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Extremschwimmen : Ihr mentales Meisterstück

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Die Elmshorner Extremschwimmerin Anke Tinnefeld hat als erste Deutsche die Insel Jersey im Ärmelkanal umschwommen. Der Kampf um 72 Kilometer durch Wellen und Strömungen dauerte zwölf Stunden.

Im Plattensee vor Balatonfüred (Ungarn) hatte Britta Maurer mit 41 Jahren gestern noch einmal bei den Schwimm-Weltmeisterschaften die Freiwasser-Marathon-Strecke von 25 Kilometern angehen wollen, dann aber kurzfristig verzichtet. Ein längeres Rennen gibt es laut Reglement des internationalen Schwimmverbandes FINA nicht.

Anke Tinnefeld entlockt das hingegen nur ein müdes Lächeln. 25 Kilometer, das hört sich in ihren Ohren wie ein Aufwärmprogramm an. Die 43-jährige Steuerfachangestellte aus Elmshorn hat als erste Deutsche überhaupt die Kanalinsel Jersey umrundet – schwimmender Weise über 72 Kilometer. Trotzdem ist ein WM-Rennen à la Maurer kein Thema für Tinnefeld. „Die Distanz wäre kein Problem“, stellt sie klar, „aber die Geschwindigkeit kriege ich nicht hin.“

Tempo spielt bei den Herausforderungen, denen sich die Extremschwimmerin aus Elmshorn stellt, keine wirkliche Rolle. Das war vor zwei Jahren so, als sie als erste Frau den Fehmarnbelt von der deutschen Ostseeinsel bis ins dänische Rødby durchschwommen ist. Das war nun im Ärmelkanal nicht viel anders. Eine Einschränkung gibt es: Das Zeitfenster, in dem die Umrundung der Insel möglich ist. Eine sechs Minuten nach ihr gestartete Engländerin musste ihr Vorhaben aufgeben, da sie rund vier Stunden langsamer als Tinnefeld unterwegs war und letztlich gegen die Strömung nicht mehr ankam.

„Das Timing spielt eine große Rolle“, sagt die Elmshorner Sportlerin des Jahres 2015 über ihre bisher größte gemeisterte sportliche Herausforderung. Diese spielte sich vor allem zwischen den Ohren ab. „Man kann vom Körper her auf den Punkt fit sein, aber wenn der Kopf nicht mitspielt, geht es nicht“, unterstreicht sie. Mehr als ein Jahr hat sie sich mental gezielt auf die zwölf Stunden Einsamkeit im Wasser vorbereitet. Ungläubige Fragen beim Training aus der Abteilung „Was hast du vor? Du bist ja bekloppt“ prallten letztlich an ihr ab. „Ich war immer sicher: Es geht. Ich weiß, dass es geht“, hielt sie dagegen. Geholfen hat ein Buch, das vor einem Jahr aus leeren Seiten bestand. Vier Mal am Tag hat sie auf dem Karopapier niedergeschrieben, was sie aktuell vorhat: erst die vergleichsweise kleinen Trainingsumfänge, dann die längeren Sessions auf Mallorca und Ende Mai vor Jersey bis hin zum großen Ereignis. „Das hat wirklich funktioniert. Das hätte ich vorher nie gedacht“, ist sie heute noch erstaunt über den Erfolg dieser Methode.

Vor dem Start wird sie mit Vaseline eingeschmiert.
Vor dem Start wird sie mit Vaseline eingeschmiert.

Die Uhr zeigt 5.28, als Anke Tinnefeld am Sonntag, 9. Juli, an Bord eines kleinen Bootes im Hafen der Stadt Saint Heller an der Südküste Jerseys den Wärmemantel über dem bunten Badeanzug auszieht, die Badekappe mit dem grinsenden Smiley festzieht und sich von Helfern mit Vaseline als Schutz gegen das kalte Wasser einschmieren lässt. Dann geht sie ins Wasser – und ist von da an auf sich allein gestellt. Die Bedingungen sind klar formuliert: Ab jetzt darf sie nichts und niemanden anfassen. Nur die regelmäßig gereichte Trinkflasche mit kalorien- und energiereichen Getränken darf sie greifen.

„Die ersten drei Stunden waren besser als gedacht. Das ging wie geschnitten Brot“, sagt sie über das erste Viertel auf dem Kurs, der sie entgegen des Uhrzeigersinns um die Insel führt. Anders als bei der Ostseequerung hat sie linker Hand immer Land in Sicht, rechts befindet sich das Begleitboot mit Mitgliedern des Distance Swimming Clubs, welche die Schwimmer begleiten. Die Wassertemperatur von 17 Grad fühlt sich gut an, doch mit der Strömung werden auch deutlich kältere Lagen hochgespült. „An die Kälte darfst du nicht denken“, bläut sie sich immer wieder ein und konzentriert sich stattdessen auf anderes. „Wenn ich schwimme, denke ich an mir wichtige Personen. Oder ich denke an Dinge, die ich ändern möchte, oder auch an Dinge, die gut sind, so wie sie sind.“ Und es gibt die Natur, die der Schwimmerin fast Einmaliges beschert. „Ich habe Delfine unter Wasser gehört“, berichtet sie. Fische und auch Quallen – eigentlich nicht ihre Lieblingstiere aber von der Bewegung im Element majestätisch schön – sind zu sehen.

Die Kraulbewegungen der Arme laufen da längst wie automatisiert ab. An der Nordküste erreicht sie dank der Strömung von hinten tatsächlich eine wettkampftaugliche Geschwindigkeit. Um den Nordwest-Zipfel des Eilands herumgeschwommen, treffen sie die Wellen wieder von vorn. Am härtesten sind die letzten Hundert Meter vor dem Ziel. In der letzten Bucht gibt es nur genau einen Weg durch die Söge und Strömungen, den das Begleitfahrzeug vorgibt. „Du musst direkt am Boot bleiben“, so Tinnefeld, die trotzdem das Gefühl hat, stehen zu bleiben. „Du hast ständig das Ziel im Auge und kommst nicht weiter.“ Doch das täuscht. Nach zwölf Stunden schlägt sie im Hafen an der Kaimauer an. Direkt danach ziehen sie ihre Helfer ins Boot, wo sie die Gefühle übermannen. Tränen der Erleichterung fließen. „Da bin ich total emotional.“ Das wiederholt sich, als am Strand mehr als 20 Clubmitglieder die erste Insel-Umrunderin dieses Jahres mit Sekt empfangen. Unzählige Glückwünsche aus der internationalen Gemeinschaft der Extremschwimmer folgen, die ihr bewusst machen, geschafft zu haben, was sich auch knapp zwei Wochen nach der Zielankunft für sie selbst ein bisschen wie im Traum anfühlt.

„Mut ist der Zauber, der die Träume Wirklichkeit werden lässt“, hat Anke Tinnefeld als Lieblingszitat auf der Homepage ihres Arbeitgebers stehen. Den hat sie bewiesen, und den will sie wieder beweisen. Für 2019 hat sie einen Startplatz für die Querung des Ärmelkanals sicher. Aktuell überlegt sie aber zu versuchen, dieses Abenteuer auf bereits kommendes Jahr vorzuverlegen. Die mentale Stärke dafür hat sie.

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erstellt am 22.Jul.2017 | 16:00 Uhr

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