Viele Diskussionen : Personalie Mesut Özil: Löw weiß, „wie man mit ihm umgeht"

Im Trainingslager in Südtirol haben Bundestrainer Jogi Löw (links) und Mesut Özil viel miteinander gesprochen.
Im Trainingslager in Südtirol haben Bundestrainer Jogi Löw (links) und Mesut Özil viel miteinander gesprochen.

Nach einer schwierigen Vorbereitung steht Nationalspieler Mesut Özil beim deutschen WM-Auftakt gegen Mexiko im Fokus.

shz.de von
15. Juni 2018, 12:06 Uhr

Watutinki | Das überdimensionale Poster im DFB-Medienzentrum hebt die exponierte Stellung von Mesut Özil beim Fußball-Weltmeister hervor. Flankiert von Champions-League-Dauersieger Toni Kroos und Bayern-Star Mats Hummels posiert der Arsenal-Profi im Pressesaal von Watutinki in Zentrum der meterhohen Abbildung. Diese Foto-Tafel ist sinnbildlich für Özils Schlüsselrolle in der Nationalmannschaft. Aber kann der Lieblingszögling von Bundestrainer Joachim Löw in seiner schwierigsten DFB-Zeit bei der WM überhaupt groß auftrumpfen?

Turbulente Wochen liegen hinter Özil

Turbulente Wochen liegen hinter dem bald 30 Jahre alten Özil. Die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bestimmen die Schlagzeilen. Auch nach der Ankunft in Russland müssen die Teamkollegen immer wieder Partei für die gebürtigen Gelsenkirchener Özil und Ilkay Gündogan ergreifen. Die Botschaft lautet: „Wir brauchen die zwei." Was Kapitän Manuel Neuer oder Toni Kroos mit ihren Plädoyers aber vor allem meinen: Wir brauchen Mesut Özil.

Der Mittelfeldakteur ist ein zentraler Baustein im WM-Titelplan des Bundestrainers. Wenn Özil dabei ist, spielt er unter Löw auch von Beginn an. In seinen 90 Länderspielen lief er 83-mal in der Startelf auf, in seinen 14 WM-Spielen ebenfalls. Meist spielte er zentral. Insgesamt weist die Bilanz 7298 Spielminuten in der Amtszeit von Löw auf. Nur der nicht mehr aktive Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm liegt mit 7680 Minuten vor Özil. Manchmal sagen Statistiken sehr viel aus.

Diskussion über Özils Körpersprache

In Fankreisen scheiden sich die Geister am Fußball-Genius, der für Löw ein zentraler Taktgeber in der deutschen Offensive ist. Ein Teil wirft ihm vor, er sei in wichtigen Länderspielen nicht präsent genug. Andere sehen ihn als prägende Figur für den modernen und mitreißenden Fußballstil des Weltmeisters. Wenn es im DFB-Ensemble mal nicht läuft, wird reflexartig über Özils Körpersprache diskutiert. Die Körperhaltung ist aber auch keine andere, wenn er mit brillanten Pässen die Stürmer einsetzt, Räume schafft, für Überraschungsmomente sorgt. Bei Löw steht Özil ohnehin unter einem besonderen Schutz.

Nicht nur die Foto-Affäre erschwerte die WM-Vorbereitung. Körperlich hatte der Vielspieler aus der englischen Premier League ebenfalls Nachholbedarf. Er wurde von Rückenproblemen und einer Knieprellung behindert. Löw setzte Sonderschichten an, auch noch in Russland. „Es ist wichtig, dass er für seine Spielweise die körperliche Substanz hat", sagte Özil-Kenner Löw. Voller Zuversicht verkündete der Coach. „Ich weiß, wie man mit dem Mesut umgeht und ihn dahin führt, dass er körperlich in der Lage ist, hohes Tempo zu gehen."

Rückendeckung des Bundestrainers

Entsprechend wurde Özil bei einem öffentlichen Training als Dauerspielmacher in mehreren Teams eingesetzt. Der Arsenal-Profi spielte viele kluge Pässe, wirkte spielfreudig, fokussiert. Der Bundestrainer hat viel mit Özil geredet. Er gab ihm Rückendeckung in der Erdogan-Affäre, fordert aber zugleich Leistung im Gegenzug. „Wir brauchen Dich in einer starken körperlichen Erfassung", lautete Löws Ansage in einem Gespräch mit dem Torvorbereiter, der aber mit 23 selbst erzielten Treffern auch der drittbeste Schütze im Kader ist.

Löw hofft, dass nach Toren, Torvorlagen und Siegen die Pfiffe deutscher WM-Fans in den russischen Stadien gegen Özil weniger oder wenigstens leiser werden. Özil selbst schweigt beharrlich zum Thema Erdogan und den Fotos mit dem türkischen Staatschef. In Watutinki sandte der deutsche Social-Media-König bis Freitag nur ein paar nette Worte auf Englisch und Russisch an das Gastgeberland oder äußerte sich zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Gegen Mexiko will er sein bestes Botschaftsmittel wählen: Das mit den Füßen am Ball.

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