Para-Judoka aus Rendsburg Augenlicht verloren, aber nicht Optimismus: Lennart Sass träumt von Start bei Paralympics

Von Joachim Hobke | 02.11.2022, 15:51 Uhr

Nach Silber bei der EM in Italien will der 22-Jährige aus Rendsburg auch bei den Weltmeisterschaften in Baku für Furore sorgen. Dafür hat er sogar seinen Lebensmittelpunkt verlegt.

Aufgeben? Das war für Lennart Sass noch nie eine Option. Schon früh hat der Rendsburger gelernt zu kämpfen. Im Alter von fünf Jahren begann der heute 22-Jährige beim Rendsburger TSV mit dem Judosport. Legte reihenweise die Kontrahenten auf die Matte, auch physisch stärkere.

Doch dann traf er auf einen übermächtigen Gegner. Ein Gegner, gegen den keine Kniffe halfen, keine Fußtechniken, keine Würfe. 2016 wurde bei Sass LHON diagnostiziert. Vier Buchstaben, die dem damaligen Teenager das bis dahin unbeschwerte Leben nahmen.

Sass muss sich in einer völlig neuen Welt zurechtfinden

In Deutschland erkrankt jährlich eine von 30.000 Personen an der Leber’schen hereditären Optikus-Neuropathie, einer seltenen erblich bedingten Erkrankung, die zu einer Funktionsstörung der Sehnerven führt. Sass war diese eine Person.

„Warum ich?“, fragte sich der Rendsburger, fand darauf aber keine zufriedenstellende Antwort.

Innerhalb von Wochen verengte sich das Sichtfeld, bis der Schüler nur noch leichte schemenhafte Bewegungen wahrnehmen konnte – und er sich fortan in einer völlig neuen, fast von kompletter Dunkelheit umgebenen Welt zurechtfinden musste.

Familie und Freundin sprechen ihm Mut zu

Sass verlor zwar sein Augenlicht, nicht aber seinen Optimismus und die Lebensfreude. Neben seiner Familie und seiner Freundin, die ihm immer wieder Mut zusprachen, half ihm auch der Sport durch diese schwere Zeit.

„Durch das Judo habe ich das Mindset mitbekommen, gegen Widerstände anzukämpfen. Ich bin ein umtriebiger Mensch. Einfach nur noch da zu sitzen und mich in mein Schicksal zu ergeben, das war nicht mein Ding“, sagt Sass.

Handball, den er zuvor leidenschaftlich gerne gespielt hatte, war zwar jetzt nicht mehr möglich. Aber immer noch Judo. Der Kampfsport sollte sein Anker werden, auch wenn er ihn von nun an in anderer Form ausüben musste, als er es bisher kannte.

„Durch das Judo habe ich das Mindset mitbekommen, gegen Widerstände anzukämpfen.“
Lennart Sass
Para-Judoka aus Rendsburg

Da die Judoka beim Para-Judo in der Kampferöffnung nicht auf visuelle Reize reagieren können, wird gleich mit einem Griff begonnen. Sass: „Das ist zwar keine völlig neue Sportart, aber ich musste meine Technik komplett umstellen.“

Sass gewinnt bei der EM die Silbermedaille

Der Rendsburger lernte rasant und wurde zu einem der besten Kämpfer Deutschlands. Mittlerweile ist er sogar einer der besten Europas. Bei der EM Anfang September in Cagliari (Italien) gewann Sass in der Klasse J1 (blind) bis 73 Kilogramm die Silbermedaille.

Und bei den Weltmeisterschaften vom 8. bis 10. November in Baku (Aserbaidschan) will er nun auch in die Weltspitze vordringen. „Die EM-Medaille hat Ambitionen geweckt.“

Um sich bestmöglich auf die interkontinentalen Titelkämpfe vorbereiten zu können, hat Sass jüngst seinen Lebensmittelpunkt vom hohen Norden in den Südwesten nach Heidelberg verlegt, trainiert dort am Olympia-Stützpunkt. „Das wird ihn weiter voranbringen, auch im Hinblick auf die Paralympics“, sagt Bundestrainerin Carmen Bruckmann, die ihren Schützling als „Glückstreffer“ für das deutsche Para-Judo bezeichnet.

Gute Platzierung bei der WM wäre ein großer Schritt Richtung Paris

Die Weltspiele 2024 in Paris sind das übergeordnete Ziel, auf das Sass hinarbeitet. „Da zu starten, wäre ein Traum.“ Mit einer guten Platzierung bei der WM würde er diesem Traum einen großen Schritt näher kommen.

Und wenn er in Baku schon früh scheitert? Nicht das erreicht, was er sich vorgenommen hat? „Dann werde ich weitermachen, mir die nächste Chance erkämpfen.“ Aufgeben war für Lennart Sass noch nie eine Option.

Noch keine Kommentare