Rugenbergen im Halbfinale

Nicht zu stoppen war SVR-Stürmer Kilian Utcke (li.), der das erste Tor schoss, vom Halstenbeker Nico Gerber.
Nicht zu stoppen war SVR-Stürmer Kilian Utcke (li.), der das erste Tor schoss, vom Halstenbeker Nico Gerber.

MM

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10. August 2020, 16:00 Uhr

Halstenbek | Ein ungeschriebenes „Fußball-Gesetzt“ besagt, dass Spieler, denen ein Tor gegen ihren Ex-Klub gelingt, dieses nicht allzu ausgelassen bejubeln sollten. Daran hielt sich Enzo Simon nicht: Den Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0, den er zum 4:2-Sieg seiner Oberliga-Kicker des SV Rugenbergen im Lotto-Pokal-Viertelfinale bei der SV Halstenbek-Rellingen (Landesliga) beisteuerte, feierte er erst mit einem Luftsprung, dann mit Gesten auf sein Trikot sowie das SVR-Emblem und dann vor der HR-Bank auf dem Rasen knieend. „Da stehen wir drüber – er ist jetzt ein Oberliga-Spieler“, sagte HR-Coach Heiko Barthel über den Stürmer, der im Herbst 2019 noch für die „Baumschuler“ gekickt hatte, während SVR-Trainer Michael Fischer den Schützen, um ihn abzuklatschen, extra noch zur Seitenlinie beorderte.

Dort hatten sich Barthel und Fischer vor dem Anpfiff freundschaftlich umarmt. Eingehalten wurden die Abstandsregeln von den 150 Zuschauern, die für das Pokal-Derby, das nach einer fünfmonatigen Corona-Zwangspause das erste Pflichtspiel im Kreis Pinneberg war, zugelassen worden waren. „Die Polizei, die auf Geheiß des Ordnungsamtes vorbeigekommen ist, hatte nichts zu beanstanden – auf dieser Ebene haben wir gewonnen“, befand Hans Jürgen Stammer als erster Vorsitzender der Spielvereinigung, deren Organisations-Team „hervorragende Arbeit leistete“, wie auch Fischer lobte.

Ein Kompliment des neuen SVR-Trainers bekamen auch die HR-Kicker: „Sie haben richtig gut gespielt – und eigentlich hätten wir nach einer Viertelstunde mit 0:2 zurückliegen müssen.“ Schon in der dritten Minute schnupperte die Heim-Elf am Führungstor: Eine Rechtsflanke von Daniel Diaz hätte der neue HR-Stürmer Pascal Haase (kam vom USC Paloma) am langen Pfosten „nur“ einschieben müssen, doch er traf den Ball nicht richtig. „Den hätte ich mit Badelatschen reingemacht“, stöhnte Stammer auf der Tribüne.

Von dort aus sah er nur zwei Zeigerumdrehungen später die nächste gute Gelegenheit seines Teams: Eine Freistoßflanke köpfte Luca Ernst knapp am langen Eck vorbei. In der Folge scheiterten Luis Diaz (12. Minute) und Cherno Baba Njie (15.) jeweils mit satten Schüssen an SVR-Keeper Patrick Hartmann. Fischer missfiel die Passivität seiner Schützlinge, die er ermahnte: „Ihr bewegt euch wie in einer Senioren-Residenz.“ Jugendlichen Elan zeigte als erster Bönningstedter Marlon Stannis, dessen Schuss in der HR-Abwehr hängen blieb (21.).


Fehlerkette bei HR hat die SVR-Führung zur Folge

In der 27. Minute begünstigte „eine Halstenbeker Fehlerkette“ (Barthel) die Gäste-Führung: Ernst klärte einen hohen Ball per Kopf, obwohl sein Keeper Niklas Marten zuvor schon „Torwart“ gerufen hatte. Ümit Karakayas Befreiungsschlag misslang und dann riss Njie kurz vor dem eigenen Strafraum Kilian Utcke um. Den fälligen Freistoß verwandelte Utcke selbst aus 17 Metern halblinker Position selbst, wobei er davon profitierte, dass der von ihm aus gesehen ganz links in der Halstenbeker Fünf-Mann-Mauer stehende Mirco Clausen zur Seite ging, weshalb der halbhohe Ball zwischen ihm und Dario Ivanko hindurchflog. Marten berührte ihn noch, konnte ihn aber nicht mehr richtig abwehren.

Während Barthel seinen Schützlingen lautstark neuen Mut zusprach („Ihr seid klar besser“), schlug das klassenhöhere Team erneut zu: Simon behauptete mit guter Ballführung zwischen Ivanko sowie Nico Gerber das Spielgerät und schoss dann aus 20 Metern flach rechts ein (34.). Weil der wieder einmal sehr laufstarke Leon Neumann von rechts aus spitzem Winkel zu hoch zielte (40.) und Utcke flach rechts vorbeischoss (41.), kam der Fünftligist in der ersten Halbzeit auf keine hundertprozentige Trefferquote. Auf der Gegenseite köpfte Ernst nach Clausens Ecke von rechts knapp am kurzen Pfosten vorbei (45.), ehe es in die Pause ging.

Nach dem Seitenwechsel setzte sich „ein sehr intensives Duell“, so Fischer, fort. Bei seinem Pflichtspiel-Debüt als SVR-Coach fand es der 52-Jährige „bemerkenswert, wie gut die Akteure beider Teams nach einer so langen Spielpause und angesichts der hohen Temperaturen Gas gegeben haben“. Seine Elf verpasste es, nach einer guten Stunde eine Vorentscheidung herbeizuführen, als beim wohl schönsten SVR-Angriff über Utcke und Marlon Stannis letztlich Neumann rechts am kurzen Eck vorbeischob (61.).

Statt 0:3 hieß es im direkten Gegenzug 1:2, da Barthels „Joker“ Stach: Der eingewechselte Jannik Asmußen schob ein, nachdem Hartmann eine Rechtsflanke fallen ließ (66.). Die Hausherren schöpften neuen Mut – und wurden eiskalt erwischt: Utcke behauptete sich gegen Nico Gerber am Rande der Fairness, aber die Pfeife von Schiedsrichter Johannes Meyer-Lindenberg (Harburger TB) blieb stumm. Daraufhin passte Utcke zu Stannis, der Ivanko enteilte und von halblinks aus Marten gekonnt überlupfte – 1:3 (69.).


Mit Arnold sticht auch Barthels zweiter „Joker“

Die HR-Kicker rannten weiter an und nachdem Hartmann einen Freistoß des eingewechselten Marcel Schöttke über die Latte gelenkt hatte (78.), wurde es in der 86. Minute tatsächlich noch einmal eng. Weil bei einem Gäste-Eckstoß ein Halstenbeker vor dem einschussbereiten Kevin Beese rettete, hätte es eigentlich erneut eine Ecke für Rugenbergen geben müssen. Meyer-Lindenburg entschied jedoch fälschlicherweise auf Abstoß, und den von Marten lang nach vorne beförderten Ball versenkte mit Jannik Arnold ein weiterer „Joker“ von Barthel gegen die weit aufgerückten SVR-Kicker zum 2:3 (86.).

Daraufhin warf der Landesligist noch einmal alles nach vorne. Eine klare Chance zum 3:3, das die Verlängerung bedeutet hätte, ergab sich jedoch nicht mehr. In der vierten und letzten der angezeigten Nachspielzeit-Minuten verlor Ivanko in einem Dribbling den Ball, woraufhin die Gäste den Sack zumachten: Der eingewechselte Caleb Awuah vollendete nach einem Doppelpass mit Utcke via rechtem Innenpfosten zum 2:4-Endstand.

„Meine Mannschaft hat defensiv wie offensiv alles, was wir uns vorgenommen hatten, gut umgesetzt – bis auf das verflixte Toreschießen“, befand Barthel. Fischer räumte ein, dass sein Team „der glückliche Sieger“ sei – gleichwohl sei er „froh über den Einzug in das Halbfinale“, so der Appener, der Utcke als „Spieler, der den Unterschied macht“, lobte. Zwar ließ der Angreifer seinem Dreierpack vom vorherigen Sonntag im Testspiel gegen Komet Blankenese (4:0) nun anders, als vollmundig angekündigt, keinen Viererpack folgen – doch leitete er neben seinem 1:0 auch drei Treffer ein, so dass er immerhin vier Scorer-Punkte sammelte.

„Alle, die anwesend waren, haben ein großartiges Fußballspiel gesehen“, so Stammer, der dem Gegner fair gratulierte und „alles Gute für das Halbfinale gegen den TSV Sasel“ wünschte. Hier sind die SVR-Kicker Außenseiter. Deshalb hoffen sie, dass ein weiteres „ungeschriebenes Gesetz“, dass der Pokal seine eigenen Gesetzte hat, Gültigkeit behält ...

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