Aus für weitere Top-Stars : Russland setzt nicht auf Olympia-Boykott

Russland sucht im Streit um den Olympia-Ausschluss russischer Sportler den Dialog.
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Russland sucht im Streit um den Olympia-Ausschluss russischer Sportler den Dialog.

Nach der Ächtung zahlreicher Topstars werden Russlands Sportler bei den Winterspielen in Pyeongchang wohl weitgehend mit einem Team der Namenlosen unter neutraler Flagge starten. Ein Boykott der Spiele wird vom Kreml dennoch ausgeschlossen.

shz.de von
25. Januar 2018, 07:19 Uhr

Das Entsetzen über den Olympia-Ausschluss zahlreicher Top-Stars ist riesig, doch ein Boykott der Spiele in Pyeongchang kommt für die Russen nicht infrage.

«Wir müssen mit dem Internationalen Olympischen Komitee sprechen und auf unserem Recht bestehen, soweit das möglich ist», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau. Das Wichtigste sei, besonnen zu bleiben - «im Interesse unserer Sportler». Jetzt sei «es wichtig, solche Worte wie Boykott zu vermeiden», sagte der Vertraute von Präsident Wladimir Putin der Agentur Tass.

Der Vorsitzende des Russischen Eisschnelllauf-Verbandes, Alexej Krawzow, hat unterdessen bestätigt, dass auch die Weltrekordler und Gold-Kandidaten Denis Juskow und Pawel Kulischnikow nicht auf der Liste der eingeladenen Sportler stehen. «Das ist eine Schande. Ich bin zutiefst empört über die unfaire Entscheidung der IOC-Kommission, fast alle unsere Topsportler von den Spielen auszuschließen», fügte er hinzu und beschimpfte das IOC «als Despoten und Tyrann, der alle Gesetze zertrampelt und das Schicksal der Menschen aus ihren Launen heraus bestimmt.» Wie er bestätigte, stünden nur vier Eisschnellläufer auf der IOC-Liste der 389 Russen, die für den Start in Südkorea infrage kommen.

Heftig ist die Kritik am IOC auch in russischen Medien. Die Zeitung «Sport-Express» bezeichnete das IOC als «Internationalen Olympischen Killer». Letztlich werde per Gesichtskontrolle entschieden, wer rein darf. Es entstehe der Eindruck, dass IOC-Chef Thomas Bach den «russischen Sport kleinhalten oder einen Boykott provozieren wolle».

Das IOC hatte das Nationale Olympische Komitee Russlands wegen Hinweisen auf systematisches Doping von den Spielen ausgeschlossen. Nachweislich dopingfreie russische Athleten dürfen nur auf Einladung des IOC unter neutraler Flagge bei den Wettkämpfen vom 9. bis 25. Februar antreten. Die endgültige Liste der zugelassenen Russen soll am Samstag veröffentlich werden.

Der IOC-Präsident hat unterdessen die Entscheidung verteidigt, russischen Sportstars wie Biathlet Anton Schipulin und Skilangläufer Sergej Ustjugow die Einladung nach Pyeongchang zu verweigern. «Wir wollen nur saubere russische Athleten am Start haben», sagte Bach am Mittwoch in einer Telefon-Pressekonferenz.

Sportrechtler Michael Lehner erwartet trotzdem «keine Klagewelle» der Stars. Er sieht wegen der Kürze der Zeit ohnehin keine Chance für Sportler, auf «normalem Wege» beim Sportgerichtshof CAS ihr Startrecht einzufordern. Vom 30. Januar an gebe es aber die Möglichkeit, die Ad-hoc-Kommission des Sportgerichtshofes anzurufen. «Das wäre für sie der sicherste prozessuale Weg.»

Der Sportrechtler erwartet Absprachen auf höchster Ebene. «Sportpolitisch denke ich, dass Thomas Bach und Wladimir Putin auf ein ganz bestimmtes Szenario hingesteuert haben, man könnte es einen Deal nennen.» Er könne sich daher «nicht vorstellen, dass es von russischer Seite ein Go für einzelne Athleten gibt, jetzt um die Einladungen zu kämpfen», sagte Lehner der Deutschen Presse-Agentur. Bis Mittwoch war unklar, ob Sportler gegen die Ausladung vor den CAS ziehen, wie es 42 vom IOC lebenslang gesperrte Russen derzeit tun.

Auch Ricco Groß, der deutsche Trainer der russischen Biathlon-Männer, attackierte das IOC heftig und forderte eine öffentliche Erklärung für das vermeintliche Aus von Staffel-Olympiasieger Anton Schipulin. «Auf der einen Seite sagt der Biathlon-Weltverband, dass alles in Ordnung ist und er im Weltcup starten darf. Auf der anderen Seite sagt das IOC, dass nicht alles in Ordnung ist und er in Pyeongchang nicht starten darf. Dafür muss öffentlich ein Grund genannt werden», sagte Groß dem Nachrichtenportal t-online.de.

Eisschnelllauf-Weltrekordler Juskow war geschockt. «Ich bin sauber. Ich war immer ehrlich», empörte er sich im niederländischen TV-Sender NOS. «Ich wurde hunderte Male getestet.» Juskow gewann zwischen 2013 und 2016 dreimal den WM-Titel. Bis 2008 war er vom russischen Verband gesperrt worden, weil er Marihuana konsumiert hatte.

Kulischnikow hatte schon die Spiele in Sotschi wegen Dopings nur aus der Ferne verfolgen dürfen. Nach Ablauf seiner Zwei-Jahres-Sperre gewann er 2015 und 2016 die WM-Titel über 500 Meter, dazu 2016 auch über 1000 Meter und im Sprint-Vierkampf. Als erster Eisschnellläufer durchbrach er in 33,98 Sekunden die 34-Sekunden-Schallmauer über 500 Meter und hält den Weltrekord.

Tags zuvor hatte das IOC mitgeteilt, keine Begründungen für die Ausladung russischer Sportler zu geben. Unter anderen waren auch der sechsmalige Shorttrack-Olympiasieger Viktor Ahn, die Top-Ski-Langläufer Sergej Ustjugow und Ruslan Sacharow sowie Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Xenia Stolbowa nicht eingeladen worden. Sportminister Pawel Kolobkow kündigte juristische und finanzielle Unterstützung für Sportler an, die nicht nach Südkorea reisen dürfen.

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