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Heikle Mission Europacup : HSV startet mit Turbulenzen in die Bundesliga

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Der Fußball-Bundesligist Hamburger SV wirkt nach unruhiger Vorbereitung alles andere als gut präpariert für die Bundesliga-Saison. Schon vor der ersten Partie bei Schalke 04 ist die Stimmung im Eimer.

Hamburg | Brandreden, Standpauken und verbale Rundumschläge sind beim Fußball-Bundesligisten Hamburger SV wahrlich nichts Neues. Wen wundert’s, schließlich gehört der hanseatische Traditionsclub laut eigenem Anspruch stets in den Europacup, hat diesen Wettbewerb aber zuletzt vier Mal in Folge verpasst - da kann es schon mal lauter werden. Neu ist in diesem Sommer jedoch die inflationäre Häufung von Brandreden, Standpauken und Rundumschlägen. Vorstandsboss Carl-Edgar Jarchow, Sportchef Oliver Kreuzer, Trainer Thorsten Fink - jeder hat seinem Ärger seit dem Trainingsstart Anfang Juli schon mindestens ein Mal lautstark Luft gemacht. "Eine Katastrophe. Ein Auftritt, der an Peinlichkeit nicht zu überbieten war", polterte beispielsweise Kreuzer nach der 0:4-Testspielblamage beim Zweitligisten Dynamo Dresden. Augenscheinlich ist die Stimmung rund um den HSV schon vor der ersten Bundesliga-Partie bei Schalke 04 (Sonntag, 17.30 Uhr) ziemlich im Eimer. Was eine bedenkliche Ausgangslage ist vor einer Spielzeit, an deren Ende unbedingt die Qualifikation für die Europa League stehen soll.
"Wir wollen Platz fünf oder sechs angreifen", erklärte Vorstandsboss Jarchow und fügte nicht weniger forsch hinzu: "An der Spitze sehe ich Bayern, Dortmund, Leverkusen. Dann kommen Schalke, Wolfsburg und wir." Fink und Kreuzer folgten lange der Sprachregelung des Chefs und bekannten sich tapfer zu dem ambitionierten Ziel. Die Dünnhäutigkeit der beiden in den vergangenen Wochen ließ allerdings darauf schließen, dass das Duo längst ahnte, auf welch heikle Mission es sich eingelassen hat. Und in dieser Woche leitete Kreuzer dann auch die sanfte Kehrtwende ein. "Unser Ziel ist Europa, aber das ist kein Muss. Wenn man sagt, es ist Pflicht, unter die ersten Sechs zu kommen, kann das blockieren", erklärte der HSV-Sportchef.

Kader repräsentiert Mittelmaß

Ein allzu logischer Versuch der Relativierung. Denn wohin der Beobachter auch blickt - es wimmelt nur so von Problemfeldern rund um den HSV. Da wäre zunächst einmal der Kader. Mit Heung-Min Son (zu Bayer Leverkusen) verloren die Hamburger zwar nur eine Stammkraft, jedoch eine sehr wichtige. Der Südkoreaner erzielte in der Saison 2012/13 zwölf Tore. Gleichwertiger Ersatz wurde bislang nicht verpflichtet. Stattdessen erhielt die Innenverteidigung eine Überholung: Mit Johan Djourou (26/ausgeliehen vom FC Arsenal) kam ein renommierter Abwehrmann, mit Lasse Sobiech (22/von Borussia Dortmund) ein hoffnungsvoller Youngster. Dass die weiteren Neuen wie Hakan Calhanoglu (19/ vom Karlsruher SC), Kerem Demirbay (20/von Borussia Dortmund) oder Jonathan Tah (17/eigene Jugend) den HSV in absehbarer Zeit auf ein höheres Niveau hieven, darf indes bezweifelt werden.
Unter dem Strich verfügen die Hanseaten über einen Kader, der lediglich gehobenes Liga-Mittelmaß repräsentiert. Übrigens auch, weil Superstar Rafael van der Vaart kaum noch für sportliche Schlagzeilen sorgt, stattdessen aber umso häufiger in den Klatschspalten der Boulevardzeitungen auftaucht. Entgegen der Einschätzung von Clubchef Jarchow sind somit nicht nur der FC Bayern, der BVB sowie Leverkusen besser aufgestellt, sondern auch Schalke und Wolfsburg - Stuttgart, Gladbach, Frankfurt sowie Hannover womöglich ebenfalls. Von Überraschungsteams à la Freiburg ganz zu schweigen.

Vorstand und Aufsichtsrat zerstritten

Für viel Unruhe sorgen derweil die zahlreichen Aussortierten. Der klamme HSV, der zum dritten Mal in Folge auf ein Saisondefizit in Millionenhöhe zusteuert, muss Spieler verkaufen. Das Problem: Sportchef Kreuzer findet kaum Abnehmer für die unerwünschten Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic, Gojko Kacar, Robert Tesche und Paul Scharner. Und zu allem Überfluss hat Scharner ("Ich werde vom Verein erpresst") seinem Arbeitgeber nun auch noch öffentlich den Krieg erklärt.
Dabei kommt der Club auch ohne Scharners "Hilfe" schon nicht zur Ruhe. Vorstand und Aufsichtsrat sind zerstritten und lieferten sich zuletzt eine öffentliche Schlammschlacht. Die Außendarstellung des aufgeblähten und zu Indiskretionen neigenden Kontrollgremiums ist seit Jahren katastrophal. Da rüber hinaus schießt Investor Klaus-Michael Kühne ständig verbale Giftpfeile gegen die Clubführung. Ex-HSV-Größen wie Felix Magath gießen mit ihren Aussagen weiteres Öl ins Feuer. Und natürlich fehlt auch Clubikone Uwe Seeler nicht in der Reihe der Kritiker.

Aufgeregt und sprunghaft

Das Schlimme: Der HSV bietet derart viele Angriffsflächen, dass Kühne, Magath, Seeler und Co. mit ihrer Kritik ab und zu zwangsläufig ins Schwarze zielen. So erklärte Seeler jüngst treffend: "Alle schütteln nur noch den Kopf über den HSV. Renommierte Firmen können es sich doch gar nicht erlauben, momentan beim HSV einzusteigen. Überall, wo man hinkommt, wird man darauf angesprochen, was im Aufsichtsrat los ist."
Und inmitten all dieser Turbulenzen sollen Fink und Kreuzer, die zwei Getriebenen, den HSV zurück auf die europäische Bühne führen. Hilfreich wären bei diesem Unterfangen: eine realistisch-defensive Zielsetzung, Geduld und Rückendeckung im Umfeld, eine langfristige Kaderplanung, eine funktionierende Jugendarbeit. Auf all das müssen sie in diesem so aufgeregten und sprunghaften Club jedoch verzichten. Deshalb werden Fink und Kreuzer zwei sehr gute Händchen benötigen, um das große Ziel nicht früh aus den Augen zu verlieren - und jede Menge Glück wäre auch nicht schlecht. Haben sie das nicht, ist es gut möglich, dass sie in absehbarer Zeit nicht mehr für die nächsten Brandreden, Standpauken und Rundumschläge zuständig sein werden. Sondern ihre Nachfolger. Aber das wäre in Hamburg ja nun wahrlich auch nichts Neues.

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erstellt am 09.Aug.2013 | 12:47 Uhr

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