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Doping-Studie: Viel Aufregung, wenig Klarheit

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Kritik an Politik und Sport wegen Aufklärungsarbeit / Bach erwartet keinen Schaden für IOC-Wahlkampf

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Berlin | Der deutsche Fußball wurde für seine Mauertaktik kritisiert, Bundes innenminister Hans-Peter Friedrich und DOSB-Präsident Thomas Bach mussten sich sogar Vorwürfe der Verschleppung und Verwirrungsstrategie gefallen lassen. Am Tag nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts über die Doping-Praktiken in der Bundesrepublik wurden die Diskussionen über Konsequenzen immer hitziger. Forderungen nach Namensnennung, einem Anti-Doping-Gesetz und strafrechtlicher Aufklärung wurden laut. Der Deutsche Fußball-Bund sah sich gezwungen, erneut erhobene Anschuldigungen über Ephedrin-Dopings von Nationalspielern bei der WM 1966 zurückzuweisen (siehe Text rechts).

Die Ankündigung des Deutschen Olympischen Sportbundes, eine unabhängige Kommission unter Vorsitz des Ex-Bundesverfassungsrichters Udo Steiner einzusetzen, verschafft Friedrich und Bach erst einmal Zeit. Mit Empfehlungen der Steiner-Gruppe ist vor 2014 nicht zu rechnen. So kann sich Friedrich auf die Bundestagswahl konzentrieren - und Bach auf den Endspurt im Sechskampf um den IOC-Thron. Negativfolgen erwartet Bach nicht: "Meine IOC-Kollegen wissen, dass ich die Studie selbst initiiert habe. Ihnen ist meine Null-Toleranz-Politik gegen Doping seit Jahrzehnten bekannt, insbesondere auch als Vorsitzender der verschiedenen Disziplinarkommissionen. Deshalb befürchte ich keine Konsequenzen für den Wahlkampf."

Politik und Sport müssen sich viele Fragen gefallen lassen. Wer waren die Profiteure des staatlich geduldeten und steuerfinanzierten Dopings in der Bundesrepublik, wer die Opfer? Welche Strippenzieher sind noch heute wo im Amt? Was fehlt in dem Abschlussbericht? Nach dpa-Informationen ist er mehrere Hundert Seiten kürzer und enthält weniger Namen als der bereits im März 2012 fertig gestellte Zwischenbericht der Studie "Doping in Deutschland" von 1950.

"Es müssen Ross und Reiter genannt werden", verlangte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, gestern in München und mahnte die Veröffentlichung der zurückgehaltenen Langfassung der Studie an. Nur so könne auch der nun aufgekommene "Generalverdacht" gegen bundesdeutsche Athleten ausgeräumt werden.

Die lange unter Verschluss gehaltene Studie verdeutlichte, dass die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik bereits 1949 begonnen hatte. Es müsse geprüft werden, "ob bundesdeutsche Trainer oder Funktionäre für Doping-Vergehen in der Vergangenheit zur Rechenschaft" gezogen werden müssen, so Ex-Turn-Weltmeister Eberhard Gienger, bis 2010 DOSB-Vize Leistungssport. Dabei müssten unbedingt die Gesetzestexte der damaligen Zeit berücksichtigt werden. "Vieles, was heute verboten ist, war in den 70-er Jahren noch erlaubt."

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) bekräftigte ihre Forderung nach einem umfassenden Anti-Doping-Gesetz. Es sei an der Zeit, "ein Doping-Strafrecht zu schaffen, das seinen Namen verdient".

Ex-Spitzensportlerin Heidi Schüller erhob unterdessen Vorwürfe gegen Bach. "Thomas Bach muss mehr gewusst haben, als er jetzt zugibt. Er kann doch auch lesen", sagte Schüller. "Aber wenn man IOC-Präsident werden will, dann schweigt man besser." Die frühere Weitspringerin hatte 1972 bei den Spielen in München den olympischen Eid gesprochen.

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