zur Navigation springen

Studie offenbart: Der Staat duldete und förderte Doping

vom

Bundesinstitut für Sportwissenschaft veröffentlichte gestern den brisanten Untersuchungsbericht

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Düsseldorf/Berlin | Brisante Schlussfolgerungen, schwerwiegende Vorwürfe: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) hat gestern Nachmittag auf den öffentlichen Druck reagiert und die vorab schon viel diskutierte Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" veröffentlicht. Demnach ist Dopingforschung zum Zwecke der Leistungssteigerung von staatlichen Stellen geduldet und gefördert worden, Staat und Sport-Verbänden seien bis zur Wendezeit schwere Versäumnisse anzulasten. Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) habe die Studie zudem nicht angemessen unterstützt.

Die Autoren des 117-seitigen Abschlussberichts der Studie der Humboldt-Universität Berlin kommen zu dem Schluss, anwendungsorientierte Dopingforschung an der Universität Freiburg unter Leitung des Sportmediziners und früheren Olympia-Arztes Joseph Keul sei "von allen entscheidenden Instanzen entweder toleriert oder sogar befeuert" worden. "Kurzum" habe Keul "aufgrund der Zustimmung (...) von allen maßgeblichen Organisationen und staatlichen Stellen" davon ausgehen müssen, "dass seine anwendungsorientierte Dopingforschung sportpolitisch gewollt war". Keul war ab 1980 Chefarzt der deutschen Olympia-Mannschaften und zuvor seit 1960 schon betreuender Olympia-Arzt. Er starb im Jahr 2000. Sein Institut, heißt es in der Studie, sei als "Zentrum der westdeutschen Dopingforschung" anzusehen gewesen.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wertet die Veröffentlichung positiv. "Wir begrüßen die Veröffentlichung der Studienergebnisse sehr. Wir werden die Ergebnisse analysieren und Konsequenzen erörtern", sagte Pressesprecher Christian Klaue. Das Bundesinnenministerium kündigte eine Stellungnahme für die kommenden Tage an.

In der Ausarbeitung der HU Berlin heißt es, BISp-geförderte Studien über Anabolika und Testosteron seien von den beauftragten Wissenschaftlern auch zum Zwecke der Leistungssteigerung bei deutschen Athleten vorgenommen worden. Darüber hinaus seien vom BISp Maßnahmen gefördert worden, "die den Anabolikagebrauch im Sport flankierten: so z. B. mit einer Studie zur Festigkeitserhöhung von Sehnengewebe. Der Bedarf danach erklärte sich aus der Anabolika-Anwendung im Sport, die bei vielen Leistungssportlern zu Sehnenverletzungen geführt hatte."

Der Einsatz von Anabolika im Leistungssport sei "bis weit in die 1970er Jahre hinein mit einer intensiven sportmedizinischen Forschung" einhergegangen. Generell seien dem Staat und Sportverbänden Versäumnisse im Kampf gegen Doping bis zur Wendezeit vorzuwerfen. Beispielsweise habe der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), August Kirsch, gleichzeitig auch BISp-Direktor, "maßgeblich zur Verschleppung der vereinbarten Dopingkontrollen" beigetragen. Es habe auch Blutdopingforschungen gegeben.

Die Autoren der Studie ziehen die Schlussfolgerung: "Die vielfach formulierte These, das Dopingproblem sei in der BRD erst mit dem Konsum von Anabolika in den 1960er Jahren offen zutage getreten, lässt sich jedenfalls eindrucksvoll widerlegen. Die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik beginnt demnach nicht erst 1970, als das erste formelle Dopingverbot vom Deutschen Sportbund beschlossen wurde. Sie beginnt bereits 1949." Amphetamine seien bis 1960 im deutschen Sport "teils systematisch" zum Einsatz gekommen.

Unterdessen fordert der ehemalige DDR-Weltklassehochspringer Rolf Beilschmidt mehr Transparenz in der Doping-Aufarbeitung. "Mich überrascht das nicht. Unter uns DDR-Athleten war bekannt, dass auch im Westen gedopt wurde", bemerkte er. Dagegen ist für Heide Ecker-Rosendahl, Doppel-Olympiasiegerin von 1972, die Doping-Enthüllung überraschend. "Ich habe nie von systematischem Doping in meiner Zeit gehört", sagte die ehemalige Leichtathletin. "Man hat munkeln gehört, dass es irgendetwas gibt, aber wenn man etwas nicht weiß, heißt es ja nicht, dass es das nicht gegeben hat."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen