Gerhard Dellings Arena : Über die Außenbahnen zum Befreiungsschlag

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Insgesamt fehlt dem deutschen Fußball ein echter Torjäger. Das ist eine Baustelle, schreibt Gerhard Delling.

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08. September 2018, 19:05 Uhr

Ein Befreiungsschlag war das nicht! Und sollte es offensichtlich auch gar nicht sein. Das 0:0 gegen Weltmeister Frankreich hat die Lage beruhigt, bringt aber keine neuen Erkenntnisse. Dass Joachim Löw seiner Linie treu bleiben würde, war zu erwarten. Fast demonstrativ setzt er im ersten Spiel nach dem WM-Blackout keinen einzigen neuen Spieler ein. Kein bewusstes Signal nach außen, aber ein umso wichtigeres Bekenntnis nach innen.

Der Bundestrainer ist klug (und noch stark) genug, sich nicht externen Kritikern an den Hals zu werfen, sondern auf die Akteure zuzugehen, von denen er in erster Linie abhängig ist: von den Spielern. Die sind überwiegend immer noch Weltklasse. Deshalb erteilt Löw den vielen (meist) populistischen Forderungen nach einem großen Umbruch eine klare Absage. Was soll er auch machen? Einen Toni Kroos draußen lassen, den jede Mannschaft dieser Welt gern hätte, selbst wenn er zu selten Vollgas gibt?! Einen Jerome Boateng, der zwar längst nicht so spritzig ist wie zu seinen besten Zeiten, aber wie sein Nebenmann Mats Hummels immer noch besser als der Rest der Bundesligaspieler auf dieser Position?! Einen Joshua Kimmich oder Thomas Müller, die in der aktuellen Form bei Bayern München überhaupt nicht wegzudenken sind?!

Löw hat nicht den Auftrag, anderen gefällig zu sein. Er muss die für seine Philosophie besten Spieler identifizieren und für seine Idee begeistern. Nur kommt das mit der „Begeisterung“ für meine Begriffe gerade etwas zu kurz. Dem Bundestrainer ist es sichtbar gelungen, die gesamte Mannschaft wieder hinter sich zu bringen. Sonst hätte sie gegen Frankreich nicht so diszipliniert den von ihm geforderten „Sicherheitsdienst“ umgesetzt. Dass diese Mannschaft auf Ansage überhaupt so funktionieren kann, ist auch ein Indiz für deren großes Qualitätspotenzial. Das aber wird auf Dauer nicht gefördert, wenn sie in erster Linie als verlässliche „Wach- und Schließgesellschaft“ auftritt – insbesondere unter Löw war der deutsche Nationalmannschaftsfußball über viele Jahre eher mitreißende „Lach- und Schießgesellschaft“!

Viele Schüsse, viele Tore, weniger Abwehr. Das ist – wie wir bei der WM erfahren mussten – zwar gefährlich. Allerdings nicht per se, sondern nur, wenn nicht alle Akteure bereit sind, an ihre Grenzen zu gehen. Spätestens nach den auffällig vielen Rückpässen gegen Frankreich wünsche ich mir wieder mehr Mut (selbst wenn das mit mehr Risiko einhergeht) zurück.

Insgesamt fehlt dem deutschen Fußball ein echter Torjäger. Das ist eine Baustelle. Wird die geschlossen, könnte den Außenbahnen besondere Bedeutung zukommen. Gefahr (für das eigene Tor) zu vermeiden, kann beim Ergebnisfußball funktionieren. Aber ohne stete Torgefahr für den Gegner, kann es kaum ein mitreißendes Spiel geben. Die Lösung für Balance zwischen beiden Ansätzen dürften (handlungs-) schnelle, flexible Außenverteidiger sein. Da wären Spieler wie Thilo Kehrer und/oder Nico Schulz schon gegen Peru morgen mindestens einen Versuch wert. Dann könnte es vielleicht auch so etwas wie einen Befreiungsschlag geben. Vorausgesetzt, dass der als nächster Schritt auch geplant ist.

Der TV-Moderator Gerhard Delling beleuchtet für unsere Zeitung das aktuelle Sportgeschehen

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