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Interview : DFB-Präsident Reinhard Grindel über Pyro, Neymar und den Videoassistenten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Reinhard Grindel spricht im Interview über den Streit um den Videobeweis und die Aufstiegsregelungen zur Dritten Liga.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 10:10 Uhr

Ein außergewöhnliches Sportgespräch im sh:z-Medienhaus: Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel (56) war vor seinem Besuch des Regionalliga-Partie SC Weiche Flensburg 08 gegen Eintracht Norderstedt (3:1) knapp zwei Stunden Gast der Sportredaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (sh:z). Es ging um die aktuellen Themen im deutschen Fußball - von der Bundesliga bis zu den Amateuren in den unteren Klassen.

Der vergangene Spieltag in der Champions League und in der Europa League verlief aus deutscher Sicht desaströs. Sechs Spiele, sechs Niederlagen. Was denkt ein DFB-Präsident darüber?
Er fragt sich, ob das eine Momentaufnahme ist oder zu grundsätzlichen Überlegungen Anlass gibt. Die Fußballwelt in England, Spanien, Frankreich und vielleicht auch in Italien ist eine andere als bei uns. Bayern-Fans beschweren sich darüber, dass sie 75 statt 20 Euro für eine Eintrittskarte in Paris bezahlen müssen. Schauen Sie sich die komplett zerfledderten Anstoßzeiten in diesen Ligen an. Im Vergleich zu anderen in Europa sind wir in Deutschland in Sachen Kommerzialisierung, Internationalisierung und Digitalisierung des Fußballs keineswegs überzogen unterwegs. Wir müssen nun entscheiden, ob wir diesen Wettbewerb annehmen oder uns damit abfinden, auf Dauer nicht mehr mit den großen Konkurrenten aus Manchester, Madrid oder Paris mithalten zu können.

Bei den deutschen Topvereinen aus München und Dortmund hat man den Eindruck gewonnen, dass sie nicht jeden Zirkus mitmachen. Finden Sie es richtig, dass der deutsche Fußball sich im Vergleich zu anderen europäischen Schwergewichten verhältnismäßig bescheiden gibt?
Es gehört dazu, dass der DFB-Präsident sich in Fragen der Liga zurückhält und nicht glaubt, den Managern Tipps geben zu müssen. Eines möchte ich aber sagen: Ich wünsche mir, dass möglichst viele Nationalspieler weiter in der Bundesliga spielen, weil ich glaube, dass das für den deutschen Fußball an der Basis eine große Rolle spielt. Wenn Kinder und Jugendliche ihre Idole nicht mehr in den Stadien oder regelmäßig im TV sehen, wird das nicht ohne Folgen bleiben. Ohne starke Basis keine Spitzenleistungen – und umgekehrt. Denken Sie nur daran, als Steffi Graf und Boris Becker nicht mehr spielten. Da bekam das deutsche Tennis große Probleme, Kinder und Jugendliche für diesen Sport zu gewinnen.

Um international wieder konkurrenzfähiger zu sein, müsste man die Spieltage weiter zerstückeln, um noch mehr TV-Einnahmen zu generieren, oder?
In Deutschland sind die Spieltage längst nicht so zerstückelt wie in anderen Ländern. Spanien und England sind auf den internationalen TV-Märkten erfolgreicher. Das bedeutet, dass wir durch Präsenz in diesen Zielländern aufholen müssen. Es ist wichtig, in unseren Mannschaften echte Stars zu haben, weil sie damit weltweit die digitalen Märkte durchdringen. Paris kauft sich mit Neymar nicht nur sportliche Qualität, sondern auch 100 Millionen Follower auf Twitter, Facebook und Instagram. Das spielt in der Frage, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten ein Club weltweit hat, eine große Rolle.

Und was ist mit der Öffnung der 50+1-Regel, die es Kapitalanlegern nicht erlaubt, die Stimmenmehrheit bei Fußballvereine mit ausgegliederten Profimannschaften zu übernehmen?
Das ist eine Frage, die die DFL beantworten muss. Wenn zum Beispiel die Ultras fordern, dass die Traditionsclubs der Bundesliga erhalten bleiben, muss man auch fragen: Was kann ich tun, damit diese Vereine wettbewerbsfähig bleiben? Dass es dann dort eine Diskussion geben kann, zumindest Investoren mit einem nachhaltigen Engagement im Rahmen von 50+1 mit ins Boot zu holen, kann ich mir schon vorstellen.

Apropos Ultras: In den Stadien ist momentan an der Tagesordnung, den DFB mit Gesängen oder Transparenten zu verschmähen. Trifft dies Sie sehr?
Ich kann damit umgehen. Aber ich frage mich: Wie gehen die hunderttausenden von Ehrenamtlichen damit um, die auch zum DFB gehören, unendlich wertvolle Arbeit leisten und solche Schmähungen ganz und gar nicht verdient haben? Deswegen habe ich die Initiative gestartet, die Kollektivstrafen, die ein Hauptkritikpunkt der Ultraszene sind, erst einmal auszusetzen, um die Grundlage für einen Dialog zu schaffen. Das Problem ist: Die Ultraszene ist ausgesprochen heterogen. In manchen Stadien gibt es keine Kritik am DFB, in anderen massive. Insofern fällt es schwer, mit dieser heterogenen Szene richtig ins Gespräch zu kommen.

Thema Pyrotechnik: Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hat angeregt, über die Schaffung von speziellen Bereichen auf den Tribünen zu diskutieren, in denen einzelne Fans kontrolliert bengalische Feuer zünden können. Haben Sie für diesen Vorschlag Sympathien?
Das ist ein sehr sensibles Thema und der Punkt, an dem der letzte Dialog gescheitert ist. Für mich ist erst einmal die Frage zu klären: Gibt es in der Ultraszene überhaupt die Bereitschaft, sich bundesweit zu verpflichten, Pyro kontrolliert abzubrennen? Eine solche Erklärung seitens der Ultras liegt nicht vor. Das möchte ich abwarten, bevor ich in eine solche Diskussion einsteige.

Dagegen ist die Diskussion über den Videoassistenten schon voll im Gange. Wie lautet Ihre Meinung dazu?
Ich rate dazu, bei einem Modellprojekt, das über 34 Spieltage angelegt ist, nicht nach wenigen Spieltagen bereits ein endgültiges Urteil zu fällen. Sowohl auf dem Platz als auch bei den Videoassistenten in Köln muss sich erst Routine im Zusammenspiel einstellen. Folgendes ist zu betonen: Es geht nicht darum, dass der Videoassistent dem Schiedsrichter Auslegungshilfen gibt, sondern dass er nur eine Aufgabe hat, nämlich: objektive Wahrnehmungsfehler des Schiedsrichters bei spielentscheidenden Szenen zu korrigieren.

Ist dieses Vorhaben geglückt?
Es gab schon viele Szenen, bei denen der Videoassistent gut und richtig eingegriffen hat. Insofern hat er schon das erreicht, wofür er sorgen soll: mehr Gerechtigkeit. Meiner Einschätzung nach wünschen sich die Schiedsrichter dieses Hilfsmittel. Ich bin mir ganz sicher, dass sich das nach einer Saison eingespielt hat. Ich finde, dass die bisherigen Erfahrungen nicht gegen die Einführung dieser Technik sprechen.

Ein heißes Thema ist derzeit die Aufstiegsregelung zwischen Regionalliga und 3. Liga. Es gibt massive Proteste aus den fünf Regionalligen, dass derzeit nur drei Meister aufsteigen.
Das Problem ist, dass sich niemand mehr an die Diskussionen im Jahr 2010 erinnern kann, als wir aus der dreigleisigen eine fünfgleisige Regionalliga gemacht haben, weil die Clubs gesagt haben: In dieser Form ist die Regionalliga wirtschaftlich nicht zu stemmen. Die klare Mehrheit wollte mehr Regionalität und kürzere Wege. Wir haben damals deutlich gesagt, dass dies gleichzeitig bedeutet, dass der Meistertitel nicht mehr gleichbedeutend mit dem direkten Aufstiegsrecht ist.

Wie könnte die Lösung dieses Problems aussehen?
Die Grundsatzfrage lautet: Steht der Wunsch, dass der Meister aufsteigen muss, über allem? Dann kommt man an der Reduzierung auf vier Regionalliga-Staffeln nicht vorbei. Oder sage ich: Ich möchte die jetzige Struktur in der Regionalliga bewahren. Dann wird es nicht möglich sein, den Wunsch, jeden Meister aufsteigen zu lassen, zu 100 Prozent umzusetzen. Dann würden maximal vier von fünf Meistern aufsteigen.

Kein leichtes Unterfangen. Die Regionalliga ist ähnlich wie die Ultraszene sehr heterogen.
Es ist menschlich, dass jeder auf den eigenen Kirchturm schaut und danach ausrichtet, an was er glaubt. Bei der Lösungsfindung müssen besonders die Regionalligisten im Norden und Nordosten anerkennen, dass die Situation in den Ballungsgebieten im Westen und Südwesten eine andere ist als in ihren Flächenländern. Würde man auf vier Regionalliga-Staffeln kommen, hätte man im Norden und Nordosten das Problem auf die Oberligen abgewälzt. Bei einer Regionalliga mit acht Oberligen darunter würde sich der Spruch, dass der Meister aufsteigen muss, in keiner Weise realisieren lassen. Sie sehen also, wie schwierig das ganze Thema ist und wie viele Perspektiven seitens des DFB zu beachten sind.

Eine Rasenheizung, ein 10.000 Zuschauer fassendes Stadion, TV-taugliches Flutlicht und vieles mehr. Sind die Auflagen nicht zu streng für einen Drittliga-Aufstieg?
Man muss sich von dem Glauben trennen, dass der DFB mit seinen zu Beton neigenden Funktionären die Vereine quälen will und mit bürokratischen Vorschriften zudeckt, bevor sie in die 3. Liga aufsteigen dürfen. Die 3. Liga ist eine bundesweit akzeptierte und umfassend im Fernsehen abgebildete Profi-Spielklasse, bei der sie es mit großen Clubs wie dem 1. FC Magdeburg, Karlsruher SC oder Hansa Rostock zu tun haben. Da muss es gewisse Anforderungen geben, um für die Sicherheit im Stadion zu sorgen. Wir wollen mit der 3. Liga ein attraktiver Partner für das Fernsehen und die Sponsoren sein. Das geht nur mit entsprechenden Mindestanforderungen an die Infrastruktur, wobei wir immer im engen Austausch mit den Vereinen stehen.

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