Ein Schleswiger lenkt das Schwartauer Spiel

Beim VfL Bad Schwartau setzt Mathias Hinrichsen seine Mitspieler in Szene. Manchmal wirft er aber auch selbst aufs Tor. Foto: ok-press
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Beim VfL Bad Schwartau setzt Mathias Hinrichsen seine Mitspieler in Szene. Manchmal wirft er aber auch selbst aufs Tor. Foto: ok-press

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12. Januar 2011, 03:59 Uhr

Bad Schwartau | Die Qualifikation für die eingleisige 2. Handball-Bundesliga scheint für den VfL Bad Schwartau zur Formsache zu werden - selbst die Bundesliga ist in Reichweite. Großen Anteil am Erfolg hat der aus Hüsby bei Schleswig stammende Matthias Hinrichsen - der 27-Jährige ist der Kopf der Mannschaft, ihr "Capitano".

Das Handballspielen lernte Hinrichsen unter anderem bei "Zottel" Thomas Ilper. Hinrichsen erinnert sich an die gemeinsame Zeit bei der SG Friedrichsberg-Hüsby-06: "Vor allem Ehrgeiz konnte Thomas gut vermitteln." In der Qualifikation für die Oberliga scheiterten die SG 1999 an Glücksburg und Ohrstedt dennoch knapp. Ilper: "Wenn das geklappt hätte, wäre vielleicht auch so ein großes Talent wie Matthias bei uns in Schleswig geblieben. So mussten wir ihn ziehen lassen."

Denn auch in Tarp wurde man auf das Talent aufmerksam. Tarps Jugendtrainer Jürgen Bauer erkannte sofort das Talent: "Matze musste nicht mühsam antrainiert werden, den Kreisläufer mit einem Bodenpass zu bedienen, er machte das einfach." Genauso selbstverständlich sei es für ihn gewesen, einen zweiten Abwehrspieler zu binden und dann erst den Mitspieler anzuspielen. "Bei allem, was mit dem Ball zu tun hatte, war Matze nicht zu bremsen. Ausdauerläufe und Abwehrarbeit waren allerdings nicht sein Ding", sagt Bauer rückblickend. Aber: "Matze musste auch mühsamer als andere lernen, dass Kempa-Tricks und Dreher nicht immer zielführend sind und der gerade Weg zum Tor vielleicht langweilig, aber trotzdem gut ist. Am liebsten hätte er wohl in jedem Spiel ein Spektakel gehabt, Ergebnis 54:53 oder so ähnlich", mutmaßt Bauer.

Noch als A-Jugendlicher schaffte Hinrichsen den Sprung in die Erste von Tarp und spielte schon mit 19 Jahren unter Peter Rickertsen in der zweiten Liga, zusammen mit Torge Johannsen. Der ist inzwischen ein routinierter Bundesliga-Profi und stand mit der SG Flensburg-Handewitt 2007 im Finale der Champions League. Bauer ist sich sicher: "Wenn Matze einen Tick größer als 1, 85 Meter wäre, würde er auch schon längst Bundesliga spielen."

Hinrichsen, seit 2006 beim VfL Bad Schwartau, musste im Januar 2009 mit dem Tod seiner Mutter einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Ein Ereignis, dass Hinrichsens Redefluss noch heute ins Stocken bringt. Rückblickend versucht er, das Positive zu sehen: Die Trauer habe ihn erneut mit seiner damaligen Ex-Freundin Manuela Roth, ebenfalls Zweitliga-Handballerin, zusammengebracht, und auch beim VfL Bad Schwartau bekam er viel Rückhalt.

Aktuell bestreitet Hinrichsen, der bei der Lufthansa-Technik AG in Hamburg eine 35 Stunden-Woche als Fluggeräte-Mechaniker hat, einmal die Woche Athletiktraining in Hamburg, vier Mal Hallen-Training in Bad Schwartau und regelmäßig lange Auswärtsfahrten. "Insgesamt ist die Belastung grenzwertig", sagt Hinrichsen. Dass im Dezember die beiden letzten Spiele vor der WM-Pause verloren gingen, könne man auch auf diese Doppelbelastung des Halbprofitums zurückführen, ist er sich sicher. "Nach der Arbeit zum Training, jedes Mal verbunden mit zwei Stunden Fahrtaufwand - da kann man sich ja vorstellen, wie das schlaucht".

Verein und Arbeitgeber reagieren aber auf den Missstand: Aus dem 600 000 Euro Etat des VfL wird demnächst ein wenig mehr an die Spieler fließen, und von Hinrichsen werden gleichzeitig nur noch 25 Wochenstunden vom Arbeitgeber gefordert. "Für mich ist das eine sehr gute Variante. Ich kann auf hohem Niveau Handball spielen und nach meiner Karriere nahtlos wieder voll in den Betrieb einsteigen", freut sich Hinrichsen darüber, sich keine Sorgen über das Leben nach der aktiven Laufbahn machen zu müssen.

Das Karriere-Ende liegt allem Anschein nach aber noch in weiter Ferne. Hinrichsens Trainer Thomas Knorr, der selbst viele erfolgreiche Jahre bei den Bundesligisten THW Kiel, SG Flensburg-Handewitt und HSV Handball hatte, schwärmt von seinem Kapitän, der menschlich als sympathischer "Leader" und sportlich mit Spielintelligenz überzeuge: "Wenn der Gegner uns mit einer Abwehrtaktik überraschen will, hat er meist schon eine Idee, wie das Problem zu lösen ist."

In der vergangenen Saison brachte Hinrichsen es zudem auf ordentliche 127 Zweitliga-Tore und ist an der Schwartauer Handball-Euphorie - durchschnittlich 2055 Zuschauer strömen zum Zuschauerkrösus der Liga in die Lübecker Hansehalle - maßgeblich beteiligt.

Der Spielmacher selbst geht davon aus, dass sein Team nach der Pause wieder bessere Leistungen zeigen wird. Dennoch dämpft der "Capitano" des VfL die Erwartungen: "Die Bundesliga ist kein Thema. Wir wollen in die eingleisige zweite Liga."

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