Erkenntnisse vom WM-Montag : Panama kann verteidigen, die Schiedsrichter werden gemütlich

Schiedsrichter Joel Aguilar diskutiert mit dem Südkoreaner Lee Seung-Woo.
Schiedsrichter Joel Aguilar diskutiert mit dem Südkoreaner Lee Seung-Woo.

Der Videobeweis funktioniert bei der WM ausgezeichnet. Die Schiedsrichter vertrauen mehr und mehr dem Hilfsmittel.

shz.de von
19. Juni 2018, 07:33 Uhr

Moskau | Auch als erfahrener Fußball-Fan und Sportjournalist lernt man nie aus. Immer wieder überraschen Mannschaften mit interessanten Taktiken, die Spieler zeigen sich auf dem Kopf farbenfroh oder Ergebnisse sind schlichtweg nicht vorauszusagen. Auch der vergangene WM-Montag brachte einiges zum Vorschein.

Erkenntnis: Videobeweis? Ja bitte!

Während in der Fußball-Bundesliga der Videobeweis höchst umstritten ist, fügt sich das Hilfsmittel der Schiedsrichter bei der Weltmeisterschaft vorbildlich ein. Allerdings birgt der Videobeweis eine Gefahr (neben der Tatsache, dass er hier und da zum Stimmungskiller mutiert): Die Schiedsrichter vertrauen zu sehr darauf. Das führt wiederum dazu, dass der Spielfluss unterbrochen wird und die Fans – vor allem im Stadion – irritiert sind.

Das Spiel zwischen Schweden und Südkorea (1:0) wurde durch den Videobeweis entschieden. Hierzu hätte es jedoch nicht kommen müssen beziehungsweise dürfen. Min-Woo Kim traf Viktor Claesson mit einer Grätsche, wie sie im Bilderbuch steht, im eigenen Strafraum am Knöchel. Jeder im Stadion sowie vor dem TV sah: Das war ein glasklarer Elfmeter. Nur die Pfeife blieb stumm, Schiedsrichter Joel Aguilar wartete ab. In der Folge schaute er sich noch einmal die Szene an – Strafstoß nach Videobeweis. Das war korrekt und regelkonform. Doch der Videobeweis täuscht darüber hinweg, dass sich Joel Aguilar gerade eine krasse Fehlentscheidung geleistet hat. Nach dem Motto: Ich muss keine mutigen Entscheidungen treffen, das übernehmen andere für mich. Ein gefährliches Spiel.

Erkenntnis: Panama kann kicken

Was haben sich doch (fast) alle Zuschauer der WM auf den Neuling Panama gefreut. Solche Mannschaften machen die Atmosphäre eines solchen Turniers aus. Selbst die abgehärtetsten Groundhopper dürften in ihrem Leben kaum ein Spiel des Fußball-Zwergs Panama gesehen haben. Nun darf die Mannschaft aus Mittelamerika auf der ganz großen Bühne spielen. Und siehe da: Panama kann kicken.

Herzlich willkommen bei der WM, Panama.
Imago/ZUMA Press
Herzlich willkommen bei der WM, Panama.

Beeindruckend, wie sie den ewigen Geheimfavoriten Belgien Paroli geboten haben. Vor allem in der ersten Halbzeit bissen sich die "Roten Teufel" die Zähne an der exotischen Defensivreihe aus. Mit 0:0 ging es in die Kabine. Alleine dieses Zwischenergebnis dürfte als eine der größten sportlichen Erfolge in der Fußballhistorie Panamas gewesen sein. Zugegeben, am Ende wurde es mit 0:3 deutlich. Aber auch der WM-Debütant kam zu Chancen, keine Anzeichen von Nervosität. Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist schön, Panama, dass du dabei bist.

Erkenntnis: Echte Männer weinen

Es lief die 16. Minute in der Partie zwischen England und Tunesien. Der afrikanische Keeper Mouez Hassen muss verletzungsbedingt das Spielfeld verlassen. Auf dem Weg zur Bank weint er hemmungslos, es war erst sein viertes Länderspiel seiner Karriere für Tunesien, sein erster Auftritt bei einer WM. Der Traum war bereits nach 16 Minuten vorbei.

Kaum jemand kann den Schmerz (nicht den körperlichen) nachvollziehen, den der gerade einmal 23-Jährige erleiden musste. Für einen Fußballer ist es das Größte, für seine Nation aufzulaufen. Vor allem für eine Mannschaft, für die es keine Selbstverständlichkeit ist, an einer WM teilzunehmen. Die Tränen sind mehr als nachvollziehbar, Hassen wollte seine Emotionen nicht zurückhalten. Wie schwer seine Verletzung ausfällt, ist noch nicht bekannt. Im schlimmsten Fall waren es seine einzigen WM-Minuten in seinem Leben. Womöglich schafft es Tunesien in Hassens aktiver Karrierelaufbahn nie wieder, sich für das Turnier zu qualifizieren. Wer weiß das schon genau. Deshalb bleibt nur zu sagen: Werde schnell wieder gesund.

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