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Wettkampf in Oberstdorf : Der Mythos Vierschanzentournee

Am Freitag beginnt in Oberstdorf die Flugshow der besten Skispringer. Warum zieht sie Jahr für Jahr Millionen Menschen in ihren Bann?


von  Holger Loose

2017-12-27 11:29:43.0, 2017-12-27 11:29:43.0 Uhr

Jetzt fliegen sie wieder. Mit dem Wettkampf in Oberstdorf beginnt am Freitag eine der traditionsreichsten Wintersportveranstaltungen: Die Vierschanzentournee der Skispringer. Warum zieht die Flugshow Jahr für Jahr Millionen Menschen in ihren Bann? Unser Sportredakteur Holger Loose ist dieser Frage auf den Grund gegangen.

Vielleicht ist es ja tatsächlich ein Rekord für die Ewigkeit. Als Sven Hannawald am 6. Januar 2002 beim abschließenden Dreikönigsspringen in Bischofshofen triumphierte, hatte er etwas geschafft, was vor ihm und auch danach bis heute nie wieder ein Athlet geschafft hat – Hannawald gewann alle vier Wettbewerbe der legendären Vierschanzentournee.

Ganz Deutschland war im Skisprung-Fieber. Hannawald wurde mit Preisen überhäuft und gefeiert wie ein Popstar. Auch wenn diese Erfolge schon ein paar Jahre zurückliegen: Der Mythos Vierschanzentournee lebt. Selbst in Schleswig-Holstein, nicht gerade für seine Wintersport-Affinität bekannt, sitzen am Sonnabend wieder Tausende Menschen vor dem Fernseher und schauen sich das Eröffnungsspringen der inzwischen 66. Vierschanzentournee in Oberstdorf an.

Nur knapp 400 aktive Skispringer gibt es in Deutschland

Noch größer ist das Interesse traditionell beim Neujahrsspringen in Garmisch-Patenkirchen – für viele ein absolutes Muss, das genauso zum Jahreswechsel gehört wie „Dinner for One“ zum Silvesterabend. Mehr als fünf Millionen Menschen begannen in Deutschland das Jahr 2017 – zum Teil noch leicht verkatert – mit Skispringen im ZDF.

Die Befürchtung, der Boom der Leichtgewichte in den viel zu großen Skianzügen sei vorbei, erwies sich als unberechtigt. Die Vierschanzentournee ist nicht tot zu kriegen. Und das, obwohl doch von den meisten Zuschauern – anders als etwa bei König Fußball – kaum einer auch nur den Hauch einer Ahnung von diesem ungewöhnlichen Sport hat. Während fast jeder Bundesbürger schon einmal gegen einen Ball getreten hat, sind die Skischanzen der Nation nur ganz wenigen Menschen vorbehalten. Nicht einmal 400 aktive Skispringer gibt es in Deutschland. Selbst im Minigolf-Verband sind mehr als zehn Mal so viele Menschen aktiv.

Umso erstaunlicher der mediale Erfolg des winterlichen Treibens auf den vier Schanzen in Deutschland und Österreich. Es ist vielleicht der Traum vom Fliegen, der die Menschen so fasziniert. Es sind vor allem aber wohl die Sportler, die sich todesmutig mit nichts als zwei schmalen Brettern unter den Füßen die Schanzen hinunterstürzen und unvorstellbare Weiten erreichen – immer volles Risiko.

Höchstleistungen gefordert

Der erste 1809 gemessene Skisprung endete bei 9,5 Metern. Die 73,5 Meter von Eddie the Eagle, dem legendären britischen Skispringer, dessen Leben sogar verfilmt wurde, sind heute nicht mehr als ein Hüpfer. Bei der Vierschanzentournee müssen die Besten inzwischen fast doppelt so weit springen, wenn sie vorne mitmischen wollen.

Höchstleistungen sind gefordert. Vier Wettbewerbe in neun Tagen – da wird man selbst bei norddeutschem Schmuddelwetter im Land zwischen den Meeren zum Fan der Skispringer. Und dieses Mal dürfte das Interesse sogar noch größer sein als in den Vorjahren. Der Grund: Mit Richard Freitag und Andreas Wellinger gibt es zwei deutsche „Adler“, die berechtigte Hoffnungen auf den ersten deutschen Gesamtsieg seit Hannawald wecken. „Die zwei sind richtig stark. Ich bin heilfroh, dass ich sie habe“, sagt Bundestrainer Werner Schuster.

Hoffnungen auf den Gesamtsieg

Bei Richard Freitag, aktuell Führender im Gesamtweltcup, hatten die meisten die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. „Ritschi“ hatte zwar schon immer Talent im Übermaß – Biss, Ehrgeiz und Fleiß suchte man beim Sachsen aber meist vergebens. Bis zu diesem Winter. Freitag hat sich geändert. Er arbeitet hart, tritt selbstbewusst und abgeklärt auf, feiert wichtige Siege und hat richtig Lust auf die Vierschanzentournee: „Ich wünsche mir, dass bei der Tournee in Deutschland und dann auch in Österreich bei den Fans so richtig die Post abgeht. Wenn die ganzen Fahnen wehen, wird das super.“

Einer seiner größten Fans drückt die Daumen. „Ich hoffe, dass es endlich wieder mit einem deutschen Tourneesieg klappt“, sagte Hannawald. Spätestens am 6. Januar wird auch er wissen, ob sein Rekord weiter Bestand hat.

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