Änderungen im Regelwerk : Videobeweis und Co. – das ist neu bei der WM in Russland

<p>Der Video-Assistent kam schon beim Confederations-Cup im vergangenen Jahr zum Einsatz und feiert jetzt seine Premiere bei der WM. </p>

Der Video-Assistent kam schon beim Confederations-Cup im vergangenen Jahr zum Einsatz und feiert jetzt seine Premiere bei der WM.

Die WM hält dank moderner Technik einige Neuerungen bereit. Davon profitieren sogar die Trainer an der Seitenlinie.

shz.de von
11. Juni 2018, 17:20 Uhr

In der vergangenen Bundesliga-Saison sorgte der Video-Assistent „VAR“ immer wieder für heftige Diskussion. Auch bei der WM in Russland kommt er zum Einsatz und soll den Kampf um den wichtigsten Fußball-Titel der Welt gerechter machen. 

„Die Chance, eine richtige Entscheidung ohne Video-Assistent zu treffen liegt bei 93 Prozent. Mit dem Video-Assistenten liegt sie bei 99 Prozent“, sagt Fifa-Präsident Gianni Infantino überzeugt. Die Erfahrung in der Bundesliga hat jedoch auch gezeigt: Der Umgang mit einer derart gravierenden technischen Neuerung muss sich erst einspielen – und selbst dann sind Streitfälle und heftige Diskussionen vorprogrammiert.

Wann greift der Video-Assistent ein und wann nicht? Woche für Woche wurde diese Saison in Deutschland debattiert. Durch Workshops und klare Anweisungen will der Fußball-Weltverband die WM-Schiedsrichter detailliert vorbereiten. Nur bei offensichtlichen Fehlern der Unparteiischen bei Torentscheidungen, Abseitsstellungen, Platzverweisen oder bei der Verwechslung eines zu bestrafenden Spielers soll der Video-Referee eingreifen. FIFA-Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina weiß jedoch auch: "Es wird weiterhin Vorfälle geben, bei denen es keine finale Antwort gibt."

Fehlende Routine könnte zum Problem werden

Ex-Nationalspieler Matthias Sammer sieht den Videobeweis bei der WM kritisch. Für ein solches Turnier sei die Technik „grundsätzlich nicht geeignet“, sagte er. Es lägen viel zu wenige Erfahrungswerte vor, „und wir haben ja in der Bundesliga gesehen, was das zu Beginn der Saison bedeutet hat.“

WM-Vorschau: Nützliches Reisewissen

Die fehlende Routine vieler Schiedsrichter im Umgang mit der Technik könnte zum Problem werden. Zwar wählte die FIFA Referees als Video-Assistenten aus, die die Hilfe bereits aus ihrer Liga kennen – so sind aus Deutschland Bastian Dankert und Felix Zwayer dabei. Doch der Wirbel um Zwayer im Pokalfinale beweist, dass selbst erfahrene Schiedsrichter nicht vor Diskussion gefeit sind. Zudem haben viele der 36 Hauptschiedsrichter, die letztendlich die Entscheidungen auf dem Platz treffen, jedoch keine Liga-Erfahrung mit dem Videosystem. Schon beim Confed Cup im vergangenen Jahr führte dies oft zu Chaos.

Felix Brych ist bei der WM in Russland der einzige Schiedsrichter aus Deutschland. Foto: imago/Team 2
imago/Team 2
Felix Brych ist bei der WM in Russland der einzige Schiedsrichter aus Deutschland. Foto: imago/Team 2
 

Bei jedem WM-Spiel sollen ein Video-Referees und drei Assistenten die Partie auf mehreren Bildschirmen im Video Operations Room in Moskau verfolgen. Die Kommunikation untereinander und mit dem Schiedsrichter auf dem Platz ist ein wichtiger Faktor. Deshalb sollen die Teams auch nach Sprachgruppen zusammengesetzt werden.

Anders als in der Bundesliga werden die Fans im Stadion über Entscheidungen nach Videobeweis umfassend informiert. „Wir werden Grafiken und Wiederholungen auf den riesigen Bildschirmen haben und wir werden die Fans über den Ausgang eines Videobeweises und die Überprüfung informieren“, kündigte Sebastian Runge an, der bei der FIFA für Innovationen zuständig ist. Die Erklärungen sollen auch auf der FIFA-Webseite, der App und im Fernsehen zu sehen sein, sagte Runge.

Der Videobeweis war Anfang März in das internationale Fußball-Regelwerk aufgenommen worden. Mitte März hatte anschließend das FIFA-Council beschlossen, dass die Technik bei der WM eingesetzt werden soll.

Joachim Löw darf telefonieren

Die Nationaltrainer dürfen sich zudem künftig vom Spielfeldrand aus über moderne Kommunikationsmittel mit ihren Assistenten auf der Tribüne austauschen. Auch dies hat die Fifa jetzt zusammen mit den Regelhütern des International Football Association Board (Ifab) beschlossen. Der Austausch sei mit handlichen mobilen Geräten erlaubt, aber streng auf taktische Anweisungen und Kommunikation zum Wohl der Spieler beschränkt.

Diese Möglichkeiten könnten auch Bundestrainer Joachim Löw im Sommer in Russland zugute kommen. Co-Trainer Marcus Sorg sitzt bereits jetzt bei Länderspielen des Weltmeisters während der ersten Hälfte auf der Tribüne, um aus diesem Blickwinkel taktische Eindrücke zu gewinnen. In Zukunft könnte er diese sofort via Headset oder Screenshots an Chefcoach Löw übermitteln.

Co-Trainer Marcus Sorg (r.) könnte bei der WM Bundestrainer Joachim Löw wichtige Tipps von der Tribüne geben. Eine Kommunikation während des Spiels ist in Russland erlaubt. Foto: picture alliance / Deniz Calagan/dpa
picture alliance / Deniz Calagan/dpa
Co-Trainer Marcus Sorg (r.) könnte bei der WM Bundestrainer Joachim Löw wichtige Tipps von der Tribüne geben. Eine Kommunikation während des Spiels ist in Russland erlaubt. Foto: picture alliance / Deniz Calagan/dpa
 

Die Regelhüter beschlossen zudem, dass bei der Verlängerung von Fußballspielen künftig ein vierter Spieler eingewechselt werden kann. Vorausgegangen war eine Testphase in mehr als einem Dutzend Wettbewerben in verschiedenen Ländern, unter anderem kam diese Regelung im DFB-Pokal zum Einsatz.

In Russland ist es zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft möglich eine vierte Auswechslung zu tätigen. Allerdings nur in der Verlängerung. In Deutschland dürfte auch bereits im DFB-Pokal in der Verlängerung ausgewechselt werden, jetzt also auch bei der WM.

Modus: Tordifferenz wichtiger als direkter Vergleich

Insgesamt 32 Nationalmannschaften nehmen an der WM 2018 in Russland teil. Während Gastgeber Russland automatisch qualifiziert ist, wurden die restlichen 31 Startplätze innerhalb der sechs Kontinentalverbände in den WM-Qualifikationen vergeben. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich in der WM-Qualifikation gegen Norwegen, Tschechien, Nordirland, San Marino und Aserbaidschan durchgesetzt. Für das Achtelfinale qualifizieren sich in jeder der acht Vierergruppen die Sieger und Zweitplatzierten. Sind nach den Gruppenspiele Teams punktgleich, entscheiden folgende Kriterien: 

- Tordifferenz aus allen Gruppenspielen 
- Anzahl der erzielten Tore aus allen Gruppenspielen 
- Anzahl Punkte aus dem direkten Vergleich  
- Tordifferenz aus den Direkt-Begegnungen 
- Anzahl der in den Direkt-Begegnungen erzielten Tore 
- Fair-Play-Wertung (mit Minuspunkten für Gelbe 1, Gelb-Rote 3 und Rote Karten 4) 
- Losentscheid 

Vom Achtelfinale bis zum Finale sind die Regeln noch einfacher. Steht es nach 90 Minuten Unentschieden, folgt wie üblich eine Verlängerung von zwei Mal 15 Minuten. Ist auch dann kein Sieger ermittelt, kommt es zum Elfmeterschießen. Für das WM-Achtelfinale qualifizieren sich jeweils die Gruppenersten und -zweiten. Vom Achtelfinale an geht es im K.O.-System über das Viertelfinale und Halbfinale bis zum WM-Finale am 14. Juli 2018 weiter.

Die Schiedsrichter der WM:
Felix Brych (Deutschland), Cüneyt Cakir (Türkei), Sergej Karasew (Russland), Björn Kuipers (Niederlande), Szymon Marciniak (Polen), Antonio Mateu Lahoz (Spanien), Milorad Mazic (Serbien), Gianluca Rocchi (Italien), Damir Skomina (Slowenien), Clement Turpin (Frankreich), Alireza Faghani (Iran), Rawschan Irmatow (Usbekistan), Abdulla Mohamed (Vereinigte Arabische Emirate), Ryuji Sato (Japan), Nawaf Shukralla (Bahrain), Joel Aguilar (El Salvador), Mark Geiger (USA), Jair Marrufo (USA), Ricardo Montero (Costa Rica), John Pitti (Panama), César Ramos Palazuelos (Mexiko), Matthew Conger (Neuseeland), Norbert Hauata (Tahiti), Mehdi Abid Charef (Algerien), Malang Diedhiou (Senegal), Bakary Gassama (Gambia), Gihad Grischa (Ägypten), Janny Sikazwe (Sambia), Tessema Bamlak (Äthiopien), Julio Bascuñán (Chile), Enrique Cáceres (Paraguay), Andrés Cunha (Uruguay), Néstor Pitana (Argentinien), Sandro Ricci (Brasilien), Wilmar Roldán (Kolumbien)
 

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