Wozu eigentlich eine Torhymne?

Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.
Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.

shz.de von
07. Dezember 2018, 16:00 Uhr

Das letzte Mal hab ich an dieser Stelle die zwingend nötige Auflösung der Nationalmannschaft angeregt, mit den unbestritten günstigen Nebeneffekten noch mehr Zeit für noch nutzlosere Dinge zu haben, sich diese Grütze nicht mehr angucken zu müssen und auch das als Torhymne gebrauchte stumpfe Gegröle („Schwarz und Weiß. Wir steh'n auf eurer Seite“) von Oliver Pocher ein für alle Mal nicht mehr zu hören. So selten das in letzter Zeit auch war.

Dieses Lied, wahrscheinlich ausversehen erdacht zwischen Zähneputzen und Zubettgehen von einem vorlauten Grundschüler mit einer Überdosis Sanostol intus, wirkt wie ein Abfallprodukt aus einer im Akkord produzierenden Schlagerfabrik und hat wahrscheinlich nur deswegen die Jahre überlebt, weil es auch mit promillereichen 3,0 Bar auf dem Kessel keine sprachlichen und inhaltlichen Schwierigkeiten beim beschränkt musikalischen Einstimmen gibt.

Doch, als hätten DFB Präsident Reinhard Grindel und Mannschaftsmanager und Schauma-Model Oliver Bierhoff tatsächlich meine Kritik in Ansätzen beherzigt (gelesen werden sie die Kolumne ja wohl haben), war beim Nutzloskick gegen Holland und nach zwei vor dem Spiel gar nicht so in der Art vermuteten Toren der obligatorische Jubelsong plötzlich weg und ersetzt durch das nicht nur musikalisch beziehungslose, sondern nun auch inhaltlich fachfremde „Chöre“ (Textauszug: „Du bist das Ding für mich und die Chöre singen für dich“) von Mark Forster, dem Mann, der seinen Fernsehsessel per Knopfdruck um 180 Grad drehen kann. Immerhin reimt sich der Scheiß jetzt. Das macht es insgesamt aber auch nicht besser.

Wenn das also der Anfang des vom DFB angekündigten kompromisslosen Umbruch ist, der nach diesem Seuchenjahr 2018 zwingend folgen muss, dann aber herzlichen Glückwunsch! Radikaler und revolutionärer hätte es wohl kaum beginnen können. Warum denn auch an so unwichtigen Stellschrauben wie dem Personal, der Taktik oder der Spielphilosophie minimalst drehen, wenn man gleich die ganze Sache auf links drehen kann?

Ich meine, wozu überhaupt eine Torhymne? Diese sehr amerikanisch showbizzig anmutende Komponente des übertriebenen Abfeierns eines Zielschusserfolgs beim Fußball ist zwar schon seit Jahren selbst auf dem ackerigsten Dorfsportplatz angekommen, wo niederstes Mallorca-Liedgut durch die Lautsprecherboxen geprügelt wird, um per Zufall produzierte Tore durch Schienbeinroller und Gesichtstreffer gebührend zu zelebrieren, doch es geht auch ohne. Einfach mal in bester Gerd-Müller-Tradition ein paar Mal aus vollem Lauf hochspringen und winken. Das reicht allemal.

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