Im besten Alter für die Vielseitigkeit

Der 51-jährige Peter Thomsen ist der Erfahrenste im deutschen Olympia-Aufgebot / Mannschaftsmedaille ist das Ziel des Lindewitters

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25. Juli 2012, 03:59 Uhr

Lindewitt | Es war eine Zufallsbegegnung mit glücklicher Fügung. Peter Thomsen ritt vor sechs Jahren im nordfriesischen Stadum. Der Blick des Vielseitigkeitsreiters blieb an einem jungen Pferd haften. Der Holsteiner "Barny" startete erstmals bei einem Turnier in einer Springpferdeprüfung für vierjährige Pferde. "Er fiel mir sofort auf, weil er sehr gut gesprungen ist", erzählt der Mannschaftsolympiasieger von 2008 in Hongkong. Er sprach mit Reiterin und Besitzer und testete den brauen Wallach in Großenwiehe im Gelände. Thomsen war begeistert und bekam das Pferd von Hans-Peter Clausen aus Oldersbek zur Ausbildung auf seinen Hof.

Heute ist "Barny" zehn, heißt offiziell "Horsewares Barny" und ist Thomsens drittes Olympia-Pferd. 1996 in Atlanta trat der Lindewitter mit "White Girl" an. Aber das Pferd verletzte sich nach der Dressur, so dass Thomsen aufgeben musste. "Das war eine Katastrophe", beschreibt er seine damalige Gefühlslage. "Aber das ist Schicksal, da muss man durch." 2000 in Sydney und 2004 in Athen musste sich der Lindewitter mit der Reservistenrolle begnügen, weil ihn ein Ausnahmepferd fehlte. Aber 2008 kam er zurück mit "Ghost of Hamish" - ein Pferd, das Thomsen 1999 in Neuseeland entdeckt hatte. Er kaufte das australische Rennpferd und bildete es auf seinem Hof aus. Aber auch in Hongkong lief nicht alles nach Wunsch. Im Gelände scheute "Mickey", wie er ihn liebevoll nannte. "Ich war damals der Pfadfinder", erzählt er. "Wir mussten als erste ins Gelände und kannten die Strecke nicht." Vor einem Hindernis scheute "Ghost of Hamish", so dass an eine gute Einzelplatzierung nicht mehr zu denken war. "Aber Gott sei Dank hat es noch zu Gold gereicht", so Thomsen, der seine Teamkollegen noch vor ihrem Start über die problematischen Stellen im Parcours informierte.

In London gehören die Deutschen wieder zu den heißen Gold-Kandidaten in der Vielseitigkeit. Sie könnten so etwas wie die Vorreiter werden, denn die Buschreiter starten ganz am Anfang der Spiele. Am Sonnabend (28.7.) und Sonntag (29.7.) steht die Dressur an, am Montag (30.7) geht es ins Gelände und am Dienstag (31.7.) fällt im Springen die Entscheidung. Der zweite Olympiasieg mit der Mannschaft (die besten drei von fünf Startern werden gewertet) ist Thomsens Traum, eine Bronzemedaille das Minimalziel. Aber der Lindewitter will auch in der Einzelwertung angreifen und das Final-Springen der besten 25 Reiter nach der Mannschaftswertung erreichen. "Ein Platz unter den Top Ten wäre toll", sagt er und hofft, im Gelände nicht wieder die Rolle des Pfadfinders übernehmen zu müssen.

Es ist wohl seine letzte Chance. Mit 51 Jahren zählt Peter Thomsen zu den ältesten Olympia-Startern. Aber endgültig hat er noch nicht entschieden, ob er nach den Spielen Schluss macht mit dem Spitzensport. "Das werde ich langsam auf mich zukommen lassen und mit etwas Abstand entscheiden." In London könnte ihm sein großer Erfahrungsschatz noch einmal zugute kommen. Denn er ist fast noch im besten Alter für die Vielseitigkeit (30 bis 50). Im deutschen Team - Sandra Auffarth (25), Michael Jung (29), Dirk Schrade (34), Ingrid Klimke (44) und Peter Thomsen (51) - liegen 26 Jahre zwischen der Jüngsten und dem Ältesten. Der Durchschnitt beträgt 37 Jahren.

Der Dienstälteste im deutschen Olympia-Aufgebot sitzt aber nicht nur im Sattel. "Ich versuche, topfit zu bleiben", sagt er. Ausgleichssport muss sein, "zumal ich keine 25 mehr bin". Laufen, Radfahren oder Schwimmen stehen täglich rund 30 Minuten auf seinem Stundenplan.

Am 28. Juli schlägt die Stunde von Thomsen und "Barny", zu dem in sechs Jahren Ausbildung eine innige, von gegenseitigem Vertrauen geprägte, Beziehung gewachsen ist. "Unser beider Schwachpunkt ist die Dressur", erzählt der Reiter. Da ist es wichtig, nicht gleich zu weit zurück zu fallen. Denn in den anderen beiden Disziplinen liegen die Stärken des mit zehn Jahren immer noch jungen "Barny". "Er hat ein großes Sprungvermögen und einen ehrlichen Charakter", beschreibt der Reiter sein Pferd. In der vergangenen Woche bereiteten sich die Buschreiter in einem Trainingslager in Bonn mit einem ähnlich hügeligen Gelände wie in London auf die Spiele vor. Gestern begann dann für Peter Thomsen mit "Barny" die nächste Mission Gold.

Die noch folgenden Olympioniken aus Schleswig-Holstein: Rudern: Lars Hartig (Friedrichstadt); Tennis: Angelique Kerber (Kiel), Julia Görges (Bad Oldesloe), Mona Barthel (Neumünster); Reiten/Springen: Janne Friederike Meyer (Schenefeld).

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