"Beckenbauer der Lüfte": Lübecker Segelflug-Legende Große wird 90

Leidenschaftlicher Segelflieger: Auch mit 90 Jahren will Hans-Werner Große noch regelmäßig in die Luft gehen. Foto: dpa
Leidenschaftlicher Segelflieger: Auch mit 90 Jahren will Hans-Werner Große noch regelmäßig in die Luft gehen. Foto: dpa

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28. November 2012, 03:59 Uhr

Lübeck | Es war ein kühler und trockener Tag, als Hans-Werner Große zu einer Legende wurde. Segelflieger lieben diese Bedingungen. Doch keiner nutzte sie so wie "HWG". Am 25. April 1972 flog er 1460,8 Kilometer in elfeinhalb Stunden von Lübeck nach Biarritz. Von der Ostsee zum Atlantik. Ohne Motor. Ohne Halt. Ohne GPS. Großes Flug war mehr als ein Weltrekord, er war eine Sensation. Morgen feiert der "Franz Beckenbauer der Lüfte" seinen 90. Geburtstag.

Eigentlich wollte der Textilunternehmer an diesem Tag "nur" bis Nantes fliegen. Doch Große entschied sich kurzerhand anders. Sein Lohn war ein Eintrag in die Geschichtsbücher. Und er hätte durchaus noch länger in der Luft bleiben können: "Aber ich hatte für Spanien keine Karte mehr dabei."

Der Flug nach Biarritz war Großes spektakulärster von insgesamt 49 Weltrekorden. Bis heute ist über Europa noch kein anderer Mensch in einem Segelflugzeug nonstop weiter geflogen. Nur in Amerika, wo bessere Thermik den Fliegern Flügel verleiht, wurde Große übertroffen. In Frankreich wurde er wie ein Held empfangen und gefeiert. Hohe Politiker ließen sich mit ihm fotografieren, der Medienaufruhr war gigantisch. Selbst die "New York Times" berichtete über ihn. "Es war ein unbeschreibliches Gefühl, weiter zu fliegen als je ein Mensch zuvor, und auch weiter, als man es bis dahin für möglich gehalten hatte", sagt Große.

Seit über 70 Jahren geht Große nun schon in die Luft. Zunächst in "alten Kisten, in denen die Hose im Wind flatterte und manchmal auch das Herz". 1938 begann er seine Ausbildung, im Zweiten Weltkrieg wurde er abgeschossen, konnte aber aus dem Mittelmeer geborgen werden. Nach dem Krieg verschrieb sich Große dann dem Segelfliegen: "Es ist die Erfüllung eines Traums, der die Menschheit seit Jahrhunderten bewegt." Ein Motor kommt Große nicht ins Flugzeug: "Das ist wie Autofahren in der Luft", sagt er.

Noch immer steigt Große so oft es geht in seine "eta", mit einer Spannweite von 31 Metern das größte Segelflugzeug der Welt und 500 000 Euro teuer, und dreht seine Runden am Himmel über Nord- und Ostdeutschland. "HWG" ist der vielleicht jüngste 90-Jährige der Republik. Er surft jeden Tag im Internet, sein Handy ist ein Smartphone mit riesigem Touchscreen. Mit Skilanglauf, Nordic Walking und bewusster Ernährung hält sich der am 29. November 1922 in Swinemünde geborene Rentner fit. Sein teures Hobby will sich der Jubilar noch so lange wie es geht erhalten. "Ich habe mehr aus dem Segelfliegen gezogen, als ich reingesteckt habe", sagt Große.

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