Nach Flugzeugabsturz in Kolumbien : Tränen und Tore: AF Chapecoense spielt wieder

Jackson Follmann nahm den silbernen Pokal für den zugesprochenen Erfolg bei der Copa Sudamericana entgegen.
Jackson Follmann nahm den silbernen Pokal für den zugesprochenen Erfolg bei der Copa Sudamericana entgegen.

19 Spieler starben auf dem Weg zum Titeltraum – dem Finale der Copa Sudamericana. Nun kehrt ganz langsam Alltag ein.

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23. Januar 2017, 08:17 Uhr

Für Jackson Follmann ist es eine Rückkehr, die kaum auszuhalten ist. Im Rollstuhl wird er auf das Spielfeld der Arena Conda geschoben. Wie durch ein Wunder war er vor 54 Tagen aus dem Wrack des an einem Berg in Kolumbien zerschellten Flugzeugs gezogen worden, sein rechtes Bein musste amputiert werden. Auf den Rängen jubeln ihm tausende Menschen in grün-weißen Trikots zu. Er weint.

Gemeinsam mit dem Torwart betreten Neto und Alan Ruschel das Spielfeld – die drei Fußballer überlebten als einzige Spieler den Flugzeugabsturz bei Medellin. Die Mannschaft des südbrasilianischen Clubs AF Chapecoense war am 28. November auf dem Weg zum Finalhinspiel um die Copa Sudamericana. Die Chartermaschine stürzte wegen Treibstoffmangels wenige Kilometer vor dem Flughafen ab. Statt des größten Spiels wurde es für den Club die größte Katastrophe: 71 Menschen starben, darunter 19 Spieler und 24 Betreuer und Begleiter.

Am Wochenende ist das neuformierte Team, bestehend aus Neuzugängen, Nachwuchsspielern und nicht mit nach Kolumbien geflogenen Kickern, zu Spiel eins nach der Tragödie angetreten, gegen den Meister Palmeiras Sao Paulo. Der Sport ist bei dem Benefizspiel – die Einnahmen gehen an die Hinterbliebenen – Nebensache. Aber das 2:2 (1:1) ist ein großer Achtungserfolg.

Die überlebenden Neto und Ruschel hoffen, irgendwann auch wieder mitspielen zu können. Vor dem Anpfiff erhält Follmann den großen silbernen Pokal, den er eigentlich mit seinen Teamkollegen auf dem Spielfeld erringen wollte. Auf Antrag des Finalgegners Atletico Nacional Medellin hatte „Chape“ den Titel der Copa Sudamericana – vergleichbar mit der Europa League – zugesprochen bekommen und auch die zwei Millionen US-Dollar Preisgeld erhalten.

Mit Tränen in den Augen nimmt Follmann den Pokal entgegen, es ist wohl eine der traurigsten Ehrungen in der Fußballgeschichte. Kein Konfetti, hinter ihm stehen die Witwen der gestorbenen Mitspieler und Betreuer, viele haben ihre Kinder dabei, die ihre Väter verloren haben. Die Witwen bekommen die Siegermedaillen der Copa überreicht. Viele liegen sich in den Armen, trotzige „Chape“-Gesänge erfüllen das weite Rund. Dieses Mal scheint die Sonne. Als Anfang Dezember hier die Särge im Stadion bei der großen Trauerfeier aufgebahrt wurden, regnete es in Strömen.

Gegen Palmeiras gab es übrigens auch das letzte Ligaspiel vor der Katastrophe. Der Club des früheren Bundesliga-Stars Ze Roberto (42) sicherte sich damals, vor knapp zwei Monaten, durch einen 1:0-Sieg die erste brasilianische Meisterschaft seit 22 Jahren.

Nach der Führung von Palmeiras beim Benefizspiel durch Raphael Veiga (11.) gleicht Douglas Grolli (14.) aus, frenetischer Jubel brandet auf. Ausgerechnet Grolli, der seine Karriere als Jugendspieler hier begonnen hat und nun als Solidaritätsmaßnahme von Cruzeiro Belo Horizonte zu Sonderkonditionen an Chapecoense verliehen wurde.

Es ist nicht irgendein Tor. Dieser 21. Januar 2017 ist der erste Schritt zum Neuanfang für „Chape“. In der zweiten Halbzeit geht der Club durch Amaral (47.) sogar in Führung, bevor Vitinho (78.) zum 2:2-Endstand trifft. Zuvor gab es in der 71. Minute noch einmal einen besonderen Moment. Die Partie wurde für 60 Sekunden unterbrochen, um der 71 Toten von Medellin zu gedenken. Das ganze Stadion applaudierte, dann ertönte tausendfach der Ruf, der weltweit bekannt wurde: „Vamos, Vamos, Chape!“

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