Einfluss von Sport auf Körper und Geist : „Jeder kann Profi-Sportler werden“

Prof. Dr. Max Nedelmann (li.), Chefarzt der Neurologie, und Dr. med. Thomas Demmel, Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums sind sich einig: Fußball gehört zu den besten Sportarten für Kinder.
Prof. Dr. Max Nedelmann (li.), Chefarzt der Neurologie, und Dr. med. Thomas Demmel, Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums sind sich einig: Fußball gehört zu den besten Sportarten für Kinder.

Professor Dr. Max Nedelmann und Dr. med. Thomas Demmel erklären, warum Sport gerade für Kinder so wichtig ist

shz.de von
17. Juli 2018, 11:00 Uhr

Pinneberg | Fußball ist Kopfsache. Auch während der jüngst zu Ende gegangenen Weltmeisterschaft in Russland spielte der mentale Aspekt – besonders beim Elfmeterschießen – eine enorm wichtige Rolle.

Professor Dr. Max Nedelmann (49), Chefarzt der Neurologie der Regio Kliniken sowie Dr. med. Thomas Demmel (56), Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums, sprechen im Interview über die Auswirkung von Sport auf den Körper und das Nervensystem. Außerdem erklären die Ärzte, warum Bewegung sowohl in der Jugend als auch im Alter wichtig ist.

Wie wichtig ist Sport für unseren Körper?

Dr. med. Thomas Demmel: Sehr wichtig. Wir müssen junge Menschen an den Sport heranführen und sie dafür begeistern. Ich könnte mir sogar Sport als Hauptfach in der Schule vorstellen. Spielerisch können Bewegungsabläufe erlernt werden, das richtige Timing zum Ball, das Erlernen von Interaktionen zu Mitspielern und Gegnern. Jungen und Mädchen können den Sport zusammen ausüben und man braucht nicht viele Voraussetzungen: im Fußball etwa einen Platz, zwei Tore und einen Ball.

Im jungen Alter werden Bewegungs-Schablonen angelegt und im Kleinhirn abgespeichert. Diese Schablonen werden mit Training komplexer. Durch Wiederholung wird der Bewegungsablauf im Laufe der Zeit so weit perfektioniert, dass selbst ein Spezialist Schwierigkeiten hat, diese exakt nachvollziehen zu können.

Kann man eine Sportlerin oder einen Sportler mit Hilfe von exakten Methoden zum Profi trainieren?

Demmel: Der Mensch kommt sehr unfertig zur Welt. Weder das Nervensystem noch das Skelett sind ausgebildet, alles muss erst einmal erlernt werden. Gesundheit und körperliche Konstitution vorausgesetzt, spricht prinzipiell aber nichts dagegen, dass jeder Mensch die Chance besitzt, zum Beispiel Profifußballer zu werden.

Prof. Dr. Max Nedelmann: Man kann durch Training sehr viel fördern und erlernen. Die biologische Veranlagung spielt aber auch immer eine wichtige Rolle und auch Talent wird zum gewissen Maße vererbt.

Ist die frühe sportliche Förderung auch für das Gehirn wichtig?

Nedelmann: Bewegung ist gut und wichtig. Das trifft aber auf alle Altersgruppen zu. Man kann die Komplexität des Gehirns trainieren und erhöhen. Bei einem Neugeborenen ist das Nervensystem angelegt, die Nervenzellen sind aber kaum vernetzt. Das entwickelt sich mit der Zeit. Im Alter bauen Muskeln und Nervenzellen ab, es ist jedoch nie zu spät, um neue Fähigkeiten zu erlernen.

Das Nervensystem ist die komplexeste Struktur, die wir auf der Welt haben. Es besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen. Wenn man die Nervenfasern zusammenlegen würde, dann könnte man bis zum Mond und wieder zurück fliegen. Wie das Gehirn funktioniert, ist allerdings noch nicht bis ins Detail entschlüsselt worden.

Millionen Menschen treiben Sport. Ist das Erlernen einer Sportart neurologisch betrachtet kompliziert?

Nedelmann: Definitiv. Nehmen wir als Beispiel den Kopfball beim Fußball. Das ist eine hochintelligente Leistung. Die ganze Koordination, das Timing, die Antizipation. Man muss den Spieler, der den Pass spielt, im Auge haben, gleichzeitig antizipieren, wohin der Ball geflankt wird, zur richtigen Zeit hochspringen und den Kopf in die richtige Bewegung drehen. Es müssen verschiedene Hirnareale zusammenspielen, damit ein Kopfball gelingt.

Durch das Beginnen eines bestimmten Ablaufs werden im Gehirn neue Verbindungen geknüpft. Selbst wenn man 30 Minuten eine neue Tätigkeit ausübt, stellen sich im Gehirn neue Verbindungen her. Durch ständige Wiederholung wird der Ablauf quasi automatisch.

Worauf sollte bei der Auswahl der Sportart geachtet werden?

Demmel: Meiner Meinung nach ist in den ganz jungen Jahren die Sportart an sich zweitrangig. Es macht jedoch keinen Sinn, wenn ein Kind mit fünf Jahren mehrfach die Woche zehn Kilometer schwimmt. Es ist wichtiger, spielerisch koordinative Bewegungsabläufe zusammen mit anderen Kindern zu erlernen.

Das Erlernen von eher monotonen Bewegungen wie Schwimmen, Laufen oder Radfahren, die konditionelle Fertigkeiten wie Ausdauer und Muskelkraft erfordern, sollte erst später stattfinden. Die Motivation des Kindes spielerisch zu fördern, muss im Vordergrund stehen. Und wie schon gesagt, Fußball beispielsweise halte ich da für überaus gut geeignet.

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