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Arbeitszeiten für Fussballer : Mindestlohn kippt Trainingspflicht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Fußball-Regionalligist Goslarer SC lässt aus Angst vor Strafzahlungen ab Montag freiwillig trainieren. Auch einige Nordvereine stellen um.

„Du musst nicht zum Training kommen, nur zu den Punktspielen“ – für manchen Hobbyfußballer klingt dieser Satz womöglich wie ein Traum. Dahinter verbirgt sich aber ein brisantes Problem, dessen volle Tragweite noch nicht abzusehen ist. Denn jetzt sieht sich der erste Regionalligist gezwungen, genau das zu seinen Vertragsspielern zu sagen: Beim Goslarer SC, in der Nord-Staffel Konkurrent der schleswig-holsteinischen Vertreter ETSV Weiche, VfB Lübeck und VfR Neumünster, ist ab Montag das Training freiwillig – und gilt somit nicht als Arbeitszeit.

Nur die vertraglich geschuldete Abwicklung der Pflichtspiele wird noch verlangt. Grund dafür sind laut einer Pressemitteilung des GSC „unübersehbare Risiken“ im Zuge des neuen Mindestlohngesetzes. Der Verein stellt sogar in Frage, ob er einen Lizenzantrag für die neue Saison stellen wird.

Was genau gilt bei einem Vertragsfußballer als Arbeitszeit? Um diese Kernfrage geht es. Seit Inkrafttreten des Mindestlohngesetzes beschäftigt sie zahlreiche Sportvereine. Eine erschöpfende Antwort hat bislang noch niemand. Beginnt das Training mit dem Umziehen oder dem Betreten des Trainingsplatzes? Beginnt die Arbeitszeit an einem Spieltag mit dem Betreten des Clubgeländes, dem Aufwärmen oder dem Anpfiff? Endet sie mit dem Abpfiff? „Und was ist mit einem Spieler, der in der 37. Minute die Rote Karte sieht?“ fragt der Vorsitzende des GSC-Wirtschaftsbeirates Folkert Bruns bewusst provokant.

Unwägbarkeiten wie diese veranlassten den Tabellen-15. nun dazu, mit Nachdruck auf die missliche Situation aufmerksam zu machen, die weit mehr Vereine als nur den Goslarer SC betrifft. Betroffen sind auch alle anderen, auf vergleichbarer Ebene angesiedelten Sportarten und Clubs.

„Grundsätzlich entspannt“ sieht Thomas Schikorra die Lage beim VfB Lübeck in Sachen Mindestlohn. Der Rechtsanwalt ist Vorstandssprecher des Regionalligisten. Zwar habe man prophylaktisch beim VfB damit begonnen, den Aufwand der Spieler genau zu dokumentieren, derzeit sei aber alles noch sehr unberechenbar. Maßnahmen wie in Goslar habe man nicht ergriffen.

Als „tickende Zeitbombe gerade für die Sportvereine“ bezeichnet Harald Uhr, Liga-Geschäftsführer des ETSV Weiche, das Thema. Seit 1. Januar wird bei den Flensburgern Buch geführt: Wirtschaftsprüfer und Steuerberater kontrollieren die Zahlen und Zeiten, damit alles korrekt abläuft. Um im Rahmen zu bleiben, wurde das Training gedrosselt. Seit diesem Jahr gilt: „Wir haben nur noch zwei Mal in der Woche Kerntraining, alle anderen Einheiten sind freiwillig“, erklärt Uhr.

Die Arbeitszeiten müssen durch das neue Gesetz penibel aufgezeichnet werden. Der Goslarer SC, bei dem alle Vertragsspieler Zahlungen im gesetzlichen Bereich eines Minijobs (bis 450 Euro pro Monat) erhalten, hat Angst vor möglichen Strafzahlungen, wenn es wegen der unklaren Definition zu Fehlern kommt. Der Club hat eine Beispielrechnung aufgemacht, bei der eine nachträglich festgestellte Überschreitung der 450-Euro-Grenze einen Verein mit 30 Spielern teuer zu stehen kommen kann. „Es besteht die Gefahr, vom Aushilfs- in den Volllohn zu kommen“, so Bruns. Wer für drei Jahre die Beiträge unter anderem zur Sozialversicherung, Krankenkasse und Berufsgenossenschaft nachzuzahlen hat – inklusive Verzugszinsen und Bußgeldern –, dem entsteht laut Goslarer SC ein möglicher Gesamtschaden in Höhe von rund 480  000 Euro. Für derlei Nachzahlungsbeträge hafte letztlich der Vorstand des Vereins. „Ein solches Risiko kann keiner eingehen“, sagt Bruns, der sich und seinen Verein nicht missverstanden wissen will: „Wir sind nicht gegen den Mindestlohn an sich.“ Doch solange die Rahmenbedingungen nicht klar abgesteckt seien, sehe er keine andere Wahl.

Nicht nur Bruns und der Goslarer SC setzen jetzt auf ein Treffen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles mit Vertretern des Deutschen Olympischen Sportbundes und des Deutschen Fußball-Bundes am Montag. Sollte es jedoch bei den vielen Risiken für die Sportvereine bleiben, dann – so macht Bruns klar – „ist unsere Regionalliga-Mannschaft abgemeldet“.

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erstellt am 20.Feb.2015 | 18:01 Uhr

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