Rückblick : „Meine erste WM...“ – Erinnerungen aus der Redaktion

Lothar Matthäus und Rudi Völler strecken jubelnd eine Faust hoch. Sie holten den Weltmeistertitel bei der WM 1990.
Lothar Matthäus und Rudi Völler strecken jubelnd eine Faust hoch. Sie holten den Weltmeistertitel bei der WM 1990.

Die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt. An die vergangenen Meisterschaften erinnert man sich gern – oder auch ungern. Welche Meisterschaft ist uns am besten im Gedächtnis geblieben? shz.de stellt die WM-Erinnerungen unserer Redakteure zusammen.

shz.de von
11. Juni 2014, 19:51 Uhr

Es geht los: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Neben der ganzen Vorfreude und Euphorie müssen wir uns auch auf knallharte Enttäuschungen einstellen. In den vergangenen Jahren konnten wir ja schon lernen damit umzugehen. Immerhin wurde die deutsche Fußball-Elf das letzte Mal im Jahr 1990 mit dem Weltmeistertitel gekrönt. Viel zu lange her.

Doch wie hat man den überwältigenden Erfolg oder den schmerzhaften Misserfolg wirklich verkraftet? shz.de mit den Erinnerungen unserer Redakteure an ihre erste WM.

Fußball-WM 1966 Weltmeister: England

Joachim Pohl aus der Lokalredaktion in Flensburg sind die Erinnerungen an die WM 1966 fest im Gedächtnis verankert:

Mit etwas Nachdenken könnte ich vermutlich noch die Torschützen der sechs deutschen WM-Spiele von 1966 aufzählen, vielleicht sogar in der richtigen Reihenfolge. Okay, es waren fünf, eines blieb torlos. Nicht nur wegen der ungerechten Vizeweltmeisterschaft und dem 3:2 durch Geoff Hurst im Finale ist die Erinnerung an das Turnier in England fest eingebrannt. Ich wurde elf in jenem Sommer, und der übliche Familienurlaub im Ferienhaus am Vejlefjord fiel in diesem Jahr aus. Dafür wurde endlich ein Fernseher angeschafft, schwarzweiß natürlich, im Holzgehäuse mit Schiebetür, damit er nicht so auffiel.

Nach dem 5:0 im Auftaktspiel gegen die Schweiz rannten wir raus auf den Bolzplatz nebenan, um die Tore von Haller, Held und Beckenbauer nachzuspielen. Nach dem 0:0 hassten wir alle Argentinier, weil die so foul gespielt hatten. Und nach dem 2:1 gegen Spanien war Linksaußen Emma Emmerich unser Held – wobei es nicht leicht war, sein Traumtor aus spitzem Winkel zu kopieren.

Das Viertelfinale gegen Uruguay (4:0, Backpfeife gegen Seeler) und das 2:1 gegen die Sowjetunion (mit dem legendären Lew Jaschin im Tor) konnte ich nicht im Fernsehen sehen, weil ich ins Zeltlager nach Hörnum auf Sylt musste – pardon: durfte. Von dem 4:0 hörten wir erst, als der Ausflugsdampfer vor Helgoland ankerte.

Das Finale war pures Leid. Als es kurz vor Schluss 2:1 für England stand, konnte ich es nicht mehr ertragen, lief in den Garten und kletterte auf den Kirschbaum, wo ich wohl zwei bis sieben Tränen verdrückte. So verpasste ich den Ausgleich durch Wolfgang Weber. Dass in der Verlängerung der Lattenschuss von Hurst ganz klar vor der Torlinie aufprallte, konnte ich als Elfjähriger sogar auf diesem kleinen, schlechten Schwarzweiß-Fernseher sehen. Betrug! Wir hassten Hurst, Schiedsrichter Dienst (Schweiz, Rache für das 0:5) und am meisten Linienrichter Bachramow, den ich noch bis heute vor mir sehe.

England wird 1966 Weltmeister: Spieler Bobby Moore jubelt mit dem Pokal in der Hand. Foto: Imago

Fußball-WM 1970 Weltmeister: Brasilien

Ulrich Schröder aus der Sportredaktion hatte als Achtjähriger das erste Mal etwas mit der WM zu tun:

Ich war acht Jahre jung und hatte mit Fußball eigentlich gar nichts am Hut. Doch in der Schule war die WM 1970 ein großes Thema – und ich infizierte mich schnell mit dem Fußball-Virus.

An die Vorrundenspiele habe ich keine Erinnerung mehr, wohl aber an die packenden Viertel- und Halbfinal-Spiele mit deutscher Beteiligung. Ich durfte beide Spiele sehen – allerdings nur bis zur 90. Minute. Alles Bitten und Betteln, doch auch die Verlängerung schauen zu können, half nichts: Am anderen Tag war Schule, ich musste ins Bett.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich keine Sekunde schlief. Der Torschrei meines sonst nicht fußballinteressierten Vaters bei Gerd Müllers 3:2 hätte auch Tote aufgeweckt. Ähnlich war’s beim Krimi gegen Italien, den ich ebenfalls nur hören konnte.

Beim Finale Brasilien – Italien war Abendessen angesagt. Jedes Mal, wenn der Reporter nur die Stimme erhob, raste ich ins Wohnzimmer. Nach dem gefühlt 14. Mal hatten meine Eltern ein Einsehen und erlaubten mir, mich vor den Fernseher zu setzen. Feine Sache, so ein Fußballspiel bis ganz zum Ende...

Brasilien jubelt: Pele wird von den Fans über den Platz getragen. Foto: Imago

Fußball-WM 1974 Weltmeister: Deutschland

Chefredakteur Joachim Dreykluft erinnert sich vor allem an das miese Wetter während der WM 1974:

Regen, Regen. Und dann der Titel.

Der Neubau des Westfalenstadions ist das erste, was mich seit 1972 als damals Vierjährigen erahnen ließ: Hier entsteht etwas Großes. Zur WM 1974 sollte die alte Kampfbahn Rote Erde an der Strobelallee in Dortmund durch ein modernes, reines Fußballstadion erweitert werden. 1974 wurde ich dann selbst Fußballer, Verteidiger in der E-Jugend des FC Brünninghausen. Die deutschen Spiele der Vorrunde fanden für mich weit weg statt, in Berlin und Hamburg. Ich erinnere mich noch an die Stimmung: Es regnete. Immer. Dann das Spiel gegen die DDR in Hamburg. Jürgen Sparwasser habe irgend etwas Schlechtes für Deutschland gemacht, schnappte ich aus den Erwachsenengesprächen auf. Und dass die Titelhoffnung für den eigentlichen Favoriten sank. Dann Siege gegen Jugoslawien und Schweden, an die ich mich nicht mehr erinnere. Und die „Wasserschlacht von Frankfurt“ gegen Polen. Im Gedächtnis bleiben große Rollen, die das Wasser vom Rasen verdrängen sollten. Dann das Finale gegen Holland! Gerd Müller war mein Held. Meine Oberschenkel, aber nicht nur die, waren damals zu dick. Der Münchner Stürmer und Schütze des Siegtores war für mich die fleischgewordene Erkenntnis: Das macht nichts. Machte es doch. Ich wurde dünner. Und Handballer.

dpa

Der deutsche Nationalverteidiger Berti Vogts im Finale gegen die Niederlande. Foto: Picture Alliance

Fußball-WM 1978 Weltmeister: Argentinien

Sportredakteur Holger Petersen erlebte seine erste WM im Alter von acht Jahren:

Udo Jürgens trällerte mit den deutschen Starkickern „Buenos Dias Argentina“ und ein österreichischer Reporter schrie ins Mikrofon: „Da kommt Krankl in den Strafraum, Schuss, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor  – i werd’ narrisch.“ Die Schmach von Cordoba – die deutsche 2:3-Pleite gegen die Ösis – war perfekt und ich, damals ein kleiner Steppke im Alter von acht Jahren, todtraurig.

Der Titelkampf 1978 in Argentinien ist die älteste WM, an die ich mich – wenn auch nicht bis ins kleinste Detail – erinnern kann. Ich weiß noch: Wegen meiner aufkeimenden Leidenschaft für den HSV war Manni Kaltz mein deutscher Lieblingsspieler. Aber den „schönen Hansi“ (Hansi Müller) fand ich, damals stolzer F-Jugendkicker des TSV Süderlügum, auch gut – weil ich mir so sehnlich die Adidas-Bolzer „Modell Hansi Müller“ (sechs Stollen, silbernde Streifen, Müller-Emblem) wünschte. Zudem ist mir von dieser WM meine Bewunderung für die Freistöße von Rainer Bonhof und die Dribblings des jungen Karl-Heinz Rummenigge im Gedächtnis geblieben. Und dass unser Schwarz-Weiß-Fernseher nach dem Anschalten etwa eine Minute brauchte, bis das erste Bild erschien.

Das Abschneiden der deutschen Elf war natürlich für einen Titelverteidiger  enttäuschend. Gefreut habe ich mich dafür aber über den 3:1-Finalsieg der Argentinier gegen die Niederlande. Weil mir ihre blau-weißen Trikots außerordentlich gut gefielen und ihr langhaariger Torjäger Mario Kempes so schön jubeln konnte. Und weil mir außerdem mein Vater eingetrichtert hatte, dass die Holländer doof seien.

Der argentinische Weltmeister Daniel Passarella lässt sich von den Fans feiern. Foto: Imago

Fußball-WM 1982 Weltmeister: Italien

Für den Redakteur Niko Wasmund war das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich wie ein Thriller:

Fußball war nie meine Leidenschaft, aber das Halbfinale Deutschland-Frankreich der Weltmeisterschaft in Spanien 1982 hat sich mir – neben dem bescheuerten Apfelsinen-Maskottchen – als erster bleibender Eindruck einer Fußball-WM ins Hirn eingebrannt. Ich war zwölf Jahre alt, meine Eltern hatten im Ferienhaus irgendwo an der Atlantikküste Südfrankreichs einen modernen Fernseher. Also saß man in der Abendhitze nach Langostinos, Muscheln und Weißbrot mit deutschen Freunden bei weit offenen Fenstern vor der Kiste. Das Spiel gegen Frankreich war in meiner Erinnerung ein Nerven zerreißender Thriller, mehrere Male stand Deutschland kurz vor dem Aus und schaffte doch eine Wendung. Die abwechselnden Jubel- und Entsetzensschreie der Erwachsenen und die Aufregung im Raum, die auch mich packte, werde ich nie vergessen. Erst die deutsche Führung, in der Folge der Ausgleich Frankreichs per Elfmeter. Dann die zwei Tore der Franzosen in der Verlängerung und der anschließende Ausgleich der Deutschen. Was für ein Kampf! Beim Elfmeterschießen machte der arme Uli Stielike den Ball nicht rein – und dann hielt Harald Schumacher zweimal. Während wir alle nach Horst Hrubeschs entscheidendem Treffer erleichtert jubelten, schloss meine Mutter pietätsvoll die Fenster. Womöglich war die Freude bei den französischen Nachbarn nicht gleichermaßen ausgeprägt.

Die deutsche Nationalelf mit Hans-Peter Briegel, Manfred Kaltz und Horst Hrubesch geht enttäuscht vom Platz. Foto: Imago

Fußball-WM 1986 Weltmeister: Argentinien

Martin Schulte aus der Kulturredaktion verdankt seine negative WM-Erinnerung einem ganz speziellen Fußballspieler:

Burruchaga – ich werde diesen Namen nie vergessen. Dieser Burruchaga war der erste Fußballer, der Emotionen in mir ausgelöst hat. Negative Emotionen. Burruchaga rannte am 29. Juni 1986 mit dem Ball am Fuß in Richtung deutsches Tor, eine Ewigkeit lang und absolut ungestört. Dieser Kerl war nicht nur furchtbar schnell, er war – aus der Kinderperspektive – auch noch ziemlich groß, ein argentinischer Riese. So rannte der Riese Burruchaga also im WM-Finale von Mexiko nach einem Maradona-Pass von der halbrechten Seite des Platzes in Richtung Toni Schumacher und machte das 3:2 für Argentinien; ein langweiliges Tor, er schob den Ball einfach mit dem Außenrist an Schumacher vorbei, aus der Sprintbewegung, kein Haken oder Übersteiger, wie ein Fußball-Beamter, die reine Pflichterfüllung. Ich stand auf dem Sofa und schrie vor Wut, wie ich zuvor schon beim Anschlusstor von Rummenigge und dem Ausgleich durch Völler geschrien hatte – allerdings vor Freude. Die ersten beiden Tore Argentiniens hatte ich verpasst, 90 Minuten Fußball waren einfach viel zu langweilig. Zehn Minuten nach Burruchagas Siegtreffer in der 84. Minute musste ich dann auch noch ins Bett, die nächste negative Emotion – daran hatte der böse Riese Burruchaga allerdings keine Schuld.

Spieler Jorge Burruchaga auf den Schultern seiner Spielkollegen. Foto: Imago

Fußball-WM 1990 Weltmeister: Deutschland

Für die WM 1990 trainierte Online-Redakteur Hendrik Mulert zur Sicherheit schon einmal selbst:

Noch das verlorene Halbfinale von der EM1988 im Kopf, war mir vor dem Achtelfinale der deutschen Elf gegen die Niederlande bei der Weltmeisterschaft 1990 schon etwas bange. Bis kurz vor Anpfiff trainierte ich zur Sicherheit selbst noch Torschüsse – in meinem Kinderzimmer, zu den Klängen von Gianna Nanninis WM-Song „Un estate italiana“. Das Tor war der Schreibtisch, das runde Leder ein Tennisball.

Klinsmann und Brehme waren dann in Mailand ebenso treffsicher wie ich in Flensburg. Dem Titelgewinn sollte nichts mehr im Wege stehen, war ich mir nun sicher. 

Stören sollte im Finale gegen Argentinien nur ein Anrufer, der glücklicherweise von meinem Vater schnell abgewimmelt wurde. Er, mein Bruder und ich teilten das Unverständnis für den gewählten Zeitpunkt. Natürlich durfte ich an diesem Juli-Abend länger aufbleiben. Schließlich war ich Weltmeister geworden – mit nur neun Jahren. 

Einschlafen konnte ich später trotzdem nicht. Auf der Straße waren lange Fans unterwegs, die mit ihren Autos durch die Nacht fuhren. Es war das erste Hupkonzert, das ich erleben durfte.

dpa

Lothar Matthäus küsst den goldenen Pokal. Foto: Imago

Fußball-WM 1994 Weltmeister: Brasilien

Deutschland schied bei der WM 1994 bereits im Viertelfinale aus. Diesen Misserfolg verdrängt die Redaktion gekonnt: Keiner kann und will sich an diese schmerzhafte Niederlage erinnern.

Fußball-WM 1990

Nur noch ein Erinnerungsfoto hilft unserem Gedächtnis auf die Sprünge. Foto: Imago

Fußball-WM 1998 Weltmeister: Frankreich

Online-Redakteur Gerrit Hencke prophezeite bei der WM 1998 schon früh das Aus für die Deutschen:

Der große Triumph der EM 1996 war kaum verflogen, da startete die WM 1998. Wer erinnert sich nicht an das Golden Goal von Oliver Bierhoff, der die Träume der deutschen Fußballfans nach einem Titel – sechs Jahre nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft – erfüllte. Ich erinnere mich gern daran. Große Hoffnungen hatte ich daher in die WM 1998 in Frankreich. Es sollte doch so viel mehr folgen. Was kam war die große Enttäuschung. Eine durchwachsene Vorrunde mit wenig klaren Siegen gegen die USA (2:0), den Iran (2:0) und einem Unentschieden gegen Jugoslawien, ließen nichts Gutes vermuten.

Im Achtelfinale kamen die Jungs von Berti Vogts nur knapp gegen Mexiko weiter und die spielerische Leistung war nach einhelliger Meinung auf dem Sofa um mich herum „nicht titelreif“. Die Legende Bierhoff hielt die Hoffnungen der Fans hoch. 2:1 siegte die DFB-Auswahl gegen Mexiko. Die mäßige Leistung der Deutschen war Gesprächsthema in der Schulpause. Als Kroatien im Viertelfinale wartete, waren meine Hoffnungen nicht mehr groß. Als es am Ende nach dem Platzverweis gegen Christian Wörns 3:0 stand, war der Traum vom großen Turnier ausgeträumt. Den Rest der WM verfolgte ich nur noch sporadisch. Der wohl größte Aufreger waren die Ausschreitungen von Hooligans, die dem französischen Polizisten Daniel Nivel das Leben zerstörten. Frankreich bezwang Brasilien im Finale souverän und holte sich somit den ersten Titel. Vielleicht war es die fehlende Sympathie für unsere Nachbarn, aber für Frankreich habe ich mich damals nicht gefreut.

Das Siegerfoto der französischen Nationalmannschaft. Foto: Imago

Fußball-WM 2002 Weltmeister: Brasilien

Die ersten WM-Erinnerungen von Nadine Triebel aus der Online-Redaktion sind schmerzhafter denn je:

Von allen Weltmeisterschaften erinnere ich mich am besten an die Weltmeisterschaft im Jahre 2002. Meine Familie und ich waren im jährlichen Sommerurlaub auf der schönen Insel Norderney, als die Weltmeisterschaft gerade stattfand. Wir kamen alle zusammen, um uns das Finale zwischen Deutschland und Brasilien anzuschauen. Eigentlich waren meine Emotionen beim Fußball nie wirklich groß. Vor allem für die Weltmeisterschaft habe ich mich nie wirklich interessiert. Aber seit diesem Spiel ist das anders. Woran ich mich am besten erinnere ist die heftige Diskussion mit meiner Mutter. Sie sprach sich die ganze Zeit für Brasilien aus und feuerte diese auch noch ununterbrochen an. „Die sind doch viel schneller, als die Deutschen. Guck dir doch mal die Beine von den Brasilianern an! Deutschland wird verlieren!“ Ihre Prognose machte mich so derartig wütend, dass ich immer mehr davon überzeugt war, dass Deutschland gewinnt, beziehungsweise schon aus Prinzip gewinnen muss. Deutschland verlor tatsächlich und ich war zum ersten Mal den Tränen nahe, was Fußball betrifft. Wir entschieden, uns abzulenken und machten uns auf den Weg in die Innenstadt. Blöde Idee. Viele Brasilianer waren auf den Straßen unterwegs und hatten nichts Besseres zu tun als uns ihre gelbgrüne Fahne ins Gesicht zu schwenken. Ich fühlte mich irgendwie persönlich angegriffen und fing an zu weinen. Seitdem bin ich ein echter Fußball-Fan. Aber nur, wenn es um die Weltmeisterschaft geht.

Der überragende Stürmer Ronaldo hält den Pokal in die Höhe. Foto: Picture Alliance

Fußball-WM 2006 Weltmeister: Italien

Ihre erste WM-Erfahrung machte Sarah Erichsen aus der Online-Redaktion erst mit 19 Jahren:

Zum ersten Mal streifte die Existenz einer Fußball-WM mein Bewusstsein im zarten Alter von 19 Jahren. Es mag daran liegen, dass das Spektakel 2006 in Deutschland ausgetragen wurde oder am plötzlichen Zwangspatriotismus meiner Mitmenschen, dass ich als sonst Fußballblinde nicht umher kam, mich zumindest am Rande mit der WM zu beschäftigen. In meiner spätpubertären Anti-Haltung versuchte ich mich zunächst in Ignoranz. Später sah ich ungläubig zu, wie Grillfeste bei Freunden für Fußballübertragungen unterbrochen wurden. Meine sonst so ehrwürdigen Eltern kauften sich einen Beamer und trugen Hawaii-Ketten im Deutschland-Design. Fußball wurde zum nachbarschaftlichen Großereignis und ich saß schmollend mittendrin. Einige Leidensstadien später war klar: Wer gesellschaftlich nicht ins Abseits driften möchte, muss den Zirkus mitmachen. Zaghaft malte ich mir eine Deutschlandflagge auf die Stirn. Im Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien fügte ich mich schließlich dem Gruppenzwang und schloss mich erst murmelnd, nach drei Bier enthusiastisch dem Gepöbel und Gezeter meiner Freunde an. Zwar liefen nach dem verlorenen Spiel keine Tränen, aber die kollektive Schwermut ließ auch mich nicht kalt. Einen Tag später war der Spuk wieder vorbei: Kleines und großes Finale wurden nur am Rande verfolgt. Was bleibt ist das Wissen um die Existenz von Philipp Lahm – der ist so putzig klein.

Italien jubelt. Ein schmerzhafter Anblick für die Deutschen. Foto: Picture Alliance

 
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