Skandal-Verband, Auf-Stand, Krisen-Stadt

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06. Dezember 2020, 17:48 Uhr

Selbstbedienung: Die Situation in der zerstrittenen Führungsetage des einst so angesehenen Deutschen Fußball-Bundes ist mit folgenden Worten aus der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Unter Geiern“ beschrieben: „Eine dysfunktionale Fußballfamilie, in der sich jeder selbst der Nächste ist – und an sich reißt, was er bekommen kann.“ Das Boulevardblatt Bild formuliert es anders, eben für den einfachen Fußballfan verständlich: „Saustall DFB“. Die gut bezahlten Funktionäre im Ehrenamt versorgen sich bei aller Zerstrittenheit unter der Kostenstelle „Aufwandsentschädigungen“: So erhält DFB-Präsident Fritz Keller, der bislang im Verband nichts auf die Reihe bekommen hat, 246 000 Euro im Jahr, Schatzmeister Stephan Osnabrügge, der gut rechnen kann, ist mit 166 800 Euro dabei, Vizepräsident Rainer Koch, ein Richter im Ruhestand, schmunzelt über 144 000 Euro, dazu kommen noch einmal gut 160 000 Euro für ein Amt bei der Uefa, und der zweite Vize, Peter Peters, der auf Schalke schon die Kassen in Schutt und Asche legte, verbucht als Taschengeld 78 000 Euro. Wofür, darüber geben nicht einmal Spekulationen Aufschluss. Die Millionen-Gehälter für Sportdirektor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw, der wochenlang abgetaucht war und heute endlich einen Versuch der sprachlichen Kommunikation wagen will, bleiben dagegen streng unter Verschluss. Der Verband, der von den Amateurclubs viele Millionen Euro an Abgaben kassiert, betreibt Selbstversorgung in einem Ausmaß, das mit Ehrenämtern nicht zu vereinbaren ist. Der DFB ist ein Skandal-Verband.

Altmeister-Opposition: Unruhe bei Werder Bremen. Bei jenem Bundesligisten, dessen Stärke in den Meister-Jahren der Zusammenhalt war. Jetzt aber begehren Führungskräfte aus früheren Zeiten auf. Ex-Manager Willi Lemke, der frühere langjährige Vizepräsident Klaus-Dieter Fischer, Ex-Schatzmeister Manfred Müller und Fernseh-Moderator Jörg Wontorra, der schon im Aufsichtsrat saß und dort jetzt wieder rein möchte. Sie kritisieren eine Vereinspolitik, die nicht mehr nach Höherem strebe, sondern sich mit sportlichen Zielen wie Klassenerhalt zufrieden gebe. In der Kritik stehen besonders Sportchef Frank Baumann und Präsident Hubertus Hess-Grunewald, der nach Meinung der Altmeister „keine Ahnung“ von Fußball habe. Träfe dieser Vorwurf zu, hätte Werder ein Defizit. Und der Aufstand seine Berechtigung.

Hoch im Norden: Aber ganz oben im Norden, an der Kieler Förde. Der Höhenflug der Kieler Störche ist das Ergebnis der ruhigen und sachbezogenen Arbeit von Vorstand, Wirtschaftsbeirat und der sportlichen Leitung. Jung-Trainer Ole Werner hat auch die Skeptiker überzeugt. HSV-Coach Daniel Thioune dagegen lernt jetzt das Hamburger Umfeld kennen. Offenbar bekommt auch der Ex-Osnabrücker die Volkspark-Szenerie nicht in den Griff. Nach drei Niederlagen in Folge will er von einer Krise nichts wissen. Das könnte schief gehen. Und auf St. Pauli wird eine Krise erst ausgerufen, wenn das Astra-Bier ausgeht. Hamburgs Fußballwelt hat eigene Gesetze.

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