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Der Dichter am Ball : Moral und Verpflichtungen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

„Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball“, sagte der französische Philosoph Albert Camus. Um jedoch zu wissen, dass beim Fußball seit je her nicht nur der Ball, sondern auch Moral und Verpflichtungen mit Füßen getreten werden, dazu braucht man kein Philosoph zu sein. So alt wie der Sport selbst ist auch die Unsportlichkeit, die ihn begleitet.

Längst gewöhnt haben wir uns an Manuel Neuers Reklamierarm, der sofort raketengleich immer dann nach oben schnellt, wenn der Ball hinter ihm die Torlinie überquert. Egal ob berechtigt oder nicht zeigt der Bayerntorwart somit dem Schiedsrichter auf Verdacht eine vermeintliche Abseitsstellung des Schützen an. Ja, wo bleibt da die Moral?
Andi Möller, die älteren Leser werden sich an ihn erinnern, hatte zeitweise den Ruf des Weicheis weg und trug wegen seiner theatralischen Wehleidigkeit auf dem Platz den Beinamen „Heintje“; die noch älteren Leser werden sich an den holländischen Kinderstar Heintje erinnern, der singend die Tränendrüsen ganzer Generationen von Müttern und Großmüttern trocken legte. Letztgenannter trällerte Bettellieder an seine Mutter, der andere erfand vor über 20 Jahren die Schutzschwalbe und maulte sich lieber selbst, kurz bevor der Karlsruher Abwehrpanzer Dirk Schuster ihm aufopfernd die zarten Schienbeine auf Hochglanz polieren konnte. Ohne Worte, ohne Moral! Und die Kreisklassen (das Darknet des organisierten Fußballs) stehen da in Nichts nach. Auch hier wird ohne Anstand und Grund reklamiert und nach Fairness verlangt. Gleichzeitig wird nach allem getreten, was nicht bei drei und weniger ganz von alleine schutzschwalbt oder sich gewissenlos auf den Boden wirft. Kommt der Ball auch nur in Strafraumnähe, schreit der Verteidiger schon mal rein prophylaktisch und vor allem einsilbig (ja, das geht) nach „Abseits!“ Der im Mittelkreis zurückgebliebene Schiedsrichter weiß es auch nicht besser und pfeift, je nach Überzeugung, entweder Freistoß, Abstoß, Eckstoß oder Zusammenstoß.

Klare Ausbälle werden meterweit im Feld gesehen und zärtliches Touchieren des Schienbeinschoners wird theatralisch und unter täuschend echten Panikschreien zum komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch hochstilisiert, der keine drei Minuten später eine Wunderheilung erfährt, wenn der Gegner mit eben diesem Bein, welches eben noch abzufallen drohte, mit einem O-Uchi-Gari, der großen Innensichel, krachend dem Erdboden zugeführt wird. Diagnose: Ball gespielt. Alles ohne Moral. Und von Verpflichtungen fange ich gar nicht erst an.

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