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Brasilianer beim SC Weiche Flensburg 08 : „Die beste Zeit meines Lebens“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Brasilianer Ilidio Pastor Santos hat nach dem Tod seines Vaters beim SC Weiche Flensburg 08 eine neue Heimat gefunden.

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2017 | 19:41 Uhr

Flensburg | „Sobald ich einen Ball sehe, ist alles andere ausgeblendet – Fußballer zu sein, ist mein größter Traum“, sagt Ilidio Pastor Santos. Dieses Lebensziel teilen sicher viele Jungen, die wie der heute 25-Jährige in Rio de Janeiro geboren werden und aufwachsen. Das Besondere ist, dass der junge Brasilianer diesen Traum im Norden Schleswig-Holsteins lebt, beim SC Weiche Flensburg 08. Dort kommt Ilidio nach einem Schicksalsschlag vor vier Jahren an. „Ich sprach kein Wort Deutsch, kannte die Kultur hier überhaupt nicht“, erinnert sich der Brasilianer mit dem so offenen Lachen. Die Mitspieler, der Trainer, die Vereinsverantwortlichen und einige Menschen im Umfeld sind heute seine zweite Familie. „Flensburg und das Manfred-Werner-Stadion sind mir zur zweiten Heimat geworden“, sagt Ilidio Pastor Santos.

In der Sportstätte im Flensburger Stadtteil Weiche kommt er noch vor der verabredeten Zeit an. „Pünktlichkeit ist hier wichtig. Ich finde diese Verlässlichkeit, die es in Brasilien so nicht gibt, auch gut“, sagt der Mittelfeldspieler, der zu den Publikums-Lieblingen zählt – und zu den Vorbildern des Weicher Nachwuchses. Die jungen Spieler der Jugend-E strahlen, als sie Ilidio auf dem Platz sehen, ein paar Bälle mit ihm kicken und Fragen stellen können. Er selbst ist drei Jahre alt, als sein Vater in Rio eine Mannschaft mit Jungen in diesem Alter trainiert und seinen Ball verliebten kleinen Sohn zum Training mitnimmt. „Später hat mein Vater mich zu jedem Training und Spiel begleitet – dafür mussten wir jedes Mal Stundenlang mit dem Bus durch die Stadt fahren“, erinnert sich Ilidio Pastor Santos. Bis er 20 Jahre alt ist, spielt er elf Jahre lang für denselben Club, eine Verletzung verhindert den Sprung ins Profiteam – und dann stirbt auch noch sein Vater. „Alles war furchtbar – ich wollte nie mehr Fußball spielen“, erinnert sich der Wahl-Flensburger an die dunkelste Zeit seines Lebens.

Ankunft in Flensburg

Für die Wende sorgt seine Schwester, die mit ihrem Mann einige Jahre an einer Schule in Hannover gearbeitet hat. Die Mutter von Ilidios Schwager lebt in Flensburg. „Fahr’ dort hin, lerne ein anderes Land kennen“, fordert ihn seine Schwester auf. Und sie erinnert ihren kleinen Bruder auch an den Traum des verstorbenen Vaters, dass Ilidio einmal Fußballer wird.

Der junge Brasilianer kommt kurz vor seinem 21. Geburtstag in Flensburg an. Sein Visum läuft über drei Monate, länger will er auch nicht bleiben. Doch dann kommt das erste Training im Weicher Stadion. „Alles war fremd, ich konnte mich nur über ein Tablet mit einem Übersetzungsprogramm verständigen – dennoch habe ich mich sofort so wohl gefühlt. Ich wollte mehr, am liebsten jeden Tag auf diesem Platz spielen“, sagt der heutige Stammspieler.

Einige Verantwortliche des Vereins setzen sich im Rathaus dafür ein, dass Ilidios Visum verlängert wird. Ehrgeizig lernt der junge Mann fern der Heimat jeden Tag Deutsch, das er heute nahezu perfekt spricht. Er besteht nicht nur die Führerscheinprüfung, sondern schließt vor kurzem auch eine Ausbildung zum Restaurantfachmann erfolgreich ab – bei einem Italiener in Harrislee. „Es macht Spaß, im Restaurant zu arbeiten. Dadurch habe ich noch schneller die Sprache gelernt“, sagt der Lateinamerikaner, der begnadet Samba tanzen kann – gerne auch mit dem Ball.

„Doch hier geht Fußball anders“, hat er schnell erkannt. In Brasilien wird gespielt, gezaubert, wird der Ball zum Teil des Körpers. „Hier geht es mehr um Kraft und Technik, aber das finde ich gut. Ich arbeite hart, möchte jeden Tag besser werden, um meinem Team noch mehr helfen zu können“, sagt Ilidio Pastor Santos. Er hat auch erkannt, wie wichtig das Training ist, „denn wenn du immer voll trainierst, kannst du im Spiel nie richtig schlecht sein.“

Rückkehr nach Brasilien ist ausgeschlossen

Offen wird der Brasilianer im Verein empfangen, doch jenseits davon begegnen ihm viele zunächst reserviert. „Ich habe aber begriffen, dass dies die Mentalität der Norddeutschen ist. Hat man aber Freunde gefunden, kann man sich total auf sie verlassen.“ Das kann er auch auf die Flensburger Mama seines Schwagers, die für ihn zu einer zweiten Oma geworden ist, und seit „einem Jahr und acht Monaten“ auch auf Freundin Ilona, mit der er mittlerweile zusammen wohnt. Jedes Jahr besucht Ilidio auch seine Mutter und die vier Geschwister in Brasilien.

Dort wieder zu leben, ist für ihn undenkbar geworden. „Ich finde auch das Klima hier besser. In Rio ist es so heiß, da gehen nur Shorts und Flip Flops, aber ich trage so gerne lange Hosen und Schuhe“, sagt der modebewusste Fußballer, der auch Bratkartoffeln und Grünkohl „großartig“ findet. Seine eigene Familie möchte er in Flensburg gründen.

„Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu und kann mich dadurch auch als Mensch immer weiter entwickeln“, sagt Ilidio Pastor Santos, dessen Vorbild natürlich der brasilianischer Superstar Neymar ist. Für ihn selbst wäre es „einfach perfekt, mit Weiche in die dritte Liga aufzusteigen“. Ein realistisches Ziel, doch unabhängig davon betont der 25-Jährige: „Ich lebe hier schon jetzt die beste Zeit meines Lebens – und den Traum meines Vaters“. 

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