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15. Dezember 2017 | 15:18 Uhr

"Lebbe geht weider"

vom

Serie (29) - 1991/92: Das spannendste Titelrennen - Sammers Tränen trocknen

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Eigentlich wollte sich die Bundesliga aufmachen zum Abspecken, die Reduzierung auf 16 Vereine war beschlossen. Doch dann fiel die Mauer, die Vereine aus der DDR drängten in den goldenen Westen. Nach zähen Verhandlungen erkämpfte der Deutsche Fußball-Verband der DDR zwei Plätze in der Bundesliga 1991/92, die mit 20 Vereinen ausgetragen wurde. Dass es die längste Saison werden würde, war vorher klar. Es wurde das spannendste Meisterrennen der Liga-Historie.

Und eins der wenigen, in denen der FC Bayern München nicht mal eine Nebenrolle spielte. Für Schlagzeilen sorgte der Klub dennoch: Der sensationell verpatzten Heimpremiere gegen Hansa Rostock (1:2) folgten sechs weitere Niederlagen im Olympiastadion. Nach dem Sieg seiner Dresdner in München sagte Dynamo-Trainer Helmut Schulte: "Die Punkte sind für uns doppelt wertvoll, weil sie gegen einen Konkurrenten im Abstiegskampf errungen wurden …"

Niemand widersprach, denn die Bayern spürten tatsächlich den Sog, der bei vier Absteigern besonders gefährlich war. Das war der Klub nicht gewohnt, die Bosse reagierten panisch: Der Entlassung von Trainer Jupp Heynckes, gegen die sich Manager Uli Hoeneß vergeblich wehrte, folgte ein peinliches Intermezzo mit dem überforderten Ex-Spielmacher Sören Lerby. Dessen Rausschmiss wurde garniert mit dem Einstieg von Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge in die Führungsetage; die beiden wurden als Vizepräsidenten eingesetzt. Erst unter Erich Ribbeck, der sich von seinem Freund Beckenbauer aus dem Vorruhestand als Opel-Sportrepräsentant wieder an die Liga-Front locken ließ, retteten sich die Bayern auf Platz 10.

An der Spitze tobte derweil ein Dreikampf, der die Fans elektrisierte. Punktgleich gingen Eintracht Frankfurt (Tordifferenz + 36), der VfB Stuttgart (+ 29) und Borussia Dortmund (+ 18) in den letzten Spieltag. Die Frankfurter, die beim designierten Absteiger Hansa Rostock antraten, waren nicht nur der Favorit, sondern für viele Fußballfreunde der Wunschmeister.

"Fußball 2000" nannte man den kreativen, offensiven und mutigen Stil der Eintracht. Vor allem die Ballkünstler Uwe Bein und Andreas Möller beherrschten die hohe Schule in einem selbstbewussten Team, dem der Trainer alle Freiheiten ließ. Einer Intuition von Vizepräsident Bernd Hölzenbein, Frankfurter Legende mit Weltmeisterruhm, hatte die Eintracht die Verpflichtung von Dragoslav Stepanovic zu verdanken. Der ehemalige Klasse-Verteidiger trainierte seit Jahren hessische Amateurklubs und führte eine Pilskneipe, "Stepis Treff".

Der Anziehungskraft dieses schrägen Typen erlagen Spieler, Fans und Journalisten. Er war Gaukler und Guru, in seinem Sprachmix aus Hessisch und Serbokroatisch servierte er Analysen wie diese: "Hab isch neue Mann in de Spiel geworfe, und patsch: ham mer gewonne."

Stepanovic widersetzte sich der Verwissenschaftlichung des Spiels und befreite sein Team von allen Fesseln. Und das bedankte sich mit rauschhaft schönem Offensivfußball. Fast immer wählte der Bezahl-TV-Sender "Premiere" die Partie der Eintracht aus als "Spiel des Tages." Wenn es nicht - auch wegen manch internen Zoffs - einige Schlampigkeiten gegeben hätte, wäre die Eintracht vor dem letzten Spiel längst Meister gewesen.

Doch es kam anderes. Hansa Rostock mobilisierte Reserven, die Eintracht war nervös. Und doch hätte es wohl gereicht, wenn Schiedsrichter Alfons Berg eine Viertelstunde vor Schluss nicht einen historischen Blackout gehabt hätte: Er ließ beim Stand von 1:1 ein klares Strafraumfoul von Stefan Böger ungeahndet. Später sah er die TV-Bilder und erschrak: "Wenn ich das jetzt sehe, dann muss ich sagen: Das war Elfmeter. Ich habe Mitleid mit den Frankfurtern."

Kurz danach flog beim verzweifelten Bemühen der Stuttgarter um den Siegtreffer in Leverkusen der überragende VfBer Matthias Sammer vom Platz. Somit schien der Weg frei für die Dortmunder, die beim MSV Duisburg ein 1:0 behaupteten.

Um 17.14 Uhr sitzt Matthias Sammer in der Stuttgarter Kabine, heult vor Wut und Enttäuschung. Da reißt Teamarzt Hans-Peter Frölich die Tür auf: "Komm raus - gleich sind wir Deutscher Meister!" Guido Buchwald, der wackere Abwehrmann, hat eine Flanke per Kopf ins Bayer-Tor gewuchtet, der VfB führt 2:1 und ist in der Vorhand. Knapp zwei Minuten sind noch zu spielen, da interpretieren die Stuttgarter Fans einen Freistoßpfiff von Hans-Peter Dellwing als Schlusssignal und stürmen den Platz. Der kluge Referee pfeift ab, der VfB ist Meister.

Es ist der erste Titel für Christoph Daum, der in der Stunde des Triumphs Größe zeigt: "Dortmund und Frankfurt sind moralische Meister." In Dortmund ahnen Trainer Ottmar Hitzfeld und sein Team, dass sie erst am Anfang eines Erfolgsweges stehen. In Frankfurt fürchten viele, dass eine solche Mannschaft und eine solche Chance so schnell nicht wiederkommen. Doch Trainer Stepanovic will nichts wissen von Traurigkeit. Und prägt einen Satz, der zu einem der unvergesslichen geflügelten Bundesliga-Worte werden soll: "So is Lebbe, Lebbe geht weider."

In beiden Städten haben die Fans ein Gespür für die besondere Dramatik dieses Titelkampfes. So bekommen auch die Eintracht und der BVB stimmungsvolle Empfänge in den Zentren ihrer Städte. Nur der Meister darf nicht auf dem Marktplatz feiern: Der war Monate vorher an die Betreiber eines Flohmarktes vergeben worden. Die Stadt, so gibt Bürgermeister Manfred Rommel zu, habe nicht an einen Titelgewinn des VfB geglaubt.

Nächste Folge: Die späte, süße Rache des SV Werder.

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