zur Navigation springen
Sportticker

21. Oktober 2017 | 06:07 Uhr

„Risikospiele“ in Tokio

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Japanische Hauptstadt wird Olympia 2020 ausrichten / Enttäuschung in Madrid und Istanbul

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 00:34 Uhr

Als kurz vor Sonnenaufgang in Tokio die Olympia-Fans begeistert auf den Straßen tanzten, rollten sie in Madrid und Istanbul die Fähnchen mit den fünf Ringen fassungslos wieder ein. Mit der Wahl der japanischen Metropole zum Gastgeber der Olympischen Spiele 2020 sorgten die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees nicht nur in den beiden Verlierstädten für lange Gesichter und hitzige Diskussionen. Sie wollen ihre Spiele lieber 220 Kilometer von der Atomruine in Fukushima entfernt, als mit Madrid ins finanzielle Risiko zu gehen oder mit Istanbul zu neuen, aber unsicheren Ufern aufzubrechen.

IOC-Vize Thomas Bach, der am Dienstag erster deutscher „Herr der Ringe“ werden will, hielt das Votum von Buenos Aires für eine Grundsatzentscheidung. „Die Mitglieder haben sich für die Bewerbung entschieden, die in einer politisch und ökonomisch fragilen Welt an Tradition, Stabilität und Sicherheit appelliert hat“, sagte Bach – und ignorierte dabei Fukushima.

Die dutzendfach wiederholten Sicherheitsgarantien der japanischen Delegation bei der letzten Präsentation kurz vor der Entscheidung hatten anscheinend Eindruck beim IOC-Wahlvolk hinterlassen. Bach lobte den „offensiven Umgang“ Tokios mit dem Problem Fukushima und ließ durchblicken, dass die Wahl wohl eher Zweckbündnis als Liebesheirat war: „Man kann sagen, dass es diesmal wichtiger war, die Schwächen zu adressieren als die Stärken zu präsentieren.“ Dieser für eine Olympiawahl durchaus ungewöhnliche Drahtseilakt gelang den Japanern so gut, dass sie in sieben Jahren zum zweiten Mal nach 1964 die Jugend der Welt begrüßen dürfen: zu den „Spielen der XXXII Olympiade“ vom 24. Juli bis zum 9. August 2020.

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, Partei-Gründungsmitglied der Grünen, wurde in puncto Strahlungsgefahr deutlicher als Bach. „Die IOC-Mitglieder haben dem japanischen Premierminister das Bekenntnis abgenommen, Fukushima beherrschen zu können“, sagte Vesper: „Jetzt muss er natürlich liefern in den kommenden Jahren.“

Premier Shinzo Abe, der in der Präsentation als Atomexperte („Das Problem ist auf Fukushima begrenzt“) und Sicherheitschef („Tokio wurde nicht beschädigt und wird es auch niemals“) aufgetreten war, gab sich nach der Wahl demütig. „Wir werden der Welt das zurückzahlen, was wir ihr für ihre Unterstützung aus der Zeit nach dem Tsunami schuldig sind“, sagte Abe und fügte hinzu: „Uns wurden ein Traum, eine Hoffnung und eine Zukunft gegeben.“

Die Riesenwelle, im März 2011 hervorgerufen durch ein Erdbeben, hatte 18 000 Menschen in den Tod gerissen und den Kernreaktor in Fukushima zerstört. Zuletzt war dort aus einem Leck vermehrt hochradioaktives Wasser ins Meer geflossen. All das konnte nicht verhindern, dass Tokio den zweiten Wahlgang in Argentinien gegen Istanbul mit 60:36 Stimmen für sich entschied. Die Japaner hatten schon den ersten Durchgang gewonnen (42 Stimmen), Istanbul setzte sich nach einem Patt (26:26) in einer Stichwahl gegen Madrid durch (49:45).

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen