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Affäre um die WM 2006 : Steuerrazzia beim DFB - Wolfgang Niersbachs Privathaus durchsucht

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Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Es geht um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Frankfurt | In der Affäre um den Zuschlag für die WM 2006 hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und dessen Vorgänger Theo Zwanziger aufgenommen. Die Behörde durchsuchte am Dienstagmorgen die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und auch des früheren DFB-Generalsekretärs Horst R. Schmidt. Die Behörde ermittelt gegen das Trio wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall. Durchsucht wurde obendrein die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main, wie Oberstaatsanwältin Nadja Niesen in einem schriftlichen Statement mitteilte.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete Anfang Oktober, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen ist, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Der DFB widerspricht. Das Wirrwarr um die WM 2006 beschäftigt inzwischen Ermittler beim Deutschen Fußball-Bund, der Fifa und der Staatsanwaltschaft. Vieles liegt im Dunkeln, die Aussagen widersprechen sich.

Im Kern geht es um die ominöse Zahlung von 6,7 Millionen Euro, die laut DFB im Vorfeld der Heim-WM an die Finanzkommission der FIFA gegangen sein soll. Die Ermittlungen stehen nach Angaben der Behörde in direktem Zusammenhang mit diesem Geldtransfer. Durch die Millionenzahlung soll sich das Organisationskomitee (OK) nach Niersbachs Darstellung eine finanzielle Unterstützung in Höhe von umgerechnet 170 Millionen Euro gesichert haben.

Hintergrund: Steuerhinterziehung

Steuerhinterziehung ist nach Paragraf 370 Abgabenordnung (AO) eine Straftat, für die eine Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen. In besonders schweren Fällen werden sechs Monate bis zu zehn Jahre Haft verhängt.

Als besonders schwerer Fall gilt in der Regel, wenn Amtsträger ihre Stellung missbrauchen, um eigene oder fremde Steuern zu hinterziehen, wenn Steuervorteile durch gefälschte Belege erschwindelt werden oder wenn eine Bande „gewerbsmäßig“ und „fortgesetzt“ Steuern hinterzieht. Ein besonders schwerer Fall liegt auch vor, wenn „in großem Ausmaß Steuern verkürzt“ werden. Das Gesetz nennt keine Summe, doch wird vor Gericht meist von mindestens einer Million Euro ausgegangen.

Für die Aufdeckung und Verfolgung von Steuerstraftaten sind die Länder zuständig. Die Strafverfolgung der Steuerhinterziehung verjährt grundsätzlich fünf Jahre nach Erhalt des Steuerbescheids, bei besonders schweren Fällen liegt die Frist bei zehn Jahren.

In Deutschland kann eine Bestrafung gemäß Paragraf 371 AO durch eine Selbstanzeige vermieden werden. Wer sich selbst anzeigt, bleibt aber nur straffrei, wenn die Behörden von dem Fall noch nichts wussten. Wird bereits ermittelt, ist der Zug abgefahren.

 

Der frühere DFB-Präsident Zwanziger hatte zuletzt allerdings bereits von einer „schwarzen Kasse“ gesprochen und die Darstellung des Verbandes in Zweifel gezogen. Den im Raum stehenden Vorwurf eines Stimmenkaufs wies der DFB zurück.

Was steckt hinter den Zahlungen?

Es gibt mehrere Theorien. Eine besagt nach wie vor: Die WM 2006 wurde gekauft, aus einer „schwarzen Kasse“ der deutschen WM-Macher wurden mehrere FIFA-Funktionäre bestochen. Sollten die ominösen Dreyfus- Millionen aber an das frühere FIFA-Finanzkommissionsmitglied Mohamed bin Hammam oder an den mittlerweile gesperrten FIFA-Chef Joseph Blatter selbst geflossen sein, könnte es aber auch um eine andere schwarze Kasse gehen: Um dunkle Kanäle beim Weltverband selbst. Die Version des DFB und des damaligen OK-Chefs Franz Beckenbauer bleibt: Die 6,7 Millionen seien „nur“ geflossen, um sich einen Organisationszuschuss der FIFA zu sichern.

Die Staatsanwaltschaft wirft Niersbach, Zwanziger und Schmidt nun vor, falsche Steuererklärungen für das Jahr 2006 zu verantworten. Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie der Solidaritätszuschlag sollen dadurch „in erheblicher Höhe“ gekürzt worden sein. Die 6,7 Millionen Euro seien für eine Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm im Rahmen der WM als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden, „obwohl ihr tatsächlich ein anderer Zweck zugrunde lag und die Zahlung daher nicht als abzugsfähige Betriebsausgabe hätte geltend gemacht werden dürfen“, wie die Staatsanwaltschaft schrieb.

Die Pressemitteilung des Staatsanwaltschaft Frankfurt im Wortlaut

„Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und dem Geldtransfer von 6,7 Millionen Euro des WM-Organisationskomitees des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an den Fußball-Weltverband Fifa Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall aufgenommen.

Diese richten sich gegen den Präsidenten des DFB und einstigen Vizepräsidenten des Organisationskomitees, den im Jahr 2006 amtierenden DFB-Präsidenten und damaligen Schatzmeister des Organisationskomitees sowie den früheren DFB-Generalsekretär.

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, im Rahmen ihrer damaligen Verantwortlichkeiten die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst und hierdurch Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 in erheblicher Höhe verkürzt zu haben. Nach derzeitigem Erkenntnisstand soll eine durch das Organisationskomitee im Frühjahr 2005 geleistete Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro für eine Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein, obwohl ihr tatsächlich ein anderer Zweck zugrunde lag und die Zahlung daher nicht als abzugsfähige Betriebsausgabe hätte geltend gemacht werden dürfen.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft hat der Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Frankfurt am Main Durchsuchungsbeschlüsse für die Geschäftsräume des DFB sowie die Wohnungen der Beschuldigten erlassen, die am heutigen Tag durch mehr als 50 Beamte der Frankfurter Steuerfahndung sowie der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen in Frankfurt am Main vollstreckt werden.

Hinsichtlich der weiteren in Betracht kommenden Tatvorwürfe der Untreue sowie der Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr war wegen zwischenzeitlich eingetretener Verfolgungsverjährung ein Anfangsverdacht verneint und daher von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen worden.gez.

Nadja Niesen Oberstaatsanwältin“

Gegen den damaligen OK-Chef Franz Beckenbauer - eine weitere zentrale Figur in der Affäre - wurden dagegen zunächst keine Ermittlungen bekannt. Der langjährige Präsident des FC Bayern München hatte allerdings zuletzt sein eisernes Schweigen gebrochen und erstmals auch einen eigenen Fehler eingestanden.

„Um einen Finanzierungszuschuss der FIFA zu erhalten, wurde auf einen Vorschlag seitens der FIFA-Finanzkommission eingegangen, den die Beteiligten aus heutiger Sicht hätten zurückweisen sollen“, hatte Beckenbauer in der vergangenen Woche berichtet. Dafür trage er als Präsident des damaligen Organisationskomitees „die Verantwortung“. Obendrein erklärte der zweimalige Fußball-Weltmeister als Spieler und Trainer, bei einer Anhörung der externen Untersuchungskommission des Deutschen Fußball-Bundes sämtliche Fragen beantwortet zu haben.

Auch Zwanziger traf sich nach eigenen Angaben inzwischen mit den externen Ermittlern des DFB. Der Verband hatte eine Wirtschaftsprüfungskanzlei eingeschaltet, um die Hintergründe der Zahlung im eigenen Haus zu klären. Die internen Ermittlungen sollen nach DFB-Angaben vom Donnerstag aber noch „einige Wochen“ dauern. 

shz.de  mit einer Chronologie zur WM-Affäre:

16. Oktober

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen ist, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom damaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Fedor Radmann, ehemaliger Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, weist den Vorwurf des Stimmenkaufs zurück. Erstmals äußert sich Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“ 

19. Oktober

Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

19. Oktober

Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“ Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“

23. Oktober

Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und bestätigt im „Spiegel“ erstmals die Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005.“

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der FIFA-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach und Zwanziger. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November:

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die FIFA aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass er nicht erst 2015 von den Vorgängen Kenntnis hatte.

 
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erstellt am 03.Nov.2015 | 14:28 Uhr

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