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Olympia 2016 in Rio - Nachrichten, Ergebnisse und Medaillenspiegel

17. Dezember 2017 | 13:27 Uhr

Olympische Spiele in Rio de Janeiro : Doping - Russlands Leichtathleten für Olympia 2016 gesperrt

vom

Bei den Olympischen Sommerspielen in Rio sind die Russen nicht dabei. Es gibt Beweise für einen flächendeckenden Betrug. Eine russische Sportlerin droht bereits mit einer Klage.

shz.de von
erstellt am 17.Jun.2016 | 17:28 Uhr

Keine Gnade für die skandalumwitterten russischen Leichtathleten: Die Läufer, Springer und Werfer der stolzen Sportnation dürfen nach den zahlreichen Dopingskandalen nicht an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen. Das Council des Weltverbandes IAAF verlängerte die seit November 2015 wirksame Suspendierung des nationalen Verbandes WFLA. „Das russische Anti-Doping-System ist frühestens in 18 bis 24 Monaten wieder regelkonform“, teilte die IAAF am Freitagabend in Wien mit. „Ich freue mich über diesen Schritt. Das ist das richtige Signal für den Weltsport“, sagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting dem TV-Sender Sport1.

Der völlige Ausschluss eines Verbandes ist laut Regel 45 im Ethik-Code des Weltverbandes bei gravierenden Verstößen gegen Anti-Doping-Regularien zulässig. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte am 9. November 2015 einen 323-seitigen Bericht vorgelegt, der ein Schreckensbild der Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik zeichnet. Am 13. November suspendierte die IAAF den nationalen Verband WFLA.

Allerdings öffnete das Council auch eine Hintertür für nachweislich saubere Athleten: Der Olympia-Start einzelner Sportler unter neutraler Flagge sei möglich, sagte der Norweger Rune Andersen, der Chef der IAAF-Taskforce zur Beobachtung der russischen Reformfortschritte. Auch darüber dürften IAAF und das Internationale Olympische Komitee am kommenden Dienstag auf dem IOC-Summit in Lausanne reden.

Die IAAF-Entscheidung zur Russland-Sperre im Wortlaut

„Die erste Empfehlung ist, dass der WFLA zu diesem Zeitpunkt nicht als Mitglied wieder eingesetzt werden sollte, da mehrere wichtige Nachweiskriterien nicht erfüllt worden sind, im Einzelnen:

  • Die tief verwurzelte Kultur der Toleranz (oder schlimmer) gegenüber Doping, die ursprünglich zur Suspendierung des WFLA führte, scheint sich bis dato nicht wesentlich geändert zu haben.
  • Eine starke und effektive Anti-Doping-Infrastruktur, die fähig wäre, Doping aufzuspüren und davon abzuhalten, ist immer noch nicht geschaffen worden.
  • Es gibt detaillierte Vorwürfe, die bereits teilweise bestätigt wurden, dass die russischen Behörden nicht etwa den Anti-Doping-Kampf unterstützen, sondern tatsächlich systematisches Doping und das Vertuschen nachteiliger Analyseergebnisse orchestriert haben.

Die Entscheidung, den WFLA nicht wieder einzusetzen, bedeutet, dass russische Athleten unter IAAF-Regeln an internationalen Wettbewerben nicht teilnahmeberechtigt sind, einschließlich der Europameisterschaften und der Olympischen Spiele 2016 in Rio.

Die zweite Empfehlung ist, dass, solange der WFLA gesperrt bleibt, keine anderen Vertreter des WFLA (d.h. Offizielle, Sportlerbetreuer usw.) am internationalen Wettbewerb oder den Angelegenheiten des IAAF teilnehmen sollten.(...)

Das IAAF-Council hat heute zudem eine Regeländerung (die dritte Empfehlung) verabschiedet, wonach, wenn es individuelle Sportler gibt, die klar und überzeugend darstellen können, dass sie vom russischen System nicht befleckt sind, weil sie außerhalb des Landes gewesen sind und anderen, effektiven Anti-Doping-Systemen unterworfen waren, darunter effektiven Drogentests, diese eine Erlaubnis, an internationalen Wettbewerben teilzunehmen, nicht für Russland, sondern als neutraler Athlet, beantragen können sollten.

Die vierte Empfehlung ist, dass jeder individuelle Sportler, der einen außerordentlichen Beitrag zum Kampf gegen Doping im Sport geleistet hat, eine solche Erlaubnis beantragen können sollte. Insbesondere sollte der Fall von Julia Stepanowa positiv geprüft werden.

Alle vier Empfehlungen wurden vom IAAF-Council einstimmig angenommen.“

 

IAAF-Präsident Sebastian Coe sprach nach der einstimmigen Entscheidung der 24 anwesenden Council-Mitglieder von einer „machtvollen Botschaft“, allerdings auch von „einem traurigen Tag für unseren Sport. Das war keine einfache Entscheidung“, erklärte der Brite. „Unser Ziel ist es nicht, so viele Länder wie möglich an den Start zu bringen, sondern so viele saubere Athleten wie möglich.“ Eine „Kollektivstrafe“ wäre nach Meinung von Andersen zwar „die leichtere Lösung“ gewesen. „Aber wir wollen den Athleten, die außerhalb des Dopingsystems stehen, die Möglichkeit für einen Olympia-Start geben - unter neutraler Flagge.“

Das russische Sportministerium reagierte unmittelbar auf die Entscheidung. Diese habe zu „einer beispiellosen Situation“ geführt, hieß es. „Die Träume vieler unserer Sportler sind wegen des falschen Verhaltens einzelner Athleten, Trainer und Experten zerstört worden.“ Zwei Stunden vor der Entscheidung hatte sich sogar Russlands Präsident Wladimir Putin noch einmal zu Wort gemeldet und eine Beteiligung des russischen Staates an Dopingvergehen von Sportlern bestritten. „Von staatlicher Seite haben wir gegen Doping im Sport gekämpft und werden das auch in Zukunft tun“, sagte Putin in St. Petersburg. „Es kann nicht sein, dass das gesamte Team die Schuld für Einzelne tragen muss“, zitierte ihn die Agentur Interfax.

„Der Ausschluss der WFLA war eine zu erwartende Entscheidung. Es war zu vermuten. Wir werden darauf reagieren“, kündigte Russlands Sportminister Witali Mutko an. Die Entscheidung der 24 anwesenden Council-Mitglieder fiel auf der Grundlage und Empfehlung einer von der IAAF eingesetzten Taskforce, die die Reformfortschritte in Russland seit Januar überwacht hat.

„Ich halte die Entscheidung der IAAF für nachvollziehbar, konsequent und im Interesse aller Sportler, die einem gut funktionierenden Anti-Doping-Kontrollsystem unterliegen“, sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der Deutschen Presse-Agentur. „Der Arbeitsauftrag an den internationalen Sport lautet: Weltweit Strukturen aufzubauen, die weltweit einen glaubwürdigen Kampf gegen Doping zu gewährleisten.“

Noch nie in der olympischen Geschichte ist eine größere Zahl von Sportlern eines Landes ausgeschlossen worden. Bei den London-Spielen waren von den insgesamt 440 russischen Sportlern ein Viertel Leichtathleten. Russland war 2012 mit 18 Medaillen nach den USA die zweitstärkste Leichtathletik-Nation.

Die Chronologie des Doping-Skandals

3. Dezember 2014 Auslöser des Skandals ist der ARD-Dokumentarfilm „Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht“. Darin wird enthüllt, dass die Erfolge russischer Leichtathleten Ergebnis von systematischem Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption war.
11. Dezember  Papa Massata Diack, der Sohn von IAAF-Präsident Lamine Diack, lässt seine Tätigkeit als Marketingberater ruhen. Russlands Leichtathletik-Präsident Walentin Balachnitschjow zieht sich als Schatzmeister des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF zurück.
12. Dezember Der Direktor der Anti-Doping-Abteilung in der IAAF, der Franzose Gabriel Dollé, legt sein Amt nieder.
16. Dezember Der frühere WADA-Chef Richard Pound leitet die Kommission zur Aufklärung der Doping-Vorwürfe gegen Russland. Weitere Gremiumsmitglieder sind der Sportrechtsexperte Richard McLaren und der deutsche Kriminalbeamte Günter Younger.
17. Februar 2015 Wegen des Dopingskandals tritt Russlands Leichtathletik-Chef Balachnitschjow zurück. Nachfolger wird Wadim Selischenko.
16. Juli Aufgrund von Doping-Ermittlungen zieht der russische Leichtathletik-Verband vorläufig sein komplettes Geher-Team von internationalen Wettkämpfen zurück. Die WM findet Ende August in Peking ohne die mit Abstand erfolgreichste Geher-Nation statt.
2. August ARD und „Sunday Times“ haben eine Liste mit 12.000 Bluttests von rund 5000 Läufern ausgewertet. Darunter sollen 800 Sportler mit dopingverdächtigen Werten sein, die von 2001 bis 2012 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gestartet sind.
19. August Der Brite Sebastian Coe wird zum neuen IAAF-Präsidenten gewählt. Er löst Diack ab, der fast 16 Jahre lang amtierte.
4. November Diack wird Bestechlichkeit und Geldwäsche vorgeworfen. Die französische Justiz erhebt Anklage gegen den 82-Jährigen.
6. November Diack soll in seiner Amtszeit mehr als eine Million Euro für die Vertuschung positiver Doping-Proben kassiert haben, erklärt eine französische Staatsanwältin.
9. November Die unabhängige WADA-Kommission um Pound legt ihren ersten Bericht vor, der ein Schreckensbild der Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik zeigt. Die Kommission empfiehlt in Genf, Russland aus der IAAF auszuschließen.
10. November Die WADA entzieht dem Doping-Kontrolllabor in Moskau vorläufig die Akkreditierung. Das Internationale Olympische Komitee suspendiert das IOC-Ehrenmitglied Lamine Diack.
13. November Die IAAF suspendiert den Gesamtrussischen Leichtathletik-Verband ARAF angesichts der gravierenden Dopingvorwürfe. Wenn die Suspendierung nicht aufgehoben wird, ist eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio nicht möglich.
18. November Die WADA suspendiert Russlands Anti-Doping-Agentur RUSADA, weil sie die Regeln nicht eingehalten hat.
7. Januar 2016 Die Ethikkommission der IAAF sperrt im Zuge des Dopingskandals den Sohn von Ex-Präsident Diack, Papa Massata, den ehemaligen IAAF-Schatzmeister Balachnitschjow und Russlands Ex-Cheftrainer Alexej Melnikow lebenslang. Der frühere Anti-Doping-Chef Dollé wird für fünf Jahre gesperrt.
12. Januar Interne Dokumente aus der IAAF-Zentrale, die der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurden, belegen, dass der Weltverband seit 2009 vom massiven Doping in Russland wusste.
14. Januar Bei der Präsentation des zweiten Berichts wirft die unabhängige WADA-Kommission im Münchner Vorort Unterschleißheim der IAAF „ein komplettes Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption“ vor. Hauptverantwortlicher für die „Organisation und Ermöglichung der Verschwörung“ sei der frühere IAAF-Präsident Diack.
16. Januar Mit einer neuen Führung will sich der russische Leichtathletikverband (WFLA) die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro sichern. In einer Sondersitzung wählt der WFLA den angesehenen Sportfunktionär Dmitri Schljachtin zum neuen Präsidenten.
6. März Das angeblich große Reinemachen in der russischen Leichtathletik wird durch neue Vorwürfe gegen die Sport-Weltmacht erschüttert. Eine neue TV-Dokumentation präsentiert im WDR Belege für Verstöße von Russlands Leichtathletik gegen Auflagen vom Weltverband IAAF und der Welt-Anti-Doping-Agentur.
12. Mai Der ehemalige Leites des Moskauer Anti-Doping-Labors, Gregori Rodschenkow, sagt der „New York Times“, er habe systematische Manipulationen im russischen Team 2014 während der Olympischen Winterspiele in Sotschi mitorganisiert. 15 der russischen Medaillengewinner in Sotschi seien gedopt gewesen. US-Justiz, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die WADA nehmen Ermittlungen auf.
17. Mai Gut elf Wochen vor den Sommerspielen hat die olympische Bewegung den Kampf gegen Doping verschärft. Bei Nachkontrollen sind 31 Olympia-Teilnehmer von Peking 2008 positiv getestet worden, wie das IOC mitteilt.
27. Mai Bei Nachkontrollen zu den Olympischen Spielen 2012 in London sind 23 Sportler positiv getestet worden, gibt das IOC bekannt. Hinzu kommt eine weitere positive Probe von den Sommerspielen 2008 in Peking.
17. Juni Die IAAF wollte in Wien entscheiden, ob Russlands Leichtathletik-Verband inzwischen die Auflagen für wirksame Dopingkontrollen erfüllt hat und der Bann aufgehoben werden kann. Rechtzeitig vor den Rio-Spielen will die WADA auch eine Untersuchung zu Sotschi abgeschlossen haben. Die Ergebnisse sollen bis zum 15. Juli vorliegen. Die Sommerspiele beginnen am 5. August.
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