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Weltklasse, Titel und ein Buch : Philipp Lahm: Eine Weltmeister-Karriere in zehn Kapiteln

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Aus der Onlineredaktion

Lahm hat seine Karriere durchgeplant´ wie kaum ein anderer Kicker seiner Generation. Nun hört er auf.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2017 | 16:34 Uhr

Philipp Lahm beendet im Sommer nach fast anderthalb Jahrzehnten seine Fußballer-Laufbahn. Mit Ausnahme der Europameisterschaft hat der ewig Jungenhafte als Spieler alle großen Titel gewonnen. Als Außenverteidiger war der wirbelwindige Zweikämpfer ein Jahrzehnt lang der Inbegriff von Weltklasse. Zehn Stationen aus der Bilderbuchkarriere eines (fast) Fehlerlosen mit epochalem Stellungsspiel.

Das Debüt

<p>Juli 2002: Horst Hrubesch gratuliert Lahm zum Gewinn der deutschen A-Jugendmeisterschaft. Von da an ging es schnell.</p>

Juli 2002: Horst Hrubesch gratuliert Lahm zum Gewinn der deutschen A-Jugendmeisterschaft. Von da an ging es schnell.

Foto: imago/MIS

Der FC Bayern hat am 13. November 2002 keine Chance mehr auf das Weiterkommen in der Gruppenphase der Champions League, zwei Nachwuchskräfte dürfen auch deshalb als Joker ran. Ottmar Hitzfeld wechselt zuerst Bastian Schweinsteiger und kurz vor dem Spielende auch Philipp Lahm ein.


Ein Glanzlicht in der Dunkelheit

<p>Lahm bei der EM 2004.</p>

Lahm bei der EM 2004.

Foto: imago/Camera 4

Der damalige Vize-Weltmeister Deutschland spielt bei der Europameisterschaft desolat und scheidet früh aus. Nur der 20-jährige Linksverteidiger – damals leihweise in Diensten des VfB Stuttgart – weiß mit jugendlicher Frische und verblüffender Abgezocktheit zu überzeugen. Auf ihn hatte der talentarme deutsche Fußball gewartet.


Der Allrounder

<p>Lahm nimmt Maß: Das 1:0 gegen Costa Rica begründete den Traum vom Sommermärchen.</p>

Lahm nimmt Maß: Das 1:0 gegen Costa Rica begründete den Traum vom Sommermärchen.

Foto: imago/Ulmer

Als Linksverteidiger erzielt Lahm beim Sommermärchen 2006 das erste Turniertor und damit einen seiner nur fünf Länderspieltreffer in 113 Spielen. Auf eigenen Wunsch wechselt er später unter Trainer Louis van Gaal und beim DFB unter Jogi Löw auf die Rechtsverteidigerposition. Die Beförderung von Pep Guardiola ins Mittelfeld in dessen Amtszeit gefällt Lahm. „Philipp Lahm kann zehn Positionen spielen - nur nicht die von Manuel Neuer“, sagt der katalanische Starcoach damals. Bis heute streiten Fußball-Freunde, wo auf dem Spielfeld er am besten aufgehoben ist.


Der Mann ohne Foul



Als sehr fairer Fußballer wird Lahm nur selten verwarnt. Zwischen September 2014 und Oktober 2015 bleibt er in der Bundesliga sogar ohne Foulspiel. Ganze 48 gelbe Karten sammelt er als Defensivspieler in den 635 Pflichtspielen seiner Karriere. Einen Platzverweis erhält er nie.

 

Der Unverletzliche

Mr. Zuverlässig zieht sich die Stutzen hoch.
Mr. Zuverlässig zieht sich die Stutzen hoch. Foto: imago/Team 2

Lahm muss in seiner Karriere drei lange Verletzungspausen ertragen. Zwei davon fallen auf sein „Seuchenjahr“ 2005. Noch in Diensten des VfB Stuttgart reißt er sich kurz vor Saisonende 2004/05 das Kreuzband. Schon Anfang jenen Jahres zwingt ihn ein Ermüdungsbruch zu einer monatelangen Pause. Eigentlich kehrt er als gestandener Spieler zum FC Bayern zurück, doch die erste Hinrunde ist aufgrund der Knieverletzung gelaufen. Er schafft den Durchbruch trotzdem und dann spielt er eigentlich immer.
Es vergehen fast zehn Jahre, bis der Kapitän beim Training an der Säbener Straße Ende 2014 „Scheiße, scheiße, scheiße“ schreit. Der Bruch am oberen Sprunggelenk setzt den „Unverletzlichen“ monatelang außer Gefecht.

 

Der Machtmensch

Lahm hatte die Nase voll vom „alten FC Bayern“.
Lahm hatte die Nase voll vom „alten FC Bayern“. Foto: Copyright: imago/MIS

Eine saftige Geldstrafe kassiert der seinerzeit aus Barcelona umworbene Kapitän Lahm 2010 wegen eines Zeitungs-Interviews, in dem er sich deutlich über die Vereinsphilosophie und die Transferpolitik auslässt. 50.000 Euro sollen ihn die Aussagen in Richtung der oberen Etage gekostet haben. Das Interview bewirkte jedoch auch einen entscheidenden Wandel im Verein, der für die Wiedergeburt in der europäischen Spitze steht. Von nun an wusste man: Lahm will etwas zu sagen haben. Wenige Monate später wurde er Mannschaftskapitän.


Der Titeljäger

Lahm und Ribéry mit dem Henkelpott.
Lahm und Ribéry mit dem Henkelpott.

Mit den Münchenern wird er siebenmal deutscher Meister und sechsmal DFB-Pokalsieger, 2013 gewinnt er nach zwei verlorenen Finalspielen in den Vorjahren endlich auch die Champions League. 320 Bundesligaspiele, 53 Partien im DFB-Pokal, 102 in der Champions League und insgesamt 501 Pflichtspiele für den FC Bayern weist die Bilanz des Club-Weltmeisters von 2013 auf.


Schwarze Stunde

Finale Dahoam verschenkt: Lahm kann es nicht fassen.
Finale Dahoam verschenkt: Lahm kann es nicht fassen. Foto: imago/Annegret Hilse

Einen tränenreichen Abend erlebt Lahm genau ein Jahr vorher: ausgerechnet im Heimstadion. Im „Finale dahoam“ geht der Henkelpott am 19. Mai 2012 nach Elfmeterschießen an den FC Chelsea. Lahm verwandelt seinen Elfmeter zum 1:0 - kein Trost für den gebürtigen Münchner, den es bis auf seine Leihe nach Stuttgart nie von dort fortzog. Denn er glaubte an den Titel.


Der größte Triumph

<p>13. Juli 2014: Lahm ist auf dem Höhepunkt.</p>

13. Juli 2014: Lahm ist auf dem Höhepunkt.

Foto: imago/VI Images

 

Als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft feiert Lahm am 13. Juli 2014 den vielleicht größten Abend seiner Karriere. Nach dem epochalen 7:1 im Halbfinale gegen WM-Gastgeber Brasilien wird im Endspiel Argentinien 1:0 bezwungen. Am Tag danach teilt er Bundestrainer Joachim Löw seine Entscheidung mit, die DFB-Laufbahn zu beenden.


Sein vielleicht größter Fehler

Wenn es Zweifel an der Ehrbarkeit des Musterprofis Lahm gibt, wird dafür fast immer sein Buch; „Der feine Unterschied: Wie man heute Spitzenfußballer wird“ herangezogen. Es soll ein Leitfaden für Nachwuchsspieler mit Geschichten aus dem Profifußball sein, kommt jedoch als das Türeintreten für den nächsten Karriereschritt in der Fußball-Welt an. Lahm ringt um Einfluss und hat schon vorher irritierenderweise verkündet, dass er auch nach Genesung des verletzten Michael Ballack DFB-Kapitän sein will. Ehemalige Mitspieler und Trainer auch aus der Nationalmannschaft werden in dem Buch rau angefasst. Dafür erteilte der DFB ihm eine Rüge – die Binde bleibt.


Ein kleiner Titel fehlt

Während des DFB-Pokalspiels wurde bekannt, dass Lahm seine Karriere beendet.
Während des DFB-Pokalspiels wurde bekannt, dass Lahm seine Karriere beendet. Foto: imago/Bernd Müller

Immer Leistungsträger und ein Allesgewinner im deutschen Fußball - und trotzdem fehlt ihm eine Auszeichnung. „Fußballer des Jahres“ wurde Lahm noch nie. Zum Karriereende in diesem Sommer würde die Ehrung diesmal ganz gut passen.

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