Riskante Immobiliengeschäfte : Wie Filip Jicha und weitere Handballer sich finanziell ruinierten

Der Kieler Filip Jicha ist nicht der einzige Profi, dem Immobiliengeschäfte zum Verhängnis geworden sind.

shz.de von
29. Juli 2015, 16:35 Uhr

Es ist der Kontrast, der die Fans des THW Kiel so tief bewegt. Filip Jicha vermittelte in den vergangenen Jahren beim Rekordmeister schließlich das leuchtende Image eines idealen Kapitäns. Der 33 Jahre alte Tscheche ist tatsächlich das Vorbild eines Handballprofis, ein Mann mit großer Persönlichkeit auf und außerhalb des Handballfeldes. Als zentrale Figur wurde Jicha zu Recht gefeiert für sieben glanzvolle Meisterschaften und zwei Champions-League-Siege.

Schwer vorstellbar, dass dieser Prototyp eines Profisportlers nun wegen prekärer Immobiliengeschäfte finanziell am Boden liegt. Doch die Schonungslosigkeit, mit der sich Jicha am Montag im Interview mit den „Kieler Nachrichten“ offenbarte, lässt keinerlei Zweifel zu: Er habe derzeit „nur schlaflose Nächte“, weil er als junger Profi beim TBV Lemgo in eine „tiefe Falle getappt“ sei, berichtete Jicha. Seine finanzielle Lage sei derart dramatisch, dass er förmlich dazu gezwungen sei, das lukrative Angebot des FC Barcelona (Vierjahresvertrag bis 2019) anzunehmen.

Das war ein Schock für viele Fans. Für die Insider des Profihandballs ist allenfalls überraschend, mit welcher Drastik der THW-Kapitän seine Probleme öffentlich ausbreitete. Schon im November 2009 hatte der sh:z über die Probleme von Handballprofis mit ihren Immobiliengeschäften berichtet. Im Sommer 2010 beschrieb dann das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Profihandball als ein Milieu, das seit 2005 (also das Jahr, in dem Jicha nach Lemgo wechselte) plötzlich clevere Vermögensberater anzog. Die Handballprofis, deren Gehälter immer steiler anstiegen, wurden als Kundschaft entdeckt. Es ging in der Szene plötzlich nicht mehr nur um Tore und Punkte, sondern auch um Steuersparmodelle, etwa durch den Kauf von Immobilien.

Konkret ging es um den Fall des Isländers Logi Geirsson, der zwischen 2006 und 2009 insgesamt 20 Wohnungen mit einem Volumen von 2,4 Millionen Euro gekauft hatte. Vermittelt wurden diese Geschäfte allesamt von einem Psychologen, der als Verkäufer so geschickt auftrat, dass einige Profis die Immobilienobjekte teilweise kauften, ohne sie überhaupt gesehen zu haben. Geirsson ruinierte das. Als er beim TBV Lemgo keinen Anschlussvertrag bekam, konnte er die Raten nicht mehr bezahlen.

Schon damals wurde öffentlich, dass eine Reihe weiterer Profis in Lemgo und anderswo sich auf solche Immobiliendeals eingelassen hatten. Von mindestens 24 Profis war 2010 die Rede. Dass etwa der HSV-Profi Hans Lindberg in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, machten Hamburger Zeitungen öffentlich. Clubmäzen Andreas Rudolph warnte seine Profis vor dem Anlageberater, der über VIP-Bereiche und Spielerberater an die Kontakte der Profis gekommen war. Ein HSV-Aufsichtsrat half Lindberg, die Dinge zu ordnen.

Der Anlageberater hingegen wehrte sich mit Anwälten erfolgreich gegen Vorwürfe, er habe den Handballern Schrottimmobilien verkauft. Er präsentierte dabei auch Ehrenerklärungen von bekannten Profis wie Sven-Sören Christophersen oder Lasse Boesen, in denen sie bescheinigten, von ihm „immer bestens beraten“ worden zu sein. Geirsson hatte dieses Papier ebenfalls unterschrieben.

2013 wurde schließlich der Fall des Florian Kehrmann öffentlich. Vor dem Oberlandesgericht Hamm verlor der Weltmeister von 2007 und heutige Lemgo-Trainer ein Berufungsverfahren gegen die Sparkasse Paderborn, der er vorgeworfen hatte, ihn beim Kauf von zwei Objekten im Verbund mit dem Immobilienberater bewusst benachteiligt zu haben. Aus diesem OLG-Urteil ging hervor, dass Kehrmann seit dem Jahr 2006 insgesamt 30 Objekte zu Steuersparzwecken gekauft hatte, das Finanzierungsvolumen betrug insgesamt 2,8 Millionen Euro. Keines der Objekte habe Kehrmann vor dem Kauf besichtigt, hieß es im Urteil. Er hatte sich demnach dem Immobilienberater, der inzwischen privatinsolvent wäre, anvertraut und diesem eine umfassende Vollmacht zum Kauf von Immobilien über zwölf Millionen Euro unterschrieben. Kehrmann erklärte damals, sich zu diesem Thema nie öffentlich äußern zu wollen.

Es gibt Profis, die diese Immobilienaffäre inzwischen mit Hilfe ihrer Clubs mit einem blauen Auge überstanden haben – die SG Flensburg-Handewitt zum Beispiel hat sich um Spieler, die in Not geraten waren, sehr gekümmert. Andere Profis wie Jicha haben immer noch mit den Folgen ihrer Käufe zu kämpfen. Die meisten Handballer aber schweigen bis heute über ihre finanziellen Probleme. Ihnen ist peinlich, sich auf derart abenteuerliche Geschäfte eingelassen zu haben. Insofern trifft der Titel der damaligen Spiegel-Geschichte bis heute die zwei wohl prägendsten Elemente dieser Affäre: „Gier und Scham.“

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