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21. Oktober 2017 | 05:31 Uhr

Der Geist, das Geld, der Berg

vom

Serie (28) - 1990/91: Sensation in Kaiserslautern - 40 Kisten Sekt nach Wattenscheid

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Die Meisterschaft ist den Bayern nach zwei Titeln nicht genug. Und so gibt der Trainer am 12. Mai 1990 Tausenden Fans ein Versprechen: "Wir holen den Europapokal!" Jupp Heynckes hält Wort - allerdings erst 23 Jahre später. 1990/91 gewinnt der FC Ruhmreich nichts. Die Meisterschaft geht in die kleinste Bundesliga-Stadt, wo man den Titel noch zu würdigen weiß.

Aus dem Vorruhestand in Ägypten hatten sie Karl-Heinz Feldkamp zurückgeholt an den Betzenberg; "Monsieur 100 000 Volt" sollte wie in seiner ersten Amtszeit die alten Tugenden stimulieren. Der Altmeister schaffte die Rettung und streichelte die Pfälzer Fußball-Seele mit dem Gewinn des DFB-Pokals. Manager Reiner Geye nahm einen Wunsch mit in die neue Saison: "Wir wollen nicht mehr so zittern …"

An die Meisterschaft dachten sie nicht mal im Traum, und sie glaubten auch nicht daran, als der FCK hinter Herbstmeister Werder und vor Bayern die Vorrunde abschloss. Zu übermächtig schienen die Bayern, die sich mit Stefan Effenberg (Mönchengladbach), Michael Sternkopf (Karlsruhe) und Brian Laudrup (Uerdingen) enorm verstärkt hatten.

"Die anderen sind zu blöd, um Meister zu werden", tönte Effenberg frech auf der Titelseite des "Kicker", und selbst nach der 1:2-Niederlage am Betzenberg am 23. März 1991, als die Lauterer durch einen 2:1-Sieg die Spitze übernahmen, stellte Uli Hoeneß fest: "Jeder, der Ahnung hat, weiß, dass Kaiserslautern nicht Meister wird."

Wurden sie aber doch. Zum ersten Mal in der Bundesliga, der die nicht mal 100 000 Einwohner zählende Stadt von der ersten Stunde an angehörte. Und zum ersten Mal seit 1953, als die "Walter-Elf" in ganz Deutschland, ja in ganz Europa bekannt war. Die Mannschaft um den legendären Fritz Walter war die Keimzelle der Nationalelf, die 1954 sensationell Weltmeister wurde.

"Bei uns lebt der Geist der Fünfzigerjahre, und darauf bin ich stolz", sagte Fritz Walter während des unglaublichen Höhenfluges seiner Nachfolger. In der Kabine bildeten die Profis der frühen Neunzigerjahre auf Empfehlung vom "Alten Fritz" vor wichtigen Spielen in der Kabine einen Kreis, fassten sich an den Händen und schauten sich in die Augen: Alle für einen, einer für alle.

Die Stimmung griff über auf die Ränge der engen Arena, das fanatische Publikum stand bedingungslos hinter dem Team. "Wenn wir rausgingen, wusste jeder Einzelne von uns, dass wir da draußen 30 000 Freunde und Verbündete hatten", erzählt Stefan Kuntz. "Kurfürst Kalli", wie der autoritäre Feldkamp genannt wurde, weckte Ehrgefühl, Selbstvertrauen und Teamgeist in jedem. Marco Haber, einer der vielen jungen Spieler, die von Feldkamp zu einem frühen Leistungshöhepunkt gepusht wurden, den sie danach nicht mehr erreichten, staunte: "Jeder glaubt von sich, der wichtigste Mann zu sein."

Fans und Mannschaft, von den Fußball-Snobs aus München als Provinzkicker über die Schulter angesehen, wuchsen in der Enge der kleinen Stadt zu einer Einheit. In die Endphase gingen Spieler und viele Zuschauer mit T-Shirts, die mit frechen Sprüchen bedruckt waren - eine Idee der Mannschaft als Antwort auf den Spott der Bayern. "Lieber Betzenberg als Effenberg" hieß einer.

Doch es war nicht nur der Geist, sondern auch das Geld, das beflügelte. Mit extrem hohen Prämien - bei niedrigen Grundgehältern - setzte der FCK handfeste Reize; außerdem konnte Trainer Feldkamp immer zwei Reservisten mit in die Prämienränge nehmen. 2400 Mark gab es pro Punkt; bei Heimspielen gab es 500 Mark Zuschlag, wenn mehr als 28 000 Zuschauer kamen. So brachte ein Heimsieg jedem Spieler 5300 Mark, zusätzlich zum Grundgehalt.

Am 15. Juni 1991 war die Sensation perfekt. Eine Woche nach dem Schock einer 2:3-Heimniederlage gegen Mönchengladbach begleiteten 40 000 Pfälzer ihren FCK nach Köln, wo der FC noch um seine UEFA-Cup-Chance spielte. Doch wie aufgedreht überrannten Kuntz und Co. die Kölner, das 6:2 war ein Triumph, den die Mannschaft auf einem Rheindampfer ausgiebig feierte. Und zu Hause, im Vorort Alsenborn, öffnete Italia Walter die Tür zum Garten und rief ihrem Mann zu: "Schnuggolino, se habbe gewonne!" Denn Fritz Walter, der Held von Bern, war zu nervös, um seinen Nachfolgern zuzuschauen.

40 Kisten des unter dem Namen des Weltmeister vertriebenen Sekts waren zwei Wochen vorher aus Kaiserslautern in einen Bochumer Stadtteil geschickt worden. Es war der Dank des FCK an die SG Wattenscheid 09, die am drittletzten Spieltag mit einem 3:2-Sieg gegen den FC Bayern München das Tor zum Titel für die Lauterer ein Stück weiter geöffnet hatten.

Die Wattenscheider waren die zweite Sensation der Saison, nachdem schon ihr Aufstieg eine Überraschung gewesen war. Es war die Krönung des sportlichen Lebenswerks von Klaus Steilmann; der Textilfabrikant hatte die SG-09-Fußballer in den Niederungen der Viertklassigkeit übernommen. Mit seinem Ziehsohn Hannes Bongartz als Trainer gelang ein Höhenflug, der für Steilmann späte Genugtuung für die Eingemeindung Wattenscheids nach Bochum war. Jahrelang hatte er dagegen gekämpft, vergeblich.

Und nun, am Ende der Saison 1990/91, waren seine Wattenscheider Elfter. Drei Plätze vor dem VfL Bochum.

Nächste Folge: Dreikampf um Titel

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