Frauen hart am Wind

Petra Pavlisin kurz vor Tortola in der Karibik. Pavlisin
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Petra Pavlisin kurz vor Tortola in der Karibik. Pavlisin

Eine reine Frauencrew will mit der „Lucky Lady“als erste den Atlantik überqueren.

shz.de von
26. November 2017, 17:03 Uhr

Die Australierin Kay Cottee war 1988 die erste Frau, die allein und ohne Zwischenstopp um die Welt segelte. 187 Tage brauchte sie für den Törn – auf einer Elf-Meter-Yacht mit dem passenden Namen „First Lady“. Die Seglerin inspirierte damals Frauen auf der ganzen Welt. Fast 30 Jahre danach ist wieder eine Lady in See gestochen: die „Lucky Lady“. Ihr Ziel ist diesmal nicht die Umrundung der Welt, sondern die Überquerung des Atlantiks. Aber genau wie damals steht eine Frau am Ruder, die es sich und der Welt beweisen will: Frauen haben es drauf. Und sie können alles erreichen, was sie wollen.

Die Frau heißt Petra Pavlisin. Zusammen mit ihrer Crew nimmt sie an der Atlantic Rally for Cruisers (ARC) teil – einer Regatta, die 2700 Seemeilen von Gran Canaria im Westen Europas bis nach St. Lucia in der Karibik führt. An Bord ihrer 38-Fuß-Yacht – nur Frauen: Neben Petra Pavlisin sind es Elena Rohlfs, Dorothea Winterhof und Alette Borgböhmer. Sie alle gehören dem Verein „Atlantic Women 2017“ an, den Skipperin Pavlisin gegründet hat. Ziel der Rantrumerin ist es, Frauen für das Segeln zu begeistern. Inzwischen hat der Verein acht Mitglieder im Alter zwischen 25 und 64 Jahren. Auch die Crew der „Lucky Lady“ ist bunt gemischt, die Jüngste ist 21.

Einen ersten längeren Probe-Törn hatten die Frauen in dieser Konstellation schon gemacht: Vor Beginn der Regatta sind sie von Portugal nach Gran Canaria gesegelt. Eine Woche lang – genug, um Seemannschaft, Boot und Ausrüstung auf Herz und Nieren zu testen und Kinderkrankheiten ausfindig zu machen. Außer der „Lucky Lady“ nehmen mehr als 200 Yachten mit Crews aus der ganzen Welt an der ARC teil, darunter auch einige deutsche Teams. Pavlisin und ihre Mitstreiterinnen segeln allerdings unter finnischer Flagge – denn das Boot gehört einem finnischen Skipper, den die 50-Jährige in der Karibik kennengelernt hatte und der das Vorhaben der Frauencrew unterstützen wollte.

Während Kolumbus seinerzeit zehn Wochen brauchte, um von Gran Canaria in die Karibik zu segeln, will es das Frauen-Team in weniger als der Hälfte der Zeit schaffen. „Wir haben für die Strecke ungefähr drei Wochen eingeplant“, sagt Pavlisin. Die Passatwinde, die nördlich und südlich des Äquators herrschen, sorgen für mäßig starken, aber relativ beständigen Wind. Allerdings sind in diesen Gewässern auch starke Böen oder Flauten keine Seltenheit – ein Hindernis, das der Frauen-Crew schon im Vorweg zu schaffen machte.

Denn der Strom an Bord wird mit einem Hydrogenerator erzeugt – nicht mit Solar-, sondern mit Wasserenergie. „Das Problem ist, dass man dafür mindestens fünf bis sechs Knoten machen muss“, erklärt Pavlisin. „Und bei wenig Wind sieht es dann schlecht aus.“ Wird die Batterie nicht geladen, können die Frauen weder Wetterkarten laden noch das Ortungssystem AIS (Automatic Identification System) benutzen, mit dem sich Schiffe untereinander identifizieren. „Daran hatte vorher einfach keiner gedacht“, räumt die Skipperin ein. Im Notfall muss der Motor aushelfen, aber der schmälert die Sieg-Chancen: Jede Motorstunde fließt in die Wertung ein und wird auf die Zeit aufgeschlagen.

Einmal am Tag sitzt die ganze Crew zusammen beim Essen, abends, um 18 Uhr. Das ist Pavlisin wichtig, denn eine entscheidende Rolle bei einer Atlantiküberquerung spielt der Kopf: „Die größte Herausforderung ist, die psychischen Strapazen gut zu überstehen und entspannt zu bleiben.“ Schlafmangel, Wellen, Seekrankheit und der ständige Wechsel zwischen starken Böen und wiederkehrenden Flauten zehren an den Kräften. Gefahren wird im Wachsystem, jeweils zu zweit, im Vier-Stunden-Rhythmus. Ein Kampf gegen die innere Uhr, wie die Seglerin weiß: „Am Anfang kann man meistens nicht richtig abschalten. Es dauert Monate, bis man da reinkommt.“

Lachen und gute Laune zu verbreiten gehört deshalb ebenso zu den Aufgaben der Skipperin wie Navigation und Taktik. Eine Rolle, in die die 50-Jährige erst reinwachsen musste. „Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung“, gibt sie zu. Den Atlantik hatte sie bereits vor vier Jahren überquert, während ihres Sabbaticals. Damals aber als Crewmitglied auf einem fremden Boot. Seitdem ließ das Segeln sie nicht mehr los, die Idee für eine reine Frauencrew wurde geboren. Ihr Traum war es, Frauen in ganz unterschiedlichen Lebensphasen zusammenzubringen und endlich die männerdominierte Segelszene neu zu sortieren. Schnell fanden sich Mitstreiter für das ehrgeizige Vorhaben, die Zusammenstellung der Crew für die Atlantik-Regatta stellte sich jedoch als schwierig heraus. „Viele haben einfach nicht so viel Zeit, man ist ja viele Wochen unterwegs“, sagt die 50-Jährige. Eine Seglerin sei in letzter Minute abgesprungen, vermutlich weil sie kalte Füße bekam.

Obwohl die ARC über die sogenannte „Barfußroute“ führt und Stürme eher selten sind, gab es bereits einige Unglücke während der Regatta. Vergangenes Jahr war eine deutsche Yacht wegen eines Lecks gesunken. Sicherheit ist deshalb oberstes Gebot an Bord. Ums Gewinnen geht es der Nordfriesin weniger: „Es ist das Abenteuer, das mich reizt, das Gefühl, vom Wind vorangetrieben zu werden, im Einklang mit der Natur.“

Und noch etwas ist ihr wichtig: Mit ihrem Verein will sie Spenden für ein Hilfsprojekt in der Karibik sammeln. Das Child Development & Guidance Centre (CDGC) ist ein von drei Frauen geleitetes Kinderförderzentrum auf St. Lucia. Hier werden Kinder auch ohne Krankenversicherung professionell betreut. Den Anstoß für das soziale Engagement gaben ihre früheren Besuche in der Region. „Ich habe dort die Kluft zwischen Arm und Reich erlebt, den Kontrast zwischen den dicken Yachten und der armen Bevölkerung. Deshalb wollte ich helfen“, erklärt sie.

Mit ihrem ehrgeizigen Vorhaben trifft sie bei vielen Frauen auf Zustimmung. „Einige haben uns schon angesprochen und gesagt, wie toll sie unser Projekt finden. Sowas macht natürlich Mut.“ Und den brauchen Pavlisin und ihre Crew. Denn trotz sorgfältiger Vorbereitung und etlicher Trainings – ein Restrisiko bleibt immer. „Es ist nie alles perfekt, einige Faktoren kann man einfach nicht beeinflussen.“ Wichtig sei dann, einen kühlen Kopf zu bewahren und das Problem richtig anzugehen. „Dann findet man eine Lösung, egal wie.“

Wer das Kinderförderzentrumauf St. Lucia unterstützen möchte, kann spenden: Atlantic Women 2017 IBAN: DE 65 2176 2550 0004 6532 38 BIC: GENO DE F1 HUM.

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