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Weltmeister Holzdeppe: Vom kleinen Hallodri zum Helden

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erstellt am 13.Aug.2013 | 01:55 Uhr

Moskau (dpa) - Nach dem größten Tag einer Karriere durfte es Raphael Holzdeppe endlich mal wieder so richtig krachenlassen.

«Als ich das erste Mal auf die Uhr geschaut habe, war es fünf. Ich kann aber nicht sagen, wann ich im Bett war», meinte der erste deutsche Stabhochsprung-Weltmeister der Leichtathletik-Geschichte am nächsten Mittag. Seine Augen strahlten immer noch. Zusammen mit seinem Kumpel und Kollegen Malte Mohr hatte der 23-Jährige an der Hotelbar den Triumph begossen. Auch Bronzemedaillengewinner Björn Otto war dabei.

Dass Holzdeppe im Luschniki-Stadion nach dem letzten gerissenen Sprung des französischen Olympiasiegers Renaud Lavillenie wie ein Irrwisch losrannte, sich sein Trikot vom Leib riss und seinem Trainer Chauncey Johnson in die Arme sprang, hatte auch etwas damit zu tun, wie er seinen Sport heute betreibt. Als Riesentalent galt der Junioren-Weltrekordler vom LAZ Zweibrücken schon lange; mit 19 war er bei den Sommerspielen in Peking bereits Achter. Aber oft zwangen ihn Verletzungen nieder.

«Ich musste einfach mal lernen, was ist gut ist für meinen Körper und was nicht so gut ist.» Was ihm nicht so gut tut? «Dreimal die Woche feiern und trotzdem trainieren», erklärte Holzdeppe kurz nach seinem WM-Triumph und schaute sich nach einem Fluchtweg um. «Ich glaub, ich muss weg», meinte er grinsend - und verschwand zur Dopingkontrolle.

Holzdeppe galt lange so ein bisschen als Hallodri. Die Rastazöpfe des dunkelhäutigen Leichtathleten, der kurz nach der Geburt von einem Ehepaar aus Kaiserslautern adoptiert worden war und über seine Herkunft nicht reden will, verstärkten diesen Eindruck. «Als locker und manchmal überdreht» beschrieb er sich einmal. Die Haare des Sportsoldaten sind jedoch längst einem Up-to-date-Haarschnitt mit ausrasierten Seiten gewichen. Auf seinem rechten Oberarm ist ein Stabhochspringer tätowiert, auf dem linken sind es die olympischen Ringe.

Ein cooler Typ, der im WM-Finale alle Höhen im ersten Versuch meisterte, sogar die 5,89 Meter. Das reichte, um den dies- und letztjährigen Überflieger Lavillenie zu bezwingen. «Es wurde Zeit, dass der von seinem hohen Ross runtergestoßen wurde, damit er nicht mehr ganz so arrogant ist», meinte Otto.

Holzdeppe stand 2012 im Schatten von Otto, zuvor von Tim Lobinger, der als Lautsprecher der Szene galt, aber nie einen internationalen Freiluft-Titel holte. Im vergangenen Jahr gewann Lavillenie bei EM und Olympia Gold vor Otto und Holzdeppe, dennoch ging der Pfälzer ein bisschen unter in der öffentlichen Wahrnehmung, weil vor allem der Kölner der gefeierte Mann war. Aber Weltmeister - das war bis Montagabend noch nie ein deutscher Stabhochspringer. Als das Maß aller Dinge galt, seit über 40 Jahren, Wolfgang Nordwig, ehemaliger Weltrekordler und 1972 in München Olympiasieger.

Holzdeppe bedeutet es «wirklich sehr viel, dass ich was schaffen konnte, was mir keiner mehr nehmen kann, was ich als Erster erreicht habe.» Da gebe es nämlich nicht mehr sehr viel. Sein Wechsel im vergangenen Jahr von Trainer Andrej Tiwontschik, der 1996 in Atlanta Bronze gewonnen hatte, nach München zu Lobingers früherem südafrikanischen Coach Chauncey Johnson hat sich jedenfalls gelohnt. «Ich hatte damals einfach gemerkt, ich brauche was anderes. Es ist mein bestes Jahr, das hat sich jedenfalls ausgezahlt.» Auch der WM-Fünfte Malte Mohr gehört zu seiner Trainingsgruppe. Holzdeppe ist mit ihm befreundet. Das Verhältnis der beiden zu Otto, der seinen dritten Platz «ein bisschen blöd» fand, ist kein übermäßig herzliches. «Es ist nicht so, dass wir abends bei ihm an der Tür klopfen und fragen: ,Haste Bock, noch ein Bierchen mit uns zu trinken?», erklärte Holzdeppe kürzlich der «Süddeutschen Zeitung.»

Während sich Otto mit 35 auf der Zielgeraden seiner Karriere befindet und dabei Medaillen gewinnt, die ihm kaum noch jemand zugetraut hatte, gilt Holzdeppe nicht nur als der Springer des Augenblicks, sondern der Zukunft. Ein Sechs-Meter-Satz ist sein nächstes Ziel; außer ihm ist das hierzulande nur Rekordhalter Otto (6,01) und dessen Vorgänger Lobinger gelungen. «Ich hab noch ein paar Wettkämpfe dieses Jahr, von der Form her ist es auf jeden Fall drin», sagte Holzdeppe.

Karrieredaten auf leichtathltetik.de

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