu schaffen, um die Spieler so zu überzeugen.»

Svetislav Pesic, Sie kennen das ja bereits vom FC Barcelona, der sich neben dem Fußball auch eine Basketballabteilung leistet. Kann man die beiden Clubs vergleichen?

Svetislav Pesic: «Nein, das ist komplett anders. Barcelona hat im Präsidium 17 Leute, und einer davon ist für Basketball zuständig. Der kommt vor der Saison und sagt, ich brauche 20 Millionen. Dann sagen die anderen ok, kein Problem. Barcelona ist ein Fußballclub. Da gibt es bei den Basketballern kein extra Merchandising, mit dem sie Geld verdienen müssen. Da ist Nichts. Da ist alles Fußball. Hier ist die Basketball-Abteilung innerhalb des Fußballvereins schon eigenständig.»

Dass muss für jemanden für Sie, der Basketball lebt, doch wesentlich angenehmer sein...

Svetislav Pesic: «Ja, ein Grund, warum ich hier bin, ist, dass Bayern München natürlich eine Marke ist. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu den Fußballern. Wir treffen uns ab und zu mit Herrn Rummenigge oder mit Matthias Sammer. Mit Pep Guardiola habe ich neulich auch zusammengesessen. Und mit Uli Hoeneß tauschen wir uns sowieso regelmäßig aus. Das macht wirklich Spaß. Aber trotzdem haben wir unseren eigenen Audi Dome, unsere eigene Geschäftsstelle und unsere eigenen Probleme, die wir lösen müssen.»

Nochmal zurück zum Sportlichen. Drei ihrer Spieler gehörten im Sommer zum Kader der deutschen Nationalmannschaft. Waren Sie enttäuscht über das frühe Aus bei der EM?

Svetislav Pesic: «Ja, um ehrlich zu sein habe ich damit gerechnet, dass wir die Zwischenrunde erreichen. Es war eine gute Chance in dieser Gruppe, aber diese Chance wurde versäumt. Was mir einfach gefehlt hat, war der Enthusiasmus. Wir haben die Qualität, mit den größten Mannschaften mitzuhalten. Aber der Enthusiasmus hat gefehlt.»

Wo steht der deutsche Basketball denn?

Marko Pesic: «Das ist schwer zu sagen, weil man ohne Selbstvertrauen über sich redet und wenig Selbstvertrauen nach außen verkörpert. Ich finde das sehr, sehr schade. Die Nationalmannschaft ist für mich ein sehr emotionales Thema, weil ich meine größten persönlichen Erfolge mit ihr gefeiert habe. Es ist genug Schaden angerichtet worden, deshalb sollte man das am besten intern diskutieren. Aber drei Dinge will ich sagen. Erstens: Man darf keine Angst vor dem Fußball haben, sondern man muss vom Fußball lernen. Die Zusammenarbeit zwischen DFB und DFL ist der wichtigste Grund, warum der Fußball da ist, wo er ist. Es gibt aber praktisch keine Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Basketball Bund und der Basketball-Bundesliga. Das ist sehr kontraproduktiv. Zweitens: Wenn man zur EM fährt und schon vor Beginn des Turniers nach Alibis sucht, warum man keinen Erfolg haben wird, dann wird es da auch nicht funktionieren. Drittens: Auch unser großer Traum war es immer, sich für Olympia zu qualifizieren. Aber wir sind zu großen Turnieren gefahren und haben gesagt, das Turnier, das wir gerade spielen, das zählt, nichts Anderes, nicht Olympia. Und deshalb haben wir alle Erfolg gehabt.»

Die BBL hat ja das ehrgeizige Ziel ausgegeben, bis 2020 die beste Liga in Europa zu sein. Halten Sie das für realistisch?

Marko Pesic: «In viele Facetten sind wir bereits die beste Liga in Europa. In puncto Hallenstandards, Struktur und Wirtschaften der Vereine, Seriosität, Zuschauerzuspruch macht uns keiner etwas vor. Es gibt keine Mäzene, von denen Clubs abhängig sind. Wir haben doch alle Argumente in der Hand, aber wir treten nicht selbstbewusst auf. Das ärgert mich.»

Zum Schluss noch einmal zur neuen Saison. Wer wird denn nun deutscher Meister?

Svetislav Pesic: «Deutscher Meister wird die Mannschaft, die das letzte Spiel der Saison gewinnt. Für mich ist es gar kein Problem zuzugeben, dass das unser Ziel ist. Die Favoriten sind klar. Bamberg, Alba, Oldenburg, Ulm und wir. Es wird auf jeden Fall noch spannender als im vergangenen Jahr.»

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