Illegale Fußballwetten : „Jede Woche werden Spiele manipuliert“

Leidenschaftlicher Kriminalhauptkommissar und HSV-Anhänger: der 45-jährige Michael Bahrs.
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Leidenschaftlicher Kriminalhauptkommissar und HSV-Anhänger: der 45-jährige Michael Bahrs.

Wie Kripo-Mann und HSV-Fan Michael Bahrs gegen Matchfixing und illegale Fußballwetten kämpft.

Dortmund | Wenn es um Gerechtigkeit geht, ist Michael Bahrs nur schwer zu halten. „Ich bin eben Gerechtigkeitsfanatiker“, sagt der Kriminalhauptkommissar, „wahrscheinlich bin ich deshalb Polizist geworden. Das liegt meiner Familie offenbar im Blut“. Vater, Bruder, Onkel und die Ehefrau sind ebenfalls bei der Polizei. „Wir könnten eine kleine Wache aufmachen“, sagt der Dortmunder.

Bahrs, 45, ist Ermittler im Kommissariat für deliktübergreifende Organisierte Kriminalität im Polizeipräsidium Bochum. So wurde er zum bekanntesten und erfolgreichsten Ermittler gegen Wettmanipulationen im Fußball. Eigentlich waren Drogen, Menschenhandel, Korruption sein Metier, als ihn eine Spur aus dem Milieu direkt zum Fußball führte, zu illegalen Wetten. Damit war klar: Der Fall Robert Hoyzer, der 2004 das Pokalspiel Paderborn gegen HSV manipuliert hatte, war kein einmaliger Ausrutscher.

Die Erkenntnis führte 2009 zur Bildung der deutschland- und europaweit aktiven Sonderkommission „Flankengott“ in Bochum. Bahrs bereiste im Kampf gegen illegale Fußballwetten die halbe Welt. Er half, Hunderte von manipulierten Spielen aufzudecken, Europol hatte schließlich fast 700 Spiele im Fokus, quer durch Europa, durch alle Ligen und alle Wettbewerbe. Auch Länderspiele waren dabei. Wettpaten wie Ante Sapina, Marijo Cvrtak oder Wilson Raj Perumal konnten überführt werden. Und fast immer hatten die Bochumer einen gehörigen Anteil am Erfolg. Die Soko erwarb sich den Ruf der schärfsten Ermittlungsbehörde gegen Matchfixing, wie es amtlich heißt. Und Bahrs war einer ihrer wichtigsten Fahnder.

Bahrs bringt berüchtigsten Matchfixer zum Sprechen

Zu Hilfe kam ihm bei seinen Ermittlungen ein ganz spezieller Umgang mit den Drahtziehern. „Ich führe die Verhöre grundsätzlich am liebsten allein“, sagt Bahrs: „Man muss sich Zeit nehmen und zuhören, ich muss mir ihre Welt anhören. Vor allem muss ich niemandem sagen, was für ein Ganove er ist, das weiß er selber“.

Diese Strategie half auch, den Wettpaten Wilson Raj Perumal zum Sprechen zu bringen. Bahrs war zusammen mit dem Bochumer Oberstaatsanwalt Andreas Bachmann eigens nach Finnland gereist, um den wohl berüchtigtsten Matchfixer zu vernehmen. Die finnischen Kollegen hatten den Mann aus Singapur beim Grenzübertritt festgenommen. Weil er auspackte, konnten Ermittler weltweit den wohl größten Schlag gegen die Wettmafia verbuchen. In Singapur wurde ein ganzes Syndikat hochgenommen.

„Ich habe in meinem Handy fast mehr Ganoven gespeichert als Freunde“

Mit den Deutschen wollte Perumal zunächst überhaupt nicht sprechen. Am Ende war er Kronzeuge für Verfahren in etlichen europäischen Ländern – Finnland, Ungarn und Italien waren unter anderem dabei. „Die meisten Matchfixer haben einen Schuss, sie sind Egozentriker“, weiß Bahrs, „aber man muss sie auch in ihrer Eitelkeit als Matchfixer respektieren. Ich habe immer versucht, eine Bindung zu ihnen aufzubauen.“ Offenbar mit Erfolg. Zu etlichen aufgeflogenen und verurteilten Wettpaten ist sein Kontakt nie abgerissen. „Ich habe in meinem Handy fast mehr Ganoven gespeichert als Freunde“, sagt Bahrs und muss dabei selbst ein bisschen schmunzeln.

Die Sonderkommission ist nach knapp zehn Jahren inzwischen aufgelöst. Der Fahnder hält das für falsch. Denn längst habe die Mafia Matchfixing als eines ihrer lukrativsten Geschäftsfelder entdeckt. „Jede Woche werden Spiele manipuliert, auf allen Ebenen“, sagt er. Auch in Deutschland. Der Fall in Osnabrück im Sommer sei kein Einzelfall. Bahr ist überzeugt, dass es „auch in der Bundesliga Spieler gibt, die Kontakte ins Milieu haben. Wir sollten nicht so arrogant sein und glauben, dass es das bei uns nicht gibt.“

„Kohle wie beim Monopoly“

Bahrs predigt das bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bietet. Gerade erst war er in Schweden, zu einem Vortrag und zu einem Erfahrungsaustausch mit Kollegen. Im Sommer war dort das Spiel IFK Göteborg gegen AIK Sollna abgesagt worden, nachdem einem Spieler 200.000 Euro zur Beeinflussung des Matches angeboten worden waren. Auch wenn das inzwischen nur noch eine Art Nebentätigkeit für ihn ist. Das Thema lässt ihn nicht los. Bahrs: „Wetten ist inzwischen gesellschaftsfähig geworden, es wird dort Kohle verdient wie beim Monopoly“.

Ein Kripo-Mann als einsamer Rufer in der Wüste? „Ich kann mich manchmal schon selbst nicht mehr hören“, sagt er. Damit ist er offensichtlich nicht allein. Er plädiert für eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft so wie bei anderen Delikten. Oder für eine spezielle Ermittlertruppe beim Bundeskriminalamt. Damit das Gesetz gegen Wettbetrug, das im April vom Bundestag verabschiedet wurde, endlich zu einer Waffe werden kann. Aber niemand will das hören. Als er kürzlich bei der Fifa nach dem aktuellen Ansprechpartner für Wettmanipulationen fragte, konnte man ihm dort keinen Gesprächspartner nennen. Der bisherige Sicherheitsbeauftragte, ein ehemaliger BKA-Fahnder, wurde vorzeitig abgelöst. Und beim DFB „bewegen sie sich wie Schnecken“, verzweifelt er.

Bahrs sitzt in der Ecke eines Restaurants in Dortmund und redet sich in Rage. Aus dem gemütlichen Treffen ist längst ein abendfüllendes Programm geworden, so viel weiß er zu berichten. Trotzdem will sich der Hobbykicker, der in seiner aktiven Zeit in der Landesliga spielte, den Spaß am Fußball nicht nehmen lassen. „Wenn ich im Stadion sitze, versuche ich abzuschalten“, sagt er.

Seit fast 20 Jahren HSV-Mitglied

Bahrs, der Dortmunder, der in Bochum arbeitet, ist HSV-Fan, ausgerechnet. Sein erstes Fußball-Album aus den siebziger Jahren handelte vom HSV, sein erstes HSV-Trikot, das er bis heute hat, ist das hellblaue von 1977 mit dem Namen „Keegan“ über der Rückennummer 7. Im Büro hängt ein Wimpel vom Spiel der Rothosen gegen FC Kopenhagen, daneben eine Zeichnung der HSV-Raute von seiner Tochter Amy. Hamburg und der Norden sind seine heimliche Liebe, da ist es schon normal, dass er seit fast 20 Jahren auch HSV-Mitglied ist. Verwunderlich genug, denn sein Vater ist Anhänger des 1. FC Köln, viele in seiner Familie sympathisieren mit dem BVB. „Aber die Raute im Herzen werde ich nie wieder los“, da ist er sicher.

Was wäre aber, wenn er verdächtige Spuren von Matchfixing beim HSV ausmachen würde? Dann würde er ohne Rücksicht tätig werden: „Ich wäre der erste, der in Hamburg anrufen würde, Jungs wir müssen mal reden“. Da ist er wieder, dieser Gerechtigkeitssinn, der ihn antreibt. Noch gab es dazu keinen Anlass, etwas Erleichterung schwingt bei dieser Feststellung mit. Und sein besorgter Blick scheint zu fragen, ob man etwa anderes zu berichten habe.

Dass es mit Gerechtigkeit im Fußball nicht immer ganz einfach ist, wird im Gespräch über seinen Lieblingsclub aber ebenso schnell klar. Wenn der HSV durch ein Abseitstor gewinnen oder den Abstieg verhindern würde, „dann wär mir das egal“, sagt er. Und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. So ist er eben, der Fan.

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