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20. Oktober 2017 | 07:38 Uhr

Die Ära Breitnigge

vom

Serie (17) - 1979/80: Bayern melden sich zurück - Fernsehen überführt Treter

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Aussortiert. Zurückgetreten. Verletzt. Verkauft ins Ausland. Karriere beendet. Im sechsten Jahr nach dem Triumph gegen die Niederlande spielt kaum ein Weltmeister von 1974 noch eine Rolle in der Bundesliga. Nur Paul Breitner ist auf dem Zenit seines Könnens. Der unangepasste Star ist in der Form seines Lebens, er führt den FC Bayern zur ersten Meisterschaft nach sechs Jahren.

"Mensch, kann dieser Scheißverein jetzt feiern", feixt Breitner, als er nach dem Meisterstück am vorletzten Spieltag in Stuttgart durch die Kabine tanzt. Jahre zuvor hatte sich der rebellische Querkopf mit der hohen Stimme und dem durchdringenden Blick noch beklagt über die unterentwickelte Feierlaune beim "FC Ruhmreich".

Als "FC Breitnigge" marschieren die Münchner durch die Saison. Breitner ist der besessene Antreiber aus dem Mittelfeld, Karl-Heinz Rummenigge der torgefährliche Dribbler, der mit 26 Treffern Torschützenkönig wird und sich das Prädikat "Weltklasse" erarbeitet.

"Das war meine schönste und beste Saison", erinnert sich Rummenigge, "mir gelang alles; wenn ich Dreck anfasste, wurde Gold daraus." Bis heute ist unklar, ob Trainer Pal Csernai nur eine elegante Marionette von Breitner oder ein moderner Coach mit Sinn für einen kooperativen Führungsstil war. Er sagt: "Mein Verdienst liegt darin, dass ich die Cliquenwirtschaft zerstört und ein echtes Team geformt habe."

Daran arbeitet als Manager Uli Hoeneß mit, der bei Transfers sein Händchen zeigt: Mit Dremmler, Weiner und Kraus holt er kluge Fleißarbeiter, stärkt Talente wie Augenthaler und Niedermayer. So entsteht eine Mannschaft, die die "Sport-Illustrierte" so charakterisiert: "Beim FC Bayern fegt keine Horde gleichgeschalteter Norm-Schlachtrösser über den Platz, sondern ein buntes Bestiarium gut sortierter Individuen."

Getrübt wird die spannende Saison durch Gewalt - auf dem Rasen und auf den Rängen. Meldungen wie diese häufen sich: "Kölner Schlägertrupps fielen mal wieder auf, als sie vor dem Spiel in Leverkusen randalierten. Als die Polizei eingriff, wurden die Beamten mit Steinen und Limonadenkisten bombardiert." Oder: "In Braunschweig hausten die jugendlichen, alkoholisierten Fans wie die Vandalen."

Die Vereine stehen dem Phänomen ratlos gegenüber; die Polizei verstärkt die Präsenz. Hunde werden eingesetzt, Stadionverbote verhängt. Fanprojekte gibt es noch nicht, aber es erscheint ein erstes Buch: "Das bisschen Freiheit. Die fremde Welt der Fußballfans." In Hannover hat ein junger Soziologe namens Gunter A. Pilz mit der Arbeit an der Studie "Sport und Gewalt" begonnen; Auftraggeber ist das Bundesinnenministerium.

Die Verrohung der Sitten macht vor dem Spielfeld nicht halt - oder kommt sie sogar von dort? Das Foul ist Teil des Spiels, die Regelauslegung begünstigt die hemmungslosen Treter, die einige Male hinlangen können, bevor sie überhaupt Gelb sehen. Vor allem junge Talente, die mit Spielwitz und Technik glänzen, werden systematisch attackiert, so wie der Kölner Bernd Schuster oder der freche Duisburger Straßenfußballer Thomas Kempe, über den der "Kicker" schreibt: "Der Junge wird regelrecht gejagt, auf ihn setzen die gegnerischen Trainer ihre Bluthunde an."

Nach Besuchen in einigen Clubs ist DFB-Trainerausbilder Karl-Heinz Heddergott erschrocken: "Mir hats den Atem verschlagen. Fouls schinden, Fouls begehen - das wird in einigen Vereinen bewusst trainiert. Da wird Betrug gelehrt."

Dank moderner Fernsehtechnik werden die Gemeinheiten detailgenau in die Wohnzimmer transportiert - darunter auch solche, die der Schiedsrichter übersehen hat. So sehen Millionen, dass der Schalker Manfred Drexler am 18. August 1979 den am Boden liegenden Bayern Wolfgang Kraus in den Rücken tritt. "Ein glatzköpfiger Spät-Rocker", empört sich die "Abendzeitung" über den Schalker. Das Sportgericht erkennt die TV-Bilder als Beweismittel an und sperrt den Sünder drei Monate.

Die Tatsachenentscheidung bleibt unangetastet. Und so werden zwei Raubeine nicht bestraft, die mit brutalen Tritten die Karrieren zweier brillanter Spielmacher beenden: Der Duisburger Paul Steiner tritt dem genialen Techniker Heinz Flohe das Schienbein durch. Und in Mönchengladbach grätscht ein Jungprofi namens Lothar Matthäus rücksichtslos den Frankfurter Jürgen Grabowski um; der sanfte Edeltechniker wird am Sprunggelenk verletzt und kann nie wieder spielen.

Die neue Maßnahme, nach vier Gelben Karten eine Sperre für ein Spiel zu verhängen, zeigt noch keine Wirkung. Es wird weitergetreten - auch in der nächsten Saison.

Nächste Folge: Der HSV schlägt zurück

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