Kolumne "Dellings Arena" : Ohne Fans gibt es mehr Spiel und weniger Spektakel

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Corona lenkt das Ziel des Spiels wieder zunehmend auf sich selbst, analysiert Gerhard Delling für shz.de

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23. Mai 2020, 18:22 Uhr

Das Virus hat auch den Bundesligafußball infiziert – ihn aber nicht nur krank gemacht. Im Gegenteil: Die Partien sind zwar nicht mehr das, was sie zuletzt gewesen sind – werden aber offenbar immer mehr zu dem, was sie einmal waren. Seitdem die Zuschauer aus den Stadien verbannt wurden, steht plötzlich vor allem eines wieder im Vordergrund: das Spiel. Oder wie es eine bekannte Schriftstellerin einmal ausdrückte: „Die Funktion der Hülle entspricht im Wesentlichen der Aufgabe des Kerns.“

Vor leeren Rängen gibt es (bisher) keine Rudelbildungen, früher wurde selbst bei Einwürfen um den Ball gerangelt. Es wird deutlich weniger reklamiert, lamentiert, posiert. Selbst die „Cheftrainer“ des Robert Koch-Instituts müssten mit großer Genugtuung auf die Entwicklung blicken. Denn auch beim Bundesligafußball greifen die Kontaktbeschränkungen, wobei oft ein noch größerer Sicherheitsabstand als die empfohlenen 1,5 Meter eingehalten wird.

Sogar der Torjubel fällt kürzer aus

Wie eine DFL-Tochterfirma herausgefunden haben will, gab es in den Partien des vergangenen Wochenendes deutlich weniger Nähe zwischen den handelnden Personen als in der gesamten Hinrunde. So kamen die Kicker in einem Radius von zwei Metern nicht mehr durchschnittlich sieben Minuten pro Spiel in direkten oder indirekten Kontakt, sondern nur sechs Minuten lang. Sogar der gemeinsame Torjubel fällt auffällig kürzer aus.

Dafür sind die Trainer ihren Schützlingen wieder deutlich näher als bisher – nicht räumlich, aber akustisch. Auf einmal sind Anweisungen, Lob und Kritik von der Bank laut und klar zu vernehmen. Für die Trainer bedeutet das: Wer sich jetzt mit Hinweisen zurückhält, vertut eine Chance. Der stoische, in sich gekehrte Coach ist out, der aktive Regisseur an der Seitenlinie kann das Spiel seines Teams mehr denn je beeinflussen. Druck, aber auch Anfeuerung von den Rängen gibt es nicht. Dieses Vakuum dürfen die Akteure auf der Auswechselbank füllen.

Corona lenkt das Ziel des Spiels wieder auf sich selbst

Hörbares Lob von dort stärkt den Einzelnen und das Gemeinschaftsgefühl. Dazu trägt auch die Regeländerung bei, nach der in Coronazeiten sogar fünf Spieler ausgetauscht werden dürfen. Das sollte bei manchem die Motivation erhöhen, bis an die Leistungsgrenze zu gehen. Denn jetzt muss jeder zweite Feldspieler damit rechnen, ausgetauscht zu werden. Das oft kritisierte Spielen für die Galerie ist sinnlos geworden, weil die Galerie verwaist ist. Das hat die Aufgabe der schillernden Stars erschwert. Gefragt sind gerade weniger die Spieler, die das Publikum mitnehmen, als diejenigen, die das mit dem Ball schaffen.

Corona lenkt das Ziel des Spiels wieder zunehmend auf sich selbst. Mindestens ein Tor mehr schießen als der Gegner, nur darum geht es. Oder wie schon Weltstar Johan Cruyff feststellte: „Fußball ist sehr einfach. Aber das Schwierigste, was es gibt, ist einfacher Fußball.“ Dementsprechend hat Corona die Aufgabe erleichtert. Aber spätestens wenn das Virus besiegt ist, werden wir feststellen, dass der Sport vor vollen Rängen vielleicht etwas weniger Fußball zu bieten hat, aber trotzdem mehr Spaß macht.

TV-Moderator Gerhard Delling beleuchtet für shz.de das aktuelle Sportgeschehen

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