SG Flensburg-Handewitt : Kommentar zum Meistertitel: Sowas von verdient

Zum SG-Erfolg gehören auch die hoch engagierten und leidensfähigen Fans.
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Zum SG-Erfolg gehören auch die hoch engagierten und leidensfähigen Fans.

Die SG hat sich mit Mut und Hingabe den Meistertitel verdient. Ein Kommentar von Jan Wrege.

shz.de von
04. Juni 2018, 09:50 Uhr

Wenn die letzte Schlusssirene verklungen ist, gibt es keinen Raum mehr für Interpretationen, der Konjunktiv ist abgeschaltet. Wenn jeder zweimal gegen jeden gespielt hat, spielt es keine Rolle mehr, wer wann wo Punkte hat liegen lassen. Wer oben steht, ist Meister – ohne jeden Zweifel. Die Abschlusstabelle einer Liga ist das Zeugnis für Beständigkeit und Qualität. Die SG Flensburg-Handewitt muss sich bei niemandem bedanken, sie hat den Titel nicht glücklich errungen, sondern sowas von verdient.

Bewundernswert ist die Beharrlichkeit, mit der in Flensburg nun schon seit Jahrzehnten nach dem Höchsten gestrebt wird. Viele Titel schmücken die Historie – und der Status des „Rekord-Vizemeisters“ (zwölf Mal), dem etwa Abwertendes anhaftet, der aber doch nichts anderes ist als ein weiteres Gütesiegel für gute Arbeit.

Mut zahlte sich aus

Die SG ist beileibe nicht das Armenhaus der Liga, aber die Verantwortlichen müssen abseits der Metropolen stets etwas mehr Anstrengung, Kreativität und Leidenschaft aufbringen als der eine oder andere Rivale. Die Energie dazu schöpft dieser außergewöhnliche Verein aus der Gemeinschaft mit hoch engagierten und leidensfähigen Fans sowie hunderten von Firmen oder Einzelpersonen, die große oder kleine Beiträge zum Etat leisten.

Eine Summe guter Entscheidungen von Geschäftsführer Dierk Schmäschke, dem Beirat unter Führung von Boy Meesenburg und der Trainer hat die zweite Meisterschaft nach 2004 ermöglicht. Nur zwei davon aus der jüngeren Vergangenheit seien hier herausgegriffen. Es gehörte Mut dazu, auf das Potenzial des in Kiel verschmähten Rasmus Lauge zu setzen. Der Däne – damals nicht im Fokus der Spitzenvereine – schaffte bei der SG den steilen Aufstieg zum Weltklassespieler und zum Protagonisten der Meistermannschaft. Es gehörte Mut dazu, dem Trainer-Neuling Maik Machulla die Mannschaft anzuvertrauen. Der Mann hatte den Mumm, in die Fußstapfen von „Welttrainer“ Ljubomir Vranjes zu treten – und den Vergleich auszuhalten.

Lockere Stimmung

Ein Meistercoach braucht neben der Handball-Kompetenz vor allem ein Gespür dafür, was seinen Spielern gut tut. Machulla schuf eine neue Stimmung im Team, löste gewisse Fesseln, nachdem sein Vorgänger totale Unterordnung verlangt hatte. „Es ist lockerer geworden. Die Leute haben mehr Spaß im Training und Spiel. Spieler dürfen Kritik äußern oder Vorschläge machen“, sagte Rechtsaußen Lasse Svan kürzlich. Der Trainer konnte so auch glaubhaft vermitteln, dass nicht Platz zwei, sondern der Titel sein Ziel war: Hausaufgaben machen, da sein, wenn die Konkurrenz Schwächen zeigt.

Schließlich muss doch noch vom Glück geredet werden. Vom Glück, Spieler wie Thomas Mogensen, Tobias Karlsson, Holger Glandorf und Mattias Andersson im Team zu haben. Akteure, die allerhöchstes Niveau erreicht haben, sich fast beliebig Vereine hätten aussuchen können, und dennoch bei der totalen Identifikation mit der SG Flensburg-Handewitt geblieben sind.

 
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