Bayern gegen Gladbach : Bundesliga-Spitzenspiel ist reine Kopfsache

TV-Moderator Gerhard Delling beleuchtet für unsere Zeitung das aktuelle Sportgeschehen.

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07. Dezember 2019, 15:15 Uhr

Am Samstag zählt es in Mönchengladbach – für die Bayern und für die Bundesliga. Wer Kopfrechnen kann, kommt auf sieben Punkte Rückstand, die der Abonnementmeister aus München bei einer Niederlage hätte. Wichtiger ist aber die „Kopfsache“ – davor und danach.

Davor ist es so: Manchmal traut sich ein Verein, den Bayern sportlich Paroli zu bieten. In den Köpfen aber gibt es keinen Kampf auf Augenhöhe. Auch der aktuelle Tabellenführer vom Niederrhein stellt momentan dieses „Naturgesetz“ (noch) nicht in Frage. Verständlich, hat die Mannschaft doch noch vor wenigen Wochen in der Europa League eine äußerst peinliche 0:4-Heimniederlage gegen den österreichischen Provinzclub Wolfsberg kassiert. Aber seitdem hat sich etwas verändert – bei der Borussia und in der Bundesliga.

Die Bayern selbst haben Konkurrenz zugelassen, und die Borussia hat sich nach der Blamage den Kopf frei gemacht für eine nicht für möglich gehaltene Erfolgskonstanz: Die sechs Heimspiele danach allesamt gewonnen – seit sieben Spieltagen durchgehend auf Platz 1 in der Tabelle – der neue Trainer Marco Rose scheint endgültig die Köpfe seiner zum Teil sehr jungen Schützlinge erreicht zu haben. Und der Kopf wird entscheidend sein für das Duell mit den großen Bayern – und für das „Danach“.

Rose hatte schon bei seinem Amtsantritt formuliert: „Ich möchte Tempo, ich möchte rassige Zweikämpfe und viele Torraumszenen.“ Das scheint mittlerweile bei den Profis angekommen zu sein. Die Gladbacher laufen viel, schnell (Stürmer Thuram zuletzt mit 35,6 Km/h Spitzengeschwindigkeit) und mit dem Bewusstsein, dass das tatsächlich Erfolg und Spaß bringt. Das Ergebnis ist die erfolgreichste Borussia seit 43 Jahren.

Der Kopf an sich könnte aber nicht nur psychologisch, sondern ganz einfach auch physisch den Ausschlag geben. Wenn die Borussen eine Achillesferse haben, dann ist sie ganz oben angesiedelt – im Kopfballspiel: Nur die Hälfte der Kopfballzweikämpfe haben sie gewonnen (schlechtester Wert der Liga) und so allein sechs der insgesamt 15 Gegentore kassiert.

Mit dem FC Bayern kommt nun eine besonders kopfballstarke Mannschaft, die auf diese Weise schon fünfmal getroffen hat – und plötzlich nicht nur mit Köpfchen, sondern auch wieder mit Herz spielt. Seit Hansi Flick vor vier Wochen Niko Kovac als Trainer abgelöst hat, gehen die Bayern nachweislich wieder deutlich mehr in die Zweikämpfe und rennen weiter (im Durchschnitt fast drei Kilometer mehr). Flick hat den Kopf der Spieler anvisiert und deren Herzen erreicht. Die Folge waren vier Pflichtspielsiege mit 16:0-Toren – bis zum letzten Sonnabend, als es die 1:2-Niederlage gegen Leverkusen gab. Kein Beinbruch – und schon gar kein Kopfzerbrechen behaupten die Bayern, angesichts von 22 vielversprechenden Torschüssen und drei Aluminiumtreffern.

Im Kopf behalten sollten sie beim Rekordmeister allerdings trotzdem, dass der Gast aus Leverkusen mit schnellen Gegenangriffen vor allem nach Ballverlusten zum Erfolg gekommen ist. Das genau ist auch das Spiel, das Marco Rose in Mönchengladbach treibt: Schon die Angreifer setzen den Gegner konzentriert unter Druck – das ist nicht nur psychologisch wichtig, sondern bei sechs Kontertoren auch zählbar erfolgreich. Eine runde Sache also – wie der Kopf. Aber der ist bekanntlich vor allem deshalb rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

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