Kartenbestellungen rund um die Uhr : Traumlos FC Bayern: Drochtersen feiert bis morgens um drei Uhr

Vor zwei Jahren: Große Kulisse im Kehdinger Stadion beim DFB-Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Jetzt treten die Bayern bei der SV Drochtersen/Assel an. Foto: Imago/Nordphoto
Vor zwei Jahren: Große Kulisse im Kehdinger Stadion beim DFB-Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Jetzt treten die Bayern bei der SV Drochtersen/Assel an. Foto: Imago/Nordphoto

Der Regionalligist aus dem Landkreis Stade ist nach dem Bayern-Los immer noch im Ausnahmezustand.

shz.de von
10. Juni 2018, 14:40 Uhr

Drochtersen | Drochtersen Am Freitagabend brennt in Drochtersen im Kehdinger Stadion sprichwörtlich das Vereinsheim. Spieler sind da, Fans, Gönner, Helfer. Durch die dicke Luft wabert Zigarettenqualm, hinter dem Tresen zapft Jenny Bier. Auf einem Tisch stehen zwei Flaschen Cola, Korn und ein Humpen mit Eiswürfeln.

So wurde in Drochtersen gejubelt




Im Fernsehen läuft die Auslosung der ersten Hauptrunde im DFB-Pokal, eine Live-Übertragung aus dem Deutschen Fußballmuseum. Im Topf liegt zum zweiten Mal in der Geschichte der Spielvereinigung Drochtersen/Assel eine Kugel mit dem rotblauen Wappen des Vereins, der 1977 nach zähem Ringen als Fusion des TV Germania Drochtersen und der Vereinigte Turnvereine Assel entstand.
 

Drochtersen? Landkreis Stade, 11000 Einwohner, hinterm Elbdeich
Wir sind im Landkreis Stade, gut 50 Kilometer nordwestlich von Hamburg, südlich der Elbe. Die Gemeinde Drochtersen (mit dem Ortsteil Assel) liegt im Kehdinger Land, direkt hinter dem Elbdeich. 11000 Menschen leben hier, 2500 passen in das Kehdinger Stadion.

Zu der schmucken Anlagen gehört ein Vereinsheim. Dort sitzen jetzt die Spieler, die mit ihrem Überraschungssieg am 3. April im Elfmeterschießen gegen den Drittligisten VfL Osnabrück dafür gesorgt haben, dass D/A nun in den Blickpunkt von Fußball-Deutschland rückt. Und warten auf ihren Gegner.

„So, ihr Lieben…“ DFB-Präsident Reinhard Grindel zieht das Traumlos
Es wird geklatscht, als Losfee Palina Rojinski das D/A-Los aus der linken Trommel zieht. DFB-Präsident Reinhard Grindel kann sich noch an die erste Hauptrunde vor zwei Jahren erinnern. Damals besuchte er die Drochterser beim Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. Er ließ sich die Bratwurst schmecken und hat die Drochterser irgendwie ins Herz geschlossen.

Weiterlesen: So lief die Auslosung

„So, ihr Lieben“, sagt Grindel, als er einen ersten Blick in die zweite Loskugel geworfen hat. Die Spieler im Vereinsheim ahnen schon, dass es gleich krachen wird. Als Grindel den FC Bayern München aufruft, brechen in dem kleinen Holzhaus alle Dämme. Spieler, Trainer, Betreuer und Fans springen auf, tanzen, schreien und liegen sich in den Armen.

Der Zwölfte der Regionalliga gegen den Rekord-Pokalsieger
Der niedersächsische Landespokalsieger und Zwölfte der abgelaufenen Saison in der Regionalliga Nord trifft auf den 28-fachen Deutschen Meister, 18-fachen DFB-Pokalsieger und fünfmaligen Champions League-Sieger. Eine Truppe von reinen Amateurspielern und Feierabendfußballern, die tagsüber auf dem Bau arbeiten, studieren oder im Büro sitzen, laufen gegen das Starensemble aus München auf.

„Äpfel und Birnen lassen sich eher vergleichen, als die Bayern und D/A“, sagt der Drochterser Trainer Lars Uder, der den Posten erst vor einigen Tagen von Enrico Maaßen übernommen hat, der nach Rödinghausen in die Weststaffel der Regionalliga gewechselt ist. „Ein Start nach Maß“, sagt Uder. Nicht abschießen lassen, nicht zweistellig verlieren, vielleicht ein Tor gegen die Bayern, Spaß haben, Wohlfühlen. Das ist seine Wunschliste gegen die Übermannschaft.

Im Vereinsheim sinkt der Lärmpegel ein wenig. Uder geht erstmal an die Bar und bestellt sich etwas zu trinken. „Das ist überragend. Ein Kindheitstraum“, sagt er über das Los. Neben ihm malen sich Stürmer Jasper Gooßen und Linksaußen Jannes Elfers aus, wie es sein wird, gegen die Bayern zu spielen. „Seit ich fünf Jahre alt bin, wollte ich die Bayern einmal live erleben“, sagt Elfers.

Findet das Spiel im Kedinger Stadion statt?
Präsident und Mäzen Rigo Gooßen, Teambetreuer Andreas Heinsohn und Kapitän Sören Behrmann haben die Auslosung live in Dortmund verfolgt. Die Fernsehkameras fingen ihren Jubel ein, die Bilder gingen im Internet um die Fußballwelt. Während der nächtlichen Rückfahrt sind bei den Vereinsvertretern mehrere hundert Vorbestellungen für Eintrittskarten eingegangen, inzwischen liegen weit über tausend Anfragen vor.

Gooßen muss alle vertrösten. Er hat immer wieder betont, das Pokalspiel im heimischen Kehdinger Stadion stattfinden zu lassen. Das hat vor zwei Jahren gegen Gladbach schon geklappt. Mit Zusatztribünen stockte D/A das Fassungsvermögen von 2500 auf 7000 auf.

Jetzt aber kommen die Bayern. Eine ganz andere Hausnummer. In den nächsten zwei Wochen werde sich entscheiden, welche Anforderungen die Fernsehanstalten für die Live-Übertragung stellen, an welchem der vier Tage die Partie über die Bühne geht – und wo.

Bis um drei Uhr wird in Drochtersen gefeiert
Gooßen und seine Mitstreiter sind gegen drei Uhr morgens zu Hause. Am Kehdinger Stadion verlassen die letzten Feierbiester das Vereinsheim. „Vor zwei Jahren hat man uns bis zum Niederrhein wahrgenommen. Jetzt bis an die Alpen“, sagt Gooßen. Über Kehdingen scheine die Sonne. Und die nullkommanulleins Prozent große Wahrscheinlichkeit, gegen Bayern zu gewinnen, sei ja immerhin auch eine Wahrscheinlichkeit.

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