Doping-Skandal : Unabhängiges Komitee entscheidet: Welche russischen Athleten dürfen bei den Winterspielen starten?

Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang dürfen russische Sportler nur unter neutraler Flagge antreten.
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Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang dürfen russische Sportler nur unter neutraler Flagge antreten.

Am Montag startet die Anhörung von 42 wegen Dopings vom IOC gesperrten russischen Sportlern.

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22. Januar 2018, 14:07 Uhr

Genf | Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist als deutsche Fahnenträgerin zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele im Gespräch. Ihre Wahl ist allerdings umstritten: Einige Topathleten gönnen der Olympiasiegerin eine solche Auszeichnung zur Teilnahme an ihren siebten Olympischen Spielen. Andere halten sich bedeckt, stellen sogar in Frage, ob eine einstmalig Doping gesperrte Athletin das deutsche Symbol in die Arena tragen sollte.

Den Russen waren Dopingverstöße während der Winterspiele 2014 in Sotschi vorgeworfen und außerdem Medaillen aberkannt worden. Zu den Athleten, die nun Einspruch einlegen, gehören unter anderem die Sotschi-Olympiasieger Alexander Subkow (Bob), Alexander Tretjakow (Skeleton) und Alexander Legkow (Skilanglauf).

Doping ist kein neues Thema – insbesondere in Russland. Am Montag startet eine Anhörung von 42 russischen Sportlern, die wegen Dopings vom IOC lebenslang gesperrt wurden. Dann soll sich entscheiden, ob die Athleten an den Olympischen Winterspielen in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang teilnehmen dürfen. Diese starten am 9. Februar.

Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi führte Alexander Subkow das russische Team noch an. Heute zählt er zu den von der IOC Doping gesperrten Sportlern.
Foto: Mark Humphrey/AP/dpa

Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi führte Alexander Subkow das russische Team noch an. Heute zählt er zu den von der IOC Doping gesperrten Sportlern.

 

Das Nationale Olympische Komitees Russlands wurde für die Winterspiele gesperrt. Aber andere russische Sportler, die keine Dopingvergangenheit haben, können unter neutraler Flagge starten, dürfen ihre Nationalhymne aber nicht hören, lautete das Urteil Anfang Dezember 2017. Ein Komplett-Ausschluss – es wäre der erste in der 121-jährigen Geschichte der Olympischen Spiele wegen Doping-Verstößen gewesen – blieb Russland erspart. Präsident Wladimir Putin hat den Athleten die Teilnahme an den Spielen freigestellt.

Entscheidung soll bis 2. Februar bekanntgegeben werden

Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat ein Prozedere für die am Montag beginnenden Anhörungen russischer Athleten festgelegt, die vom IOC lebenslang für Olympia gesperrt wurden. Das Internationale Olympische Komitee hatte sie wegen ihrer angeblichen Verstrickung in den Dopingskandal während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi verurteilt. Die Entscheidungen des CAS sollen voraussichtlich zwischen dem 29. Januar und dem 2. Februar bekanntgegeben werden.

Der CAS will insgesamt 39 der 42 gesperrten russischen Sportler in zwei Gruppen anhören. Die nicht-öffentlichen Verhandlungen mit einer Gruppe von 28 und einer zweiten von elf Sportlern werden wegen der ungewöhnlich großen Zahl an Beteiligten nicht am CAS-Sitz in Lausanne stattfinden, sondern in Genf. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat ein Prozedere für die am Montag beginnenden Anhörungen russischer Athleten festgelegt, die vom IOC lebenslang für Olympia gesperrt wurden. Das Internationale Olympische Komitee hatte sie wegen ihrer angeblichen Verstrickung in den Dopingskandal während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi verurteilt. Die Entscheidungen des CAS sollen voraussichtlich zwischen dem 29. Januar und dem 2. Februar bekanntgegeben werden. Die kommenden Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang beginnen am 9. Februar.

Der CAS will insgesamt 39 der 42 gesperrten russischen Sportler in zwei Gruppen anhören. Die nicht-öffentlichen Verhandlungen mit einer Gruppe von 28 und einer zweiten von elf Sportlern werden wegen der ungewöhnlich großen Zahl an Beteiligten nicht am CAS-Sitz in Lausanne stattfinden, sondern in Genf. Sie sollen von Montag bis voraussichtlich Samstag oder Sonntag dauern.

Grigori Rodschenkow deckte gemeinsam mit Julia Stepanowa und den beiden kanadischen Juristen Richard Pound und Richard McLaren den Doping-Skandal auf.
Foto: Valeriy Melnikov/RIA Nowosti/dpa

Grigori Rodschenkow deckte gemeinsam mit Julia Stepanowa und den beiden kanadischen Juristen Richard Pound und Richard McLaren den Doping-Skandal auf.

 

Der Doping-Kronzeuge Grigori Rodschenkow und der kanadische Sonderermittler Richard McLaren sollen per Video oder Telefon aussagen. Der in die USA geflüchtete Rodschenkow war Leiter des Moskauer Dopingkontrolllabors und hat über groß angelegte Manipulationen während der Winterspiele in Sotschi berichtet.

Noch nicht verhandelt werden in der kommenden Woche die Fälle der drei Biathletinnen Olga Saizewa, Olga Wiluchina und Jana Romanowa.

Wer sitzt in der Kommission?

Die unabhängigen Kommission, die über die Zukunft der russischen Sportlern entscheidet, besteht aus vier Mitgliedern. Die ehemalige französische Sportministerin Valérie Fourneyron übernimmt den Vorsitz.

Auch der Deutsche Günter Younger, Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, gehört der vierköpfigen IOC-Kommission an, die innerhalb der nächsten Wochen die Vorschlagslisten für russische Sportler für die kommenden Winterspiele zusammenstellen muss.

Der Deutsche Günter Younger, Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, gehört der vierköpfigen IOC-Kommission, die über die Zukunft der russischen Sportler entscheiden soll.
Foto: Sven Hoppe/dpa

Der Deutsche Günter Younger, Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, gehört der vierköpfigen IOC-Kommission, die über die Zukunft der russischen Sportler entscheiden soll.

 

Am Freitag habe sich eine eine russische Delegation beim IOC in Lausanne über das Prozedere möglicher Nominierungen informiert. Die endgültige Entscheidung über das Einzelstartrecht russischer Wintersportler trifft danach ein Dreiergremium unter Vorsitz von IOC-Mitglied Nicole Hoevertsz. Nominierungsschluss für russische Athleten ist ebenso wie bei den zugelassenen Nationalen Komitees der 28. Januar.

Die deutschen CAS-Richter Christoph Vedder und Dirk-Reiner Martens gehören als Beisitzer zu beiden jeweils dreiköpfigen Kammern, die über die anderen 39 Sportler beraten und urteilen.

Die Chronologie des Doping-Skandals

3. Dezember 2014

Auslöser des Skandals ist der ARD-Dokumentarfilm „Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht“. Darin wird enthüllt, dass die Erfolge russischer Leichtathleten Ergebnis von systematischem Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption war.

11. Dezember

 Papa Massata Diack, der Sohn von IAAF-Präsident Lamine Diack, lässt seine Tätigkeit als Marketingberater ruhen. Russlands Leichtathletik-Präsident Walentin Balachnitschjow zieht sich als Schatzmeister des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF zurück.

12. Dezember

Der Direktor der Anti-Doping-Abteilung in der IAAF, der Franzose Gabriel Dollé, legt sein Amt nieder.

16. Dezember

Der frühere WADA-Chef Richard Pound leitet die Kommission zur Aufklärung der Doping-Vorwürfe gegen Russland. Weitere Gremiumsmitglieder sind der Sportrechtsexperte Richard McLaren und der deutsche Kriminalbeamte Günter Younger.

17. Februar 2015

Wegen des Dopingskandals tritt Russlands Leichtathletik-Chef Balachnitschjow zurück. Nachfolger wird Wadim Selischenko.

16. Juli

Aufgrund von Doping-Ermittlungen zieht der russische Leichtathletik-Verband vorläufig sein komplettes Geher-Team von internationalen Wettkämpfen zurück. Die WM findet Ende August in Peking ohne die mit Abstand erfolgreichste Geher-Nation statt.

2. August

ARD und „Sunday Times“ haben eine Liste mit 12.000 Bluttests von rund 5000 Läufern ausgewertet. Darunter sollen 800 Sportler mit dopingverdächtigen Werten sein, die von 2001 bis 2012 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gestartet sind.

19. August

Der Brite Sebastian Coe wird zum neuen IAAF-Präsidenten gewählt. Er löst Diack ab, der fast 16 Jahre lang amtierte.

4. November

Diack wird Bestechlichkeit und Geldwäsche vorgeworfen. Die französische Justiz erhebt Anklage gegen den 82-Jährigen.

6. November

Diack soll in seiner Amtszeit mehr als eine Million Euro für die Vertuschung positiver Doping-Proben kassiert haben, erklärt eine französische Staatsanwältin.

9. November

Die unabhängige WADA-Kommission um Pound legt ihren ersten Bericht vor, der ein Schreckensbild der Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik zeigt. Die Kommission empfiehlt in Genf, Russland aus der IAAF auszuschließen.

10. November

Die WADA entzieht dem Doping-Kontrolllabor in Moskau vorläufig die Akkreditierung. Das Internationale Olympische Komitee suspendiert das IOC-Ehrenmitglied Lamine Diack.

13. November

Die IAAF suspendiert den Gesamtrussischen Leichtathletik-Verband ARAF angesichts der gravierenden Dopingvorwürfe. Wenn die Suspendierung nicht aufgehoben wird, ist eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio nicht möglich.

18. November

Die WADA suspendiert Russlands Anti-Doping-Agentur RUSADA, weil sie die Regeln nicht eingehalten hat.

7. Januar 2016

Die Ethikkommission der IAAF sperrt im Zuge des Dopingskandals den Sohn von Ex-Präsident Diack, Papa Massata, den ehemaligen IAAF-Schatzmeister Balachnitschjow und Russlands Ex-Cheftrainer Alexej Melnikow lebenslang. Der frühere Anti-Doping-Chef Dollé wird für fünf Jahre gesperrt.

12. Januar

Interne Dokumente aus der IAAF-Zentrale, die der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurden, belegen, dass der Weltverband seit 2009 vom massiven Doping in Russland wusste.

14. Januar

Bei der Präsentation des zweiten Berichts wirft die unabhängige WADA-Kommission im Münchner Vorort Unterschleißheim der IAAF „ein komplettes Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption“ vor. Hauptverantwortlicher für die „Organisation und Ermöglichung der Verschwörung“ sei der frühere IAAF-Präsident Diack.

16. Januar

Mit einer neuen Führung will sich der russische Leichtathletikverband (WFLA) die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro sichern. In einer Sondersitzung wählt der WFLA den angesehenen Sportfunktionär Dmitri Schljachtin zum neuen Präsidenten.

6. März

Das angeblich große Reinemachen in der russischen Leichtathletik wird durch neue Vorwürfe gegen die Sport-Weltmacht erschüttert. Eine neue TV-Dokumentation präsentiert im WDR Belege für Verstöße von Russlands Leichtathletik gegen Auflagen vom Weltverband IAAF und der Welt-Anti-Doping-Agentur.

12. Mai

Der ehemalige Leites des Moskauer Anti-Doping-Labors, Gregori Rodschenkow, sagt der „New York Times“, er habe systematische Manipulationen im russischen Team 2014 während der Olympischen Winterspiele in Sotschi mitorganisiert. 15 der russischen Medaillengewinner in Sotschi seien gedopt gewesen. US-Justiz, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die WADA nehmen Ermittlungen auf.

17. Mai

Gut elf Wochen vor den Sommerspielen hat die olympische Bewegung den Kampf gegen Doping verschärft. Bei Nachkontrollen sind 31 Olympia-Teilnehmer von Peking 2008 positiv getestet worden, wie das IOC mitteilt.

27. Mai

Bei Nachkontrollen zu den Olympischen Spielen 2012 in London sind 23 Sportler positiv getestet worden, gibt das IOC bekannt. Hinzu kommt eine weitere positive Probe von den Sommerspielen 2008 in Peking.

17. Juni

Die IAAF will in Wien entscheiden, ob Russlands Leichtathletik-Verband inzwischen die Auflagen für wirksame Dopingkontrollen erfüllt hat und der Bann aufgehoben werden kann. Rechtzeitig vor den Rio-Spielen will die WADA auch eine Untersuchung zu Sotschi abgeschlossen haben. Die Ergebnisse sollen bis zum 15. Juli vorliegen. Die Sommerspiele beginnen am 5. August.

Das IAAF-Council bestätigt die Sperre für die russischen Leichtathleten und damit den Olympia-Ausschluss in Rio. Nur einzelne Athleten könnten unter neutraler Flagge teilnehmen, sofern sie glaubhaft machen können, nicht ins Doping-System Russlands involviert zu sein.

18. Juli

Im ersten Bericht von WADA-Chefermittler McLaren wird belegt, dass es eine Verwicklung auch des russischen Geheimdienstes FSB bei der Vertuschung von Doping-Fällen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gab. Auslöser der Untersuchung waren die Vorwürfe von Gregori Rodschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Er hatte Vertuschungspraktiken in seinem Labor zusammen mit der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA enthüllt.

24. Juli

Das Internationale Olympische Komitee entscheidet, dass die russische Mannschaft trotz der Doping-Vorwürfe nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen wird. Das IOC überträgt den internationalen Sportverbänden die Entscheidung, welche russische Athleten antreten dürfen. Am Ende werden rund 280 Russen zugelassen.

9. Dezember

Mehr als 1000 russische Sportler seien zwischen 2011 und 2015 Teil einer großangelegten staatlichen Dopingpolitik gewesen, teilt McLaren in seinem zweiten Bericht mit. Es habe sich um eine „institutionelle Verschwörung“ über mehrere Jahre und sportliche Großereignisse hinweg gehandelt. Es seien auch Beweise gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien.

23. Dezember

Das IOC leitet wegen Dopingverdachts Verfahren gegen 28 russische Teilnehmer der Winterspiele 2014 ein. Zudem werden Nachkontrollen aller russischer Olympiateilnehmer von 2010 und 2014 angekündigt

28. Dezember

Rusada-Chefin Anna Anzeliowitsch gibt laut "New York Times" die Vertuschung systematischen Dopings in Russland zu. Kurz später erklärt sie, die Aussage sei so nicht gefallen beziehungsweise aus dem Zusammenhang gerissen worden.

29. März 2017:

Die Wada fordert eine schnelle Entscheidung des IOC über eine Teilnahme Russlands an Olympia 2018.

26. April

Der unabhängige Dopingermittler Richard McLaren fordert, dass endlich Konsequenzen aus den von ihm vorgelegten Berichten zu mutmaßlich systematischem Doping in Russland gezogen werden.

25. Juni

In einem Bericht der englischen Zeitung "Mail on Sunday" werden Dopingverdächtigungen um Russlands Fußball-WM-Team 2014 geäußert. Der Weltverband Fifa bestätigt diesbezügliche Ermittlungen.

14. September

Die führenden Nationalen Antidopingagenturen kritisieren das IOC wegen dessen inaktiver Haltung in der Russland-Frage scharf und fordern den Komplettausschluss Russlands von den Spielen 2018.

2. November

IOC-Präsident Bach kritisiert Dopingverstöße von Sotschi 2014 als direkten Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele und des IOC.

16. November

Die Wada prolongiert die Suspendierung der Rusada. Hauptgründe dafür seien die Nichtanerkennung der Ergebnisse der McLaren-Untersuchung, das Nichteingeständnis, ein flächendeckendes Dopingsystem betrieben zu haben, sowie der nicht gegebene Zugang zu weiteren Dopingproben im Moskauer Labor.

26. November

Der Leichtathletikweltverband (IAAF) prolongiert die im November 2015 ausgesprochene Sperre russischer Leichtathleten für internationale Wettkämpfe.

28. November

Die "New York Times" berichtet von Notizbüchern von Whistleblower Grigori Rodschenkow mit neuen und detaillierteren Einblicken in das russische Dopingnetzwerk. Darin soll auch die Verwicklung von Regierungsmitgliedern und russischen Olympia-Offiziellen beschrieben sein.

1. Dezember

Bisher sind 25 Athleten wegen der bei Nachkontrollen von den Winterspielen 2014 festgestellten Dopingvergehen auf Lebenszeit von Olympiateilnahmen ausgeschlossen worden. Darunter befinden sich elf Medaillengewinner beziehungsweise fünf Olympiasieger.

5. Dezember

Das Exekutivkomitee des IOC schloss Russlands Nationales Olympisches Komitee (ROC) von den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang aus. Lediglich nachweislich saubere russische Sportler dürfen unter IOC-Flagge an den Spielen teilnehmen. Zudem wurde der langjährige russische Sportminister und aktuelle Vizeregierungschef Witali Mutko lebenslang von Olympia ausgeschlossen.

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