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18. Dezember 2017 | 23:47 Uhr

Zaubermaus und Horrorparty

vom

Serie (16) - 1978/79: Beim HSV wird gejubelt, beim FC Bayern geputscht

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2013 | 03:59 Uhr

19 Jahre zuvor hatte Uwe Seeler zum letzten Mal die Meisterschale nach Hamburg gebracht. Jetzt stand "Uns Uwe" in der HSV-Kabine auf der Bielefelder Alm und schüttelte dem Trainer die Hand, der den hanseatischen Fußball-Stolz endlich wieder zum Champion gemacht hatte: "Danke, Branko - das ist dein Werk!"

Trainer Branko Zebec hatte schon in München, Stuttgart und Braunschweig bewiesen, dass er mit Disziplin und Wissen eine Mannschaft formen konnte. Bevor sich HSV-Manager Günter Netzer für den früheren jugoslawischen Weltklassestopper entschied, holte er sich einen Korb von - Max Merkel …

Also kam Zebec, und das war das Glück von Kevin Keegan. Ein Jahr zuvor für 2,3 Millionen Mark aus Liverpool geholt, wollte der erste Bundesliga-Engländer 1978 nur noch weg: "Ich fühle mich beim HSV wie ein Transplantat, das vom Körper nicht angenommen wird." Eines Tages, nach einer frustrierenden ersten Saison stand der Sohn eines Minenarbeiters an Netzers Schreibtisch und sagte den berühmten Satz: "Use me or sell me."

Der HSV verkaufte Keegan nicht, sondern nutzte seine Weltklasse-Fähigkeiten. Die "Mighty Mouse" - nur 1,69 Meter groß - wirbelte im Mittelfeld, ein torgefährlicher Tempodribbler, der dazu ein Meister des Kombinationsfußballs war; an ihm wuchs die ganze Mannschaft.

Offensivverteidiger Manfred Kaltz, Dauerrenner Caspar Memering, Spielmacher Felix Magath, Mittelstürmer Horst Hrubesch, Elfmeterkiller Rudi Kargus und Entertainer Jimmy Hartwig - der HSV hatte ein exzellentes Team, das gerade erst aufbrach in eine große Ära.

Die Meisterfeier allerdings wurde zur Horrorparty. Trotz der allgemein zunehmenden Fangewalt kam der Ausbruch am 9. Juni 1979 überraschend. "Eine Orgie schlimmster Gewalt", titelte der "Kicker". Tausende stürmten nach dem Spiel gegen den FC Bayern den Platz, Zäune wurden eingedrückt und mit Zangen durchtrennt. Vor dem Sog der enthemmten, betrunkenen Massen flohen die Spieler in die Kabinen, die Meisterzeremonie wurde abgebrochen.

Im wüsten Gedränge und bei der Schlacht um Tornetze und -gestänge wurden über 70 Menschen zum Teil schwer verletzt, vier schwebten in Lebensgefahr. Am selben Tag überschatteten Ausschreitungen auch das Saisonfinale in Braunschweig und Darmstadt. Anschließend wurde über Maßnahmen diskutiert: mehr und höhere Zäune in den Stadien, Alkoholverbot und größere Polizeipräsenz. Von Hooligans sprach noch keiner. Aber sie waren schon da.

Beim HSV wurde triumphiert, beim FC Bayern geputscht. Im Jahr zwei nach Franz Beckenbauer holten die Münchner zwar erneut nichts Zählbares, doch sie schafften Erstaunliches. Angeführt von Paul Breitner und Sepp Maier, die der "Spiegel" als "Koalition aus Mao und Karl Valentin" skizzierte, stürzten sie einen verhassten Trainer, verhinderten die Verpflichtung eines verhassten Trainers und trieben den mächtigsten Liga-Präsidenten in den Rücktritt.

Die Rebellion gegen den Choleriker Gyula Lorant gipfelte in einer 1:7-Niederlage in Düsseldorf, die den Tatbestand der Arbeitsverweigerung erfüllte. Lorant meldete sich krank, kehrte nicht zurück und wurde wegen "vereinsschädigenden Verhaltens" gefeuert; sein Assistent Pal Csernai übernahm.

Nach der 0:4-Blamage gegen Bielefeld nahm Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker Kontakt zu Max Merkel auf. Die Mannschaft opponierte gegen den Peitschenschwinger und erreichte angeblich die Zusicherung, dass die Verpflichtung Merkels bei drei Punkten aus den nächsten beiden Spielen ausgesetzt werde. Als der Bayern-Boss nach einem armseligen 0:0 in Braunschweig Merkels Kommen ankündigte, warfen die Profis ihm Wortbruch vor und drohten mit Streik, angeblich nach einer 16:0-Abstimmung auf dem Frankfurter Flughafen.

"Wenn Merkel am Montag beim Training ist, gehen wir nicht raus", drohte Maier, den Neudecker wahlweise als "Anarchist" oder "Gewerkschaftsboss" beschimpfte - was für den Selfmade-Bauunternehmer mit CSU-Mitgliedschaft offenbar gleich schlimm war. Maier wurde live ins heute-journal geschaltet, der "Kicker" ahnte Böses: "In der Bundesliga rührt sich der Demokratie-Bazillus."

Am Montag, dem 19. März, kam nicht Merkel, sondern Neudecker um kurz nach neun in die Bayern-Kabine an der Säbener Straße und verkündete das Ende seiner 17-jährigen Präsidentschaft mit den Worten: "Mit einem solchen Kapitän und dieser Mannschaft kann ich nicht weiter zusammenarbeiten. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute, auf Wiedersehen."

Das sportliche Sagen hatte nun Paul Breitner, dem der handzahme Csernai assistierte; in die Geschäftsstelle zog als Manager Uli Hoeneß ein, dessen Einstellung noch Neudecker vorbereitet hatte. Es war der Beginn einer neuen Ära, aber das konnte wirklich niemand ahnen. Obwohl die Bayern am Wochenende nach dem Putsch beim 7:1 am Bökelberg eine sensationelle Antwort auf die Kritiken gaben. "Wir können auch ohne Präsidenten gewinnen", grinst der Maier-Sepp.

Fernab in New York fragte jemand Franz Beckenbauer, ob er nicht Präsident des FC Bayern werden wolle. Der lachte und fragte zurück: "Ja, seh ich denn so dumm aus?"

Nächste Folge: Betrunken auf der Trainerbank

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