Mit Carl Lewis am Frühstücksbüfett

Herbert Böcker bei seinen letzten Olympischen Spielen 1996 in Atlanta.  Foto: dpa
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Herbert Böcker bei seinen letzten Olympischen Spielen 1996 in Atlanta. Foto: dpa

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05. März 2011, 03:59 Uhr

Elmshorn/Moorhusen | Alles ist einem vertraut, das flache Land, die niedrigen Büsche, der weite Blick über die Elbmarsch, zehn Kilometer nordwestlich von Elmshorn. Es riecht nach Gülle und Mist. Bauernland, Moorhusen. Seit 20 Jahren lebt hier Herbert Blöcker mit seiner Frau Rita auf einem acht Hektar großen Gelände. Eine Erlenallee führt zu dem alten Bauernhof, der früher mal abgebrannt war. Sie sind umgeben von einigen Nachbarn, von Pferdezüchtern. Auch Blöcker beteiligt sich an diesem harten Wettbewerb, der für ihn nur ein Nebenjob ist. Seine drei Zuchtstuten sind tragend, wie er sagt, in zwei Monaten werden sie fohlen. Den Nachwuchs will er dann verkaufen, so ist es geplant.

Auf einer Reitanlage bei Schleswig bereitet er zurzeit einige Tiere auf die Stuten- Leistungsprüfung vor, im Auftrag des Verbandes der Züchter des Holsteiner Pferdes. Blöcker ist der Trainingsleiter. Er beobachtet und bewertet die Tiere beim Springen und bei den Grundgangarten: Schritt, Trab, Galopp. Auch die Leistungsbereitschaft der Tiere und die Reiteigenschaften seien wichtig. Der ausgebildete Reitlehrer hilft zudem beim Verband in Elmshorn stundenweise aus. Ein ruheloser Rentner.

Fast 40 Jahre war er dort als Gestütsassistent angestellt. Jeden Morgen hatte er die lautstarken Kommandos des Futtermeisters hören müssen: "Antreten!" brüllte der schon um sechs Uhr und eine Stunde später, unvermindert kraftvoll: "Abtreten!" Befehl und Gehorsam im Pferdemilieu. "Diese Zeit hat mich geprägt", gibt Blöcker zu, der am 1. Januar 68 Jahre alt geworden ist. So habe er Pünktlichkeit und Disziplin gelernt.

Vermutlich haben ihn auch diese Eigenschaften in die Military-Weltklasse katapultiert. Elf Medaillen hat er bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei Olympischen Spielen gewonnen. Die wichtigste für ihn sei die Silbermedaille in der Einzelwertung mit Feine Dame gewesen - bei Olympia 1992 in Barcelona. "Olympia - das ist doch etwas Besonderes. Da triffst du amerikanische Weltstars wie den Sprinter Carl Lewis. Oder du stehst am Büfett neben den Basketballern, den Riesen aus dem Dreamteam der USA, und du kommst dir vor wie ein Zwerg." Das erkläre den Reiz der Olympischen Spiele. Bei den Weltmeisterschaften, oder den Weltreiterspielen, seien die Pferdesportler unter sich.

Blöcker musste in seiner glanzvollen Karriere auch lernen, mit Rückschlägen umzugehen. In Seoul hatte er sich 1988 für die Vielseitigkeit qualifiziert, also für den Geländeritt, das Springen und die Dressur. Aber sein Pferd Feine Dame war vom Tierarzt, Trainer und vom Teamchef kritisch bewertet worden; der Einsatz der Fuchsstute wäre ihnen ein zu großes Risiko gewesen. Also: Startverbot für Blöcker. Er war enttäuscht, mehr noch: "Beinahe wäre ich abgereist und nach Hause gefahren." Seine Kameraden trumpften ohne ihn auf und gewannen Mannschaftsgold. Die Funktionäre hatten alles richtig gemacht.

In Sydney, 2000, war der Schleswig-Holsteiner dann gar nicht dabei. Chicoletto, sein Partner, war negativ beurteilt worden. Der Wallach, inzwischen 22 Jahre alt, bekommt nun auf dem Hof der Blöckers sein Gnadenbrot. Dennoch, klar: die positiven Erlebnisse überwiegen. "Ich habe fast alles erreicht. Ich bin zufrieden", sagt er. In diesem Zusammenhang vermeidet er das Wort "stolz", das er auch hätte sagen können.

Die Symbole seiner Erfolge springen im Wohnzimmer sofort ins Auge. Auf der Fensterbank stehen Pokale, einige bis zu 30 Zentimeter hoch. Auch der Vitrinenschrank ist gefüllt. An den Wänden hängen Urkunden und Bilder, Drucke mit Pferdemotiven. In den Couchtisch, ein Geschenk seiner Frau Rita (70), ist ein Fach mit einer gläsernen Oberfläche eingelassen worden. Gut sichtbar und dekorativ bewahrt er hier die Medaillen und Plaketten seiner mehr als 30-Jährigen Karriere auf, die Ehrenzeichen für seine vielen Spitzenplatzierungen.

Zu einer Goldmedaille bei einem wichtigen Turnier hat es nie gereicht. "Wenn ich ehrlich bin, ich bin zu vorsichtig geritten", erklärt er, "denn ich habe immer an das Pferd gedacht. Sonst wäre für mich mehr drin gewesen."

Zurückhaltend, selbstlos, vorsichtig reiten - so habe ihn sein erster Trainer und Förderer, Max Habel aus Bad Segeberg, ausgebildet. Der habe ihm, den Bauernsohn und gelernten Landwirt aus Fiefharrie bei Bordesholm, beigebracht, den Ehrgeiz zu zügeln und dem Pferd nicht das Äußerste abzuverlangen. Blöckers Credo hört sich so an: "Ein Reiter muss in das Pferd hinein horchen, Tier und Mensch müssen eine harmonische Einheit sein."

Letzteres Prädikat dürfte wohl auch für seine Ehe gelten, denn seine Frau Rita sagt: "Ich habe Herbert den Rücken frei gehalten, ihn unterstützt, den Schriftverkehr geregelt, mich um die Buchhaltung und um den Haushalt gekümmert." Ihren Mann bezeichnet sie als zurückhaltend, ruhig und zuverlässig. Er sei eine ehrliche Haut.

Ihre Enkel, die Kinder der Tochter Meike (36), sollen nun von Opas Pferdewissen und Reitsportkönnen profitieren. Der fünf Jahre alte Mathies durfte schon mal aufs Pony, und die kleine Mirja, eineinhalb Jahre jung, sei schon jetzt "verrückt" nach Tieren. So hatte Herbert Blöckers Laufbahn auch mal begonnen.

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